Lokales

„Mörike in seiner kleinen Welt aufsuchen“

In Ochsenwang ging es am Samstag um Miniaturen, um Mörikes Mutter sowie um die historisch-kritische Gesamtausgabe

Bissingen. Schönstes Wetter, leckeres Essen und insbesondere die Entdeckung neuer Aspekte des Dichters

Anzeige

Renate Schattel

und Menschen Eduard Mörike ließen den Möriketag 2010 in Ochsenwang zu einem stillvergnügten Erlebnis werden. Hermann Bausinger, emeritierter Professor der Universität Tübingen, Gründer und langjähriger Leiter des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaften, stellte die für Mörike typischen Miniaturstücke in den Mittelpunkt seines Eröffnungsvortrags. Zuvor lasen die zwei gebürtigen Ochsenwanger Susanne Noss und Ernst Schmid das derbe Mundartgedicht „Der Schäfer und sein Mädchen“, das Mörike in seiner Ochsenwanger Zeit um 1832 geschrieben hatte und dessen Satz: „D‘Lieb iest hált en heikls Deng“ sicherlich seiner eigenen Wirklichkeit entsprach.

Aufschluss über Mörikes ganz alltägliches Leben, so Hermann Bausinger, könne man aus den kleinen Berichten aus seinem unmittelbaren Erlebnisbereich erhalten, die der Dichter auf – heutigen Karteikarten ähnlichen – Stoffmusterkarten geschrieben und Briefen beigelegt hatte. Sie enthielten Botschaften, Widmungen oder kleine Nachrichten in abgerundeter oder fragmentarischer Form. Zwei Beispiele der Albumblätter sind momentan im Mörikehaus in Ochsenwang zu besichtigen. Für das verschollene, aber dazugehörige dritte dieser Albumbilder wird sogar ein Finderlohn von zehn Flaschen Württemberger Wein ausgesetzt.

Essen und Trinken, das Wetter und Tiere spielten, so der Kulturwissenschaftler, eine große Rolle in den Miniatur-Botschaften des Dichters. So schrieb dieser, dass ihn seine Stare zum gesündesten Lachen brächten, jedermann in seinen Hund verliebt sei und es gelte, sich schwer zu machen, um nicht im Nebelschweif aufgenommen zu werden. In den Anekdoten über seine Mitmenschen, insbesondere auch über die Kinder, sehe man „den Dichter im Hausrock“. Es erschließen sich darin neue Facetten seiner Persönlichkeit, die hinter der Schriftstellergröße verborgen liegen. Die Miniaturen, die weder für die Nachwelt noch zur Veröffentlichung geschrieben wurden, offenbarten, wie Mörike mit der Sprache spielt und mit den Elementen der Lebenswirklichkeit jonglierte.

Zum Genre der Miniaturen gehörten auch seine kleinen Zeichnungen, die Bausinger als „Sprechende Bilder“ beschrieb, weil sie auch aus seiner unmittelbaren Umgebung entstanden seien, wie „ein Blick durchs Schlüsselloch aus einer Kirche“. Auch märchenhafte Elemente seien in den Miniaturen zu finden, die Mörike dann in seiner Dichtung als Einschübe verwenden konnte, wie im „Stuttgarter Hutzelmännlein“ oder der „Schönen Lau“.

Nicht um Wahrheit, sondern um Gegenwärtigkeit gehe es in den Anmerkungen Mörikes, in der auch der Dialekt, wie im oben genannten Gedicht, zur Verlebendigung des Alltags verwendet werde. „Man kommt Eduard Mörike näher, wenn man ihn in seiner kleinen Welt aufsucht“, schloss Hermann Bausinger seinen Vortrag.

Neuen Aufschluss über die Alltagswelt Mörikes gab auch Gudrun Maria Krickl aus Grafenberg. Sie hat eine Biografie über Mörikes Mutter Charlotte Dorothea mit dem Titel „Geliebte Kinder“ geschrieben. Zur Lesung in der Ochsenwanger Kirche hatte die Autorin ihren Vater Franz Diwischek mitgebracht, der Einblicke in die geschichtlichen Zusammenhänge gab. Ihr Ehemann Michael Krickl rezitierte aus im Buch veröffentlichten Original-Zitaten. Ihre Schwester mit Freundin, Ursula Jungwirth und Mareike Biedermann, spielten auf der Querflöte Stücke von Franz Anton Hoffmeister und Wilhelm Friedemann Bach. Sie vermittelten mit ihren Einlagen stimmungsvolles Zeitkolorit vom Ende des 18. Jahrhunderts.

Gudrun Maria Krickl erzählte das Leben der 1771 in Grafenberg geborenen Charlotte Dorothea Beyer – die 1793 den Stadt- und Amtsphysikus Dr. Carl Friedrich Mörike aus Ludwigsburg geheiratet hatte – in großen Etappen und belegte, wie Eduard Mörikes Lebensweg mit dem seiner Mutter verwoben war, so als sie 1832 zu ihm nach Ochsenwang zog. 1841 stirbt sie bei ihm im Pfarrhaus in Cleversulzbach und wird auf dem dortigen Friedhof neben Friedrich Schillers Mutter Elisabeth Dorothea beerdigt.

Wirkungsvoller Kontrapunkt zum Thema der persönlichen Alltagswelt Mörikes war die Vorstellung der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke und Briefe in 28 Bänden durch den Mitherausgeber Albrecht Bergold vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Das Ochsenwanger Mörikemuseum hat das Werk erst kürzlich erworben und dies, so verriet Gisa König, zum Anlass genommen, den Möriketag 2010 durchzuführen.

Das ehrgeizige Projekt der Gesamtausgabe hatten Anfang der 60er-Jahre der damalige Direktor des Schiller-Nationalmuseums und Deutschen Literaturarchivs in Marbach, Bernhard Zeller, und der ehemalige Marbacher Mitarbeiter Hans Henrik Krummacher initiiert. Zusammen mit Mörike-Kennern sowie dem damaligen Kulturminister Gerhard Storz wurde die historisch-kritische Ausgabe am 30. Oktober 1962 aus der Taufe gehoben. Seit 1980 arbeitet Albrecht Bergold mit, heute ist er alleiniger Betreuer des Werkes, das das Land mehrere Millionen Euro gekostet hat und dem immer noch fünf Bände zur Vollendung fehlen.

Eine historisch-kritische Ausgabe, die möglichst vollständige Edition der Schriften des Dichters, hat nur durch „den Rang des Dichters“ Berechtigung. Dieser sei bei Mörike, so Bergold, gegeben, wurde er doch als „ein Stern erster Größe am deutschen Dichterhimmel“ beschrieben. Ber­gold geht in zwei Jahren in den Ruhestand, will aber an den letzten Bänden weiterarbeiten. Ebenso wie sein Vorreferent Hermann Bausinger ging Albrecht Bergold der Frage nach, wie man Mörikes Werk richtig verstehen kann und was er wirklich gedacht haben mag. Darüber geben die vielen erhaltenen Briefe nur bedingt Auskunft, ebenso die literarischen Texte, Gedichte und Erzählungen.

„Um einen Text Mörikes richtig zu verstehen, muss man zunächst unter möglichst vielen objektiven Kriterien feststellen, wie er entstanden ist, man muss seine Textgeschichte ergründen“, referierte der Herausgeber. Es gelte, alle Fassungen von der ersten Niederschrift bis zur Fassung letzter Hand offenzulegen. Für das Projekt wurde zunächst die Gesamtzahl der überlieferten Mörike-Handschriften festgestellt, um den Umfang der Ausgabe anzusetzen und die notwendigen Personalstrukturen zu schaffen. Ab Mitte der 60er-Jahre wurde aufwendig die Quellensammlung betrieben, die sich schwieriger als gedacht gestaltete, da es viele Aufbewahrungsstandorte gab, so in der ehemaligen DDR in Weimar, wohin Mörikes Witwe Margarethe den Hauptnachlass aus Kostengründen verkauft hatte.

Circa 80 Standorte hätten besucht werden müssen, erzählte Bergold, bis hin nach Krakau, Linköping in Schweden oder Sydney. Heute seien insgesamt 2 114 Briefe ausfindig gemacht und abgedruckt. Die Mörike-Handschriften wurden als Kopien im Literaturarchiv systematisch abgelegt und katalogisiert, und es wurden umfassende Arbeitskarteien angelegt, damals ohne Computer. Auch eine Sammlung gedruckter Dokumente und eine Arbeitsbibliothek mit Werken zeitgenössischer Dichter entstanden. Parallel dazu schuf die Redaktion ein Regelwerk der Editionsprinzipien, das, so Bergold, nach fast fünfzig Jahren einen ganzen Ordner mit Regeln umfasst.

Die Arbeitsabfolge für die überlieferten Texte gestaltete sich immer gleich. Zunächst musste die Handschrift transkribiert, die Übertragung in heutige Schrift dann anhand der Originalhandschrift überprüft und korrekturgelesen werden. Danach erfolgte die Herstellung des Apparaturmanuskripts mit Datierung, Überlieferung, Lesarten und Erläuterungen. Wenn der gesamte Text- und Apparatteil eines Bandes vorliegen, kann mit dem Druck begonnen werden. Das ganze Vorgehen dauert zwei bis drei Jahre, abgesehen von den Recherchearbeiten, rechnete der Betreuer der Ausgabe vor. „Vor diesem Hintergrund wird die lange Dauer der Arbeit mit ihren 20 gezählten und 28 tatsächlichen Bänden verständlicher“, vermittelte er. Neben der bis ins letzte Detail gehenden Darbietung und Erläuterung von Mörikes Werken und Briefen sei auch vieles Landes- und Kulturgeschichtliche in den Bänden nachzulesen. Einsehen und Ausleihen kann man das umfassende Werk im Literaturmuseum Ochsenwang nach Absprache.