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Mit viel Energie zu niedrigeren Strompreisen

Beim Senken von Energiekosten können sich Handwerksbetriebe schon seit Jahren auf besondere Konzepte stützen: Der Baden-Württembergische Handwerkstag hat tausende von Handwerksunternehmen im Land zu einem einzigen Stromkunden vereint, der als Großabnehmer günstige Konditionen beim Einkauf bekommt. Bei einer Veranstaltung des CDU-Wirtschaftsrats stellte Handwerkstag-Hauptgeschäftsführer Dr. Hartmut Richter in Kirchheim das Konzept vor.

RALPH GRAVENSTEIN

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KIRCHHEIM Alles fing Ende der neunziger Jahre an: Damals begann die Liberalisierung des Strommarkts, und da Energie einen erheblichen Kostenfaktor für Betriebe darstellt, machte sich Hartmut Richter als Interessenvertreter des Handwerks auf die Suche nach Kosten sparenden Lösungen. Seine dabei gemachten Erfahrungen in den vergangenen acht Jahren präsentierte er nun im Rahmen eines Vortrags beim CDU-Wirtschaftsrat, Sektion Nürtingen-Kirchheim-Fildern. Sektionssprecher Günter Bosch stellte den Referenten der kleinen Runde aus Unternehmern im Hotel "Fuchsen" denn auch als einen Mann vor, der mit seinem Engagement dabei hilft, den "Goldenen Boden des Handwerks" zu erhalten. In der Tat seien hierfür jedoch oft mutige Schritte nötig, um auch kleinen Unternehmen diesen "Goldenen Boden" weiterhin zu sichern.

Der vom Handwerkstag beschrittene Weg auf der Suche nach günstigen Stromkonditionen für die rund 125 000 Handwerksbetriebe im Land war denn auch zunächst ein steiniger: Die Energieversorger waren anfangs nicht daran interessiert, über bessere Bedingungen zum Strombezug für Handwerker zu verhandeln, ebenso hielt es die Mehrzahl der damals neu entstehenden Energiemaklerfirmen. Erst die "Ampere AG" aus Berlin machte eine Offerte, die sich rechnete: Gegen Handlungsvollmacht würde man für die Handwerksbetriebe den Stromeinkauf organisieren ein Honorar nehme man nur dann, wenn man billiger liefern könne als der örtliche Stromanbieter dies tue.

Rund 3 000 Betriebe aus Baden-Württemberg willigten Ende 1998 erstmals in diesen Handel ein und bezogen ihre Energie plötzlich für teilweise knapp die Hälfte der bislang gezahlten Stromkosten ein lohnendes Geschäft also. Doch Richter wusste auch zu berichten, dass die Verunsicherung über so manche Details im ungewohnten Strombezug ebenfalls zunächst groß war: Wenn plötzlich keine Abschlagszahlungen des bisherigen Stromlieferanten mehr vom Firmenkonto abgebucht wurden, ging die Sorge um "dicke Gesamtrechnungen" am Ende des Jahres um, und der eine oder andere Betrieb bekam Kritik von seinem ehemaligen Stromlieferanten zu hören, der gleichzeitig auch Kunde dieses Handwerksunternehmens war. "Einem Autohaus, das jahrelang die Fahrzeuge für die örtlichen Stadtwerke geliefert hatte, wurde zum Beispiel damit gedroht, künftig keine Autos mehr liefern zu dürfen", erzählte Richter aus seinem langjährigen Erfahrungsschatz. Mittlerweile hätten sich diese Probleme aber eingespielt. Für das Projekt "Strompool für Handwerker" gab es indes auch von ganz anderer Seite Kritik: So zweifelte etwa Gerhard Goll, früherer Chef des Energieriesen EnBW an, ob der Handwerkstag als öffentlich-rechtliche Institution überhaupt mit einer solchen Initiative in den Strommarkt eingreifen dürfe.

Die Zeit der kritischen Debatten sei jedoch mitterweile vorbei und einer neuen Phase der Kooperation gewichen. Nachdem sich ab 2002 der Strommarkt durch Fusionen der großen Anbieter beruhigt hatte, zogen die Preise auf breiter Front wieder an seit 2003 ist man mit dem landesweit aktiven Versorger EnBW wieder im Geschäft, kann aber aufgrund der derzeitigen Situation im Strommarkt keine so großen Preisvorteile mehr erzielen, wie das zu Anfang gewesen sei: "Zwei bis drei Cent unter dem Regeltarif sind für die heute rund 10 000 Teilnehmer an unserem Energiepool aber immer noch drin", so Richter.

Doch mit dem Energiekonzern mit Sitz in Karlsruhe tüftelt man mittlerweile auch an ganz neuen Konzepten, die dem Handwerk zwar keine geringeren Kosten, aber Mehreinnahmen bescheren können: So hat man in den unterschiedlichsten Sparten der Handwerkerschaft mittlerweile das alte Denken von starren Zuständigkeiten für spezifische Gewerke aufgebrochen. Landesweit wurden rund 1 500 Experten aus unterschiedlichsten Innungen zu Beratern für effizientere Nutzung von Energie ausgebildet. Clevere Konzepte zur Energie-Einsparung seien gerade durch den nun verbindlichen "Energiepass" für Immobilien in Zukunft gefragter denn je, und das Handwerk könne diese anbieten. EnBW nutze dabei gerne die Kompetenzen der Fachleute vor Ort, so Richter: "Schließlich hat der Energiekonzern kein eigenes technisches Personal mehr für solche Aufgaben."

Zum Zuge dürfte zudem das Handwerk auch dann kommen, wenn die nächsten Schritte auf dem Weg in die Energiezukunft gemacht würden, wie sie sich auch die EnBW vorstellen kann: Die "dezentrale Energieversorgung" sei die nächste große Chance, so Richter. Hinter dem unscheinbaren Begriff verbirgt sich das durchaus weit reichende Konzept, Großkraftwerke und die dafür erforderlichen teuren Stromnetze durch Energieerzeugung vor Ort zu entlasten oder gar zu ersetzen. Die Rolle des Handwerks sei dabei wesentlich: Prüfen, welcher Energiebedarf vorhanden ist, konzipieren, welche Energiequellen dafür in Frage kommen und schließlich der Aufbau solcher Lösungen das sei die künftige Rolle vieler Handwerksbetriebe im Lande. Vorteilhaft sei dabei der hohe Technologiestandard bei Themen wie Wind-, Solar- oder Geo-Energie, der in Baden-Württemberg bereits verfügbar sei, so Richter: "Wir hätten bei diesem Konzept eine durchgängige lokale Wertschöpfung, und wenn sich diese Lösungen hier vor Ort bewähren, könnten sie ein echter Exportschlager werden."

In der anschließenden, teils leidenschaftlich geführten Diskussion um das Thema Energie stand dann die momentane Situation bei der Stromversorgung im Mittelpunkt. Doch trotz teilweise unvereinbarer Ansichten zu Kernkraft, Windenergie und künftiger Ausrichtung der Energiepolitik zeigten sich alle Anwesenden darüber einig, dass die vorgestellten Konzepte und Ideen richtige und wichtige Schritte seien.