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Mit Stift und Notizblock auf Streifzug durch die ...

DETTINGEN Kurz nach der Weggabelung hält Gerhard Bauer inne. Er greift zu seinem Fernglas, späht den Hang hinab und wendet sich an seinen Begleiter Heinz Schöttner: "Da

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BIANCA LÜTZ

unten sind ein paar Bäume weggekommen." Dann zückt er Stift und Notizblock, stapft durch die Wiese zum Ort des Geschehens und hält per Strichliste fest, was sich in Parzelle Nummer 18 getan hat: "Es sind zwei Zwetschgenbäume gefällt worden", teilt Bauer mit. Auch einige Apfel-, Birn- und Kirschbäume mussten daran glauben.

Jedes Winterhalbjahr streift Gerhard Bauer durch die Dettinger Streuobstwiesen und zählt Bäume. Das heißt: Einzeln gezählt hat er sie nur einmal, ganz am Anfang im Jahr 1988. Seither überprüft er "nur noch" Abgänge und Neuzugänge, um jährlich den aktuellen Obstbaumbestand zu ermitteln und das ist längst nicht alles: Der Dettinger kontrolliert Vogelnester und Vogelbestand, pflegt Nist- und Fledermauskästen, notiert die Zahl der Orchideen in Dettingen und schreibt auf, wie viele Rebhühner am Jauchertbach brüten. Kurz: In Wald und Flur rings um die Schlossberggemeinde entgeht dem 70-jährigen Mitglied des Naturschutzbundes (NABU) Dettingen nichts.

Für sein langjähriges und vielfältiges Engagement bei der statistischen Erfassung der Natur in seiner Heimatgemeinde ist Gerhard Bauer nun in Stuttgart mit dem Landesnaturschutzpreis der Stiftung Naturschutzfonds ausgezeichnet worden. Damit würdigt das Land "richtungsweisende Initiativen auf dem Gebiet der Erhaltung der Umwelt" und das ehrenamtliche Engagement für die Natur Baden-Württembergs.

Laut Gerhard Bauers Aufzeichnungen der Saison 2005/2006 stehen auf Dettinger Gemarkung 43 695 Obstbäume zu Beginn der Aufzeichnungen waren es noch 45 905. "Jedes Jahr nimmt die Anzahl der Bäume ein bisschen ab. Das ist ein Problem der Streuobstwiesen", sagt Heinz Schöttner, der seinen Vereinskameraden immer wieder auf seinen Streifzügen begleitet, ihm bei der Nistkastenpflege zur Hand geht und aus dem Zahlenmaterial am Computer Statistiken und Schaubilder erstellt. Immer seltener finden sich noch Idealisten, die regelmäßig Bäume schneiden, Wiesen mähen und Äpfel auflesen. "Mit der Zeit geht dadurch der charakteristische Lebensraum Streuobstwiesen verloren", fürchtet Schöttner um die typische Kulturlandschaft am Albtrauf.

Ein paar hundert Meter weiter den Feldweg hinauf ist ein Stücklesbesitzer mit dem Spaten zugange. "Helmut, wie viele hast du gepflanzt?", ruft Gerhard Bauer ihm zu und zieht seinen Notizblock aus der Tasche. Zwei neue Bäume ragen aus dem Boden und Gerhard Bauer setzt zwei Striche bei Parzelle 22 aufs Papier. "Ich habe die Dettinger Gemarkung in 54 Parzellen aufgeteilt", erläutert der Rentner, der früher als Schweißer gearbeitet hat, seine Methode und demonstriert einen ganzen Stapel von Karten. Darauf sind Linien, Schraffierungen und farbige Punkte eingezeichnet.

"Dieses Jahr bin ich mit dem Zählen ein bisschen spät dran. Aber die Hecken habe ich schon fertig," erzählt Gerhard Bauer. Das Abschreiten und Überwachen der Dettinger Hecken ist nämlich auch eine seiner Aufgaben. "Würde man Hecke für Hecke aneinanderreihen, wären es zehn Kilometer", hat Gerhard Bauer ausgerechnet, wie umfangreich der Bestand an Sträuchern ist, den er überwacht. Den Winter über sucht er Büsche, aber auch Baumhöhlen sorgfälig ab und entfernt ausgediente Vogelnester. "Die Vögel gehen da im nächsten Jahr sowieso nicht mehr rein", betont er. Gerhard Bauer allerdings geben die Nester Aufschluss über die Brutaktivitäten in Dettingen, zumal der Experte mit einem Blick erkennt, welcher Vogelart die Brutstätte zuzuordnen ist.

362 Nester von zehn freibrütenden Vogelarten hat Gerhard Bauer im vergangenen Jahr gefunden. "Vom Neuntöter gab es letztes Jahr 16 Brutpaare", weiß der Naturschützer. Auch Amsel, Goldammer und Grasmücken fühlen sich offenbar wohl in den Dettinger Streuobstwiesen ebenso wie der weithin bekannte Halsbandschnäpper. Immer wieder tut sich auch was Neues in der Dettinger Flur: "Zum ersten Mal hat der Trauerschnäpper auf unserer Markung gebrütet", freut sich Bauer und Heinz Schöttner ergänzt: "Das ist etwas ganz Besonderes."

Zu Gerhard Bauers Schützlingen gehören auch zahlreiche Fledermäuse. Stets ist er im Bilde, was sich in den eigens für die kleinen Säuger aufgehängten Kästen tut: "Letztes Jahr hatten wir vier Arten: Den kleinen und den großen Abendsegler, das große Mausohr und die Zwergfledermaus." Aber nur in 40 der 111 Kästen haben sich tatsächlich auch Fledermäuse aufgehalten. Immer wieder kommt es nämlich vor, dass bei der Kontrolle Siebenschläfer aus dem Unterschlupf lugen oder gar Hornissen ausschwärmen.

"Da drüben ist ein Mittelspecht", sagt Gerhard Bauer und blickt in Richtung eines alten, moosbewachsenen Baumes. Ein Blick durchs Fernglas gibt ihm Gewissheit: "Ein Männchen." Dann deutet der 70-Jährige auf einen mit Gestrüpp bewachsenen Hang: "Da hat ein Dachs seinen Bau und hinten bei den zwei Hügeln leben Füchse." Heinz Schöttner nickt bestätigend und schmunzelt: "Gerhard Bauer kennt die Gemarkung wie kein Zweiter. Er kennt sich hier sozusagen aus wie in seiner eigenen Hosentasche", sagt Heinz Schöttner. Das kommt nicht von ungefähr: Schon seit jeher übt die Natur auf Gerhard Bauer eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, seit über 40 Jahren ist der gebürtige Dettinger im Naturschutz aktiv. Seit er in Rente ist, streift der agile 70-Jährige fast täglich durch Wald und Wiesen. Bei seinen Aktivitäten im Dienste der Natur kommt so einiges zusammen, wie Gerhard Bauer ausgerechnet hat: "Insgesamt bin ich 170 bis 180 Stunden im Jahr unterwegs."