Lokales

Miteinander sprechen tut Not

Bei der Behandlung Pflegebedürftiger weiß die eine Hand oft nicht, was die andere tut

Unnötige Einweisungen ins Krankenhaus, Wechselwirkungen bei Medikamenten – das sind nur zwei Probleme, die entstehen können, wenn Ärzte und Mitarbeiter von Pflegeheimen und -diensten nicht miteinander sprechen. Wie die Kommunikation verbessert werden kann, war Thema der Auftaktveranstaltung „Versorgung gemeinsam gestalten“ im Kirchheimer Rathaus.

Serie Nachtarbeiter Intensivstation Krankenhaus Kirchheim - Krankenschester - Krankenpfleger - Patient - Krankenhaus
Serie Nachtarbeiter Intensivstation Krankenhaus Kirchheim - Krankenschester - Krankenpfleger - Patient - Krankenhaus

Welches Ziel verfolgen die Veranstalter?

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Die Auftaktveranstaltung „Versorgung gemeinsam gestalten“, zu der die Kirchheimer Ärzteschaft, Mitarbeiter aus Kliniken, Praxen, ambulanten Diensten und Pflegeheimen sowie die Mitglieder der Altenhilfekonferenz ins Rathaus gekommen sind, ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer besseren Versorgungskette in der Stadt. Krankenhaus, niedergelassene Ärzte, ambulante Dienste und Pflegeheime, so der Wunsch der Veranstalter, sollen in Zukunft noch besser zusammenarbeiten. Initiiert wird das Forum von den Kreiskliniken und der Stadt Kirchheim. „Wir wissen um die hervorragende Arbeit der Fachkräfte, aber wir müssen Versorgung im Alter neu denken“, sagte Hausherrin Angelika Matt-Heidecker in ihrer Begrüßung. Die Grundlagen für die Versorgung, wie sie in knapp zehn Jahren aussehen soll, müssten heute gelegt werden. Die städtische Ebene haben die Veranstalter bewusst gewählt. „Es nützt nichts, nach Brüssel oder Berlin zu schauen. Es muss sich hier vor Ort etwas ändern“, sagte Dr. Ernst Bühler von der Klinik Kirchheim, der die Veranstaltung moderierte. Das war natürlich Musik in den Ohren von Dieter Kress, Geschäftsführer der AOK Neckar-Fils. „In mir haben Sie einen Verbündeten. Veränderungen kann man nur vor Ort organisieren“, sagte er.

Woran hapert es in der Zusammenarbeit?

Sogenannte „Drehtüreffekte“, also wiederholte Einweisungen ins Krankenhaus, weil die Betreuung nach dem Klinikaufenthalt fehlt, gefährliche Wechselwirkungen zwischen Medikamenten, weil mehr als zehn unterschiedliche Arzneimittel gegeben werden – das sind nur zwei Folgen mangelnder Kommunikation zwischen Krankenhaus, Pflegeheimen beziehungsweise -diensten und Ärzten, auf die Stephan Nowak, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Pflegedienstleitungen Kirchheim (AG PDL) in seiner Präsentation einging. Es hapert also sowohl beim Entlassmanagement als auch bei der ganz normalen hausärztlichen Betreuung der Patienten im Pflegeheim. „Häufig trifft der Arzt jedes Mal eine andere Pflegekraft an, wenn er auf Visite geht“, so Stephan Nowak. Die Pflegeheime beschwerten sich ihrerseits, dass sie mit ihren Anfragen nicht zu den Hausärzten durchkämen. Die Leidtragenden sind zum einen die Patienten, die immer wieder ohne Not aus ihrem häuslichen Umfeld oder dem Pflegeheim gerissen und ins Krankenhaus eingewiesen werden. Teuer ist die fehlende Kommunikation zudem, weil Notarzteinsätze oder unnötige Krankenhausaufenthalte viel Geld kosten.

Wer ist schuld?

Die Teilnehmer der Auftaktveranstaltung waren sich weitgehend einig, dass der Fehler im System liegt. „Der Medizinische Dienst der Krankenkassen sitzt uns ständig im Nacken und prüft bei allem, ob es zwingend notwendig ist“, sagte Thorsten Lukaschewski, Vorstandsvorsitzender der Kreisärzteschaft und Ärztlicher Direktor der Klinik Kirchheim in Personalunion. Den Patienten als Ganzes zu versorgen, gehe gar nicht mehr, weil immer auf die Länge des Krankenhausaufenthalts geschaut werde. Auch Dr. Thomas Löffler, Leiter des Hausärzte-Zirkels Kirchheim, sparte nicht mit Kritik am System. „Wir brauchen mehr Menschlichkeit, Würde, Zusammenarbeit und Vertrauen“, sagte er. Bei den Kassen – mit Ausnahme der AOK – sei eine Entregionalisierung in Gang, mit dem Ziel, die Erreichbarkeit vor Ort zu verschlechtern. Verbindlichkeit im Sinne des Patienten werde abgebaut. Statt mehr Kontrolle brauche es mehr Vertrauen in die Mitarbeiter. Die vielfach schlechte Entlohnung der Pflegekräfte ist für Thomas Löffler mit einer würdevollen Pflege unvereinbar. Der Bürokratiewust auch. „Die Pflegekräfte müssen an den Patienten und weg vom Papier“, sagte Löffler.

Welche Lösungsansätze gibt es?

Dieter Kress, Geschäftsführer der AOK Neckar-Fils, hält es für zwingend notwendig, Bürokratie abzubauen, „auch wenn wir immer dafür geschlagen werden“. Bürokratie abbauen könne auch bedeuten, dass das Pflegeheim nicht fünf Mal einen Arzt anrufen müsse, sondern einen Heimarzt als Ansprechpartner habe. Kress verwies auf einen entsprechenden Modellversuch, der aktuell an zwei Städtischen Esslinger Pflegeheimen läuft. Die Ärzte, die daran teilnehmen, erhalten höhere Vergütung. „Das finanziert sich aber von selbst, weil wir dadurch weniger Einweisungen ins Krankenhaus und weniger Rettungsdiensteinsätze haben“, so Kress. Er sei gerne bereit, den Modellversuch auszuweiten. „Die Kommunikation zwischen Klinik, Ärzten und Pflegeheimen muss institutionalisiert werden“, forderte Thorsten Lukaschewski. Darüber hinaus schlug er vor, aus dem Kreis der Anwesenden acht Teilnehmer aus allen Bereichen zu suchen, die bereit seien, konkrete Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Die waren schnell gefunden. „Durch persönliches Kennen und Nähe kann man mehr Verbindlichkeit schaffen als in einem großen Kreis“, glaubt Lukaschewski.