Lokales

Mittler erzieht zur Achtung vor dem Lebendigen

Susanne Lange-Greve spricht auf Einladung des Literaturbeirats über den deutsch-böhmischen Schriftsteller Josef Mühlberger

Kirchheim. „Leben an Grenzen“ – unter diesem sprechenden Titel würdigte Dr. Susanne Lange-Greve

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Florian Stegmaier

Leben und Werk des deutsch-böhmischen Schriftstellers Josef Mühlberger (1903 – 1985). An den Beginn ihres Vortrags stellte die Kulturwissenschaftlerin, die auf Einladung des Kirchheimer Literaturbeirats im Max-Eyth-Haus referierte, eine bezeichnende biografische Episode: Im September 1927, gerade einmal 24-jährig, besucht Mühlberger den Literaten und Kafka-Freund Max Brod, damals einer der führenden Köpfe des „Prager Kreises“. Mühlberger initiiert so den Erstdruck einer Erzählung Franz Kafkas in der von ihm gemeinsam mit Johannes Stauda herausgegebenen Zeitschrift „Witiko“.

Im „Witiko“, einer Publikation für „Kunst und Dichtung“, wurden zwischen 1928 und 1932 Neuerscheinungen der sudetendeutschen und tschechischen Literatur vorgestellt. Erstveröffentlichungen von Kafka und Brod standen dort neben solchen von Erwin Guido Kolbenheyer, Bruno Brehm und Johannes Urzidil. Auch Werke von Mühlberger selbst finden sich darin, Gedichte etwa aus seinem Lyrikband „Singende Welt“. Die 1930er-Jahre bringen für Mühlberger den literarischen Durchbruch, aber auch wachsende Anfeindung. Im Leipziger Insel-Verlag erscheinen 1934 „Die Knaben und der Fluß“ und das Drama „Wallenstein“, ein Jahr später der Roman „Die große Glut“. „Es ist die schönste und einfachste junge Dichtung, die ich seit langem gelesen habe“ urteilt Hermann Hesse in der Neuen Züricher Zeitung über die Erzählung „Die Knaben und der Fluß“.

An der gleichwertigen, völlig vorurteilsfreien Behandlung verschiedener literarischer und regionaler Strömungen im „Witiko“ entzündet sich jedoch auch scharfe Kritik. Mühlberger gerät zunehmend in den Fokus nationalsozialistischer Kräfte, man verunglimpft ihn gar als „Abtrünnigen“, der sich „unnational und pervers“ verhalte. Er entgegnet, diese Angriffe beruhten auf „Missverständnissen“. Die Aufgabe des „deutschen Dichters im Grenzland“ liege gerade darin, „das nachbarliche Volkstum in seiner besten Eigenart verstehen zu lernen und als Mittler zur Achtung vor dem Lebendigen“ zu erziehen. Für einen „nationalen Kampf“ fehle ihm schlichtweg „das Organ“. Nationalität galt Mühlberger vielmehr als „gelebter Reichtum innerhalb der Menschenwelt“, als „Freude an der Vielfalt des Daseins“.

Eine solch humane Sichtweise konnte sich in die geistlose Enge dieser Zeit nicht fügen. Seiner „undurchsichtigen politischen Haltung“ wegen verschwinden seine Dramen von den Spielplänen, auch der Insel-Verlag zieht sich zurück. Der Möglichkeit zu publizieren beraubt, sieht sich der Schriftsteller gezwungen, eine Stelle im Finanzamt anzunehmen. Vom Sommer 1941 bis zum Kriegsende findet sich Mühlberger als Wehrmachtssoldat in Norddeutschland, Dänemark, Russland und Italien wieder. 1946 siedelt er vom heimatlichen Riesengebirge an den Fuß des Hohenstaufen und bezieht in Göppin­gen-Holzheim eine kleine Wohnung. Von 1955 an wird ihm Eislingen zur festen Bleibe. Mühlberger ist glücklich im deutschen Südwesten. Endlich kann er an seine literarischen Erfolge anknüpfen. Er findet Gehör als Publizist und Vortragsredner, wird Mitbegründer der Esslinger Künstlergilde.

Seine erste Veröffentlichung nach dem Krieg erscheint im Oktober 1946 in der „Neuen Württembergischen Zeitung“. Noch ahnt er nicht, dass er zwölf Jahre später der Leiter der Kulturredaktion dieser Zeitung werden sollte. Fortan widmet er sich beruflich dem Journalismus, den er einmal als den „Schützengraben der Literatur“ bezeichnet.

Es ist der Esslinger Bechtle-Verlag, der in den 50er-Jahren für den Schriftsteller bedeutsam wird. Sein Tschaikowski-Roman „Im Schatten des Schicksals“, die „Pastorale“, der Roman „Verhängnis und Verheißung“ oder das Trauerspiel „Requiem“ gehören zu Mühlbergers gewichtigsten Veröffentlichungen der überaus produktiven Nachkriegszeit.

Die folgenden Jahrzehnte bescheren äußere Anerkennung. Mühlberger wird mit renommierten Literaturpreisen bedacht, das Land Baden-Württemberg ehrt ihn mit der Ernennung zum Professor, er erhält das Bundesverdienstkreuz. Das Interesse an seinen Werken hingegen nimmt ab. Der „Bogumil“ aus dem Jahr 1980, in dem er als eine literarische Summe die deutsch-tschechischen Gegensätze bis in die Zeit der NS-Okkupation verarbeitet, fand nur geringe Resonanz. Offensichtlich habe damals, stellte Susanne Lange-Greve fest, das Publikum Mühlbergers Versuch einer Bewältigung der Zeitgeschichte noch nicht das nötige Inte­resse entgegenbringen können.

Susanne Lange-Greve charakte­risierte Mühlbergers Arbeit als „grenzüberschreitend“. Symptomatisch ist bereits der Geburtsort Trautenau in Nordböhmen, der im unruhigen Herzen Europas an politischen und sprachlichen Grenzen liegt. Es sei Mühlberger stets ein Anliegen gewesen, hinter dem Trennenden das Gemeinsame zu suchen. Davon war auch sein künstlerisches Selbstverständnis, seine Weltanschauung geprägt: „Ich meine, dass der, der gewissenhaft mit dem Wort umgeht, ein Brückenbauer, ein Pontifex ist, getrennte Ufer freudig verbindet“ schreibt er in „Kindheit in Böhmen“.

Neben seinen historischen Arbeiten – etwa über das Geschlecht der Staufer – in denen er eine „welthafte Gesinnung“ anstrebt, die über das „nur Abendländische“ hinausreicht, zielen vor allem Mühlbergers Übersetzungen auf eine Verständigung zwischen den Völkern. 1964 erscheint der Band „Linde und Mohn – Tschechische Lyrik aus 100 Jahren“, in dem Autoren wie Jiri Wolker, Jan Neruda, Jiri Olten und Vitezslav Nezval zu Wort kommen.

Auch aus dem Reichtum des Bulgarischen, Französischen, Dänischen, Englischen, Schwedischen und Lateinischen hat Mühlberger geschöpft. Dem promovierten Germanisten und Slawisten lag dabei die fruchtbare Verbindung von Wissenschaft und Literatur auf der Hand.

Der umfangreiche Nachlass Josef Mühlbergers – Tausende von Briefen, Hunderte von bislang unveröffentlichten Manuskripten, auch Tagebücher und Mobiliar – befindet sich im Schriftgut-Archiv Ostwürttemberg in Heubach-Lautern und wird derzeit erschlossen. „Würde die Bedeutung seines literarischen Vermächtnisses für unsere Gegenwart deutlich“, zeigte sich Dr. Lange-Greve hoffnungsvoll, „welcher Schatz wäre zu heben!“