Lokales

Mörike war begeistert vom "reinlich und rührend klein(en)" Kirchlein

1706 von tatkräftigen Ochsenwanger Bürgern unter Schultheiß Hans Jörg Weil erbaut, kann das Kirchlein der Mörike-Gemeinde auf eine nunmehr 300-jährige Geschichte zurückblicken. Sommergewitter und Winterstürme fegten über es hinweg. Es blieb standhaft, wie in ihrem Glauben und in ihrer Tatkraft die Mitglieder der eigenständigen Kirchengemeinde.

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN Schon lange hegten die 14 Familien von Ochsenwang den Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus und einem Geistlichen. Bis zum Jahre 1706 gab es in dem Albdörflein nämlich keine Kirche. Wollten die Ochsenwanger am Sonntag eine Predigt hören, stolperten sie den steilen und holprigen, im Winter gar gefährlichen Weg nach Bissingen hinab. So war der Gedanke an ein eigenes Kirchlein und einen Geistlichen nur zu verständlich.

Ochsenwangs Bürgermeister Hans Jörg Weil setzte sich mit Leib und Seele dafür ein. Doch das Klagen und Bitten bei den weltlichen und kirchlichen Behörden blieb ohne Erfolg. Niemand wollte dem kleinen, armen Dorf zum Bau einer Kirche verhelfen. Da der Bürgermeister selbst bei Vogt Konrad Widerholt auf taube Ohren gestoßen war, hatte Weil mit dem Bissinger Maurer Zeyer Laub in vertraulicher Besprechung einen Bauplan entworfen: 45 Fuß lang und 30 Fuß breit sollte die Kirche auf einer 4 Fuß tiefen Grundmauer erstellt werden (1 Fuß entsprechen 28 Zentimeter).

Der Kirchenraum sollte mit einer Kanzel, einem hölzernen Altar und einem einfachen Tauftisch ausgestattet werden. Links und rechts des Mittelgangs sah der Plan die "Weiberstühle" für die weiblichen Kirchgänger vor, links im Chor acht Bänke für die jungen Burschen. Eine Sakristei für den von auswärts kommenden Pfarrer durfte ebenfalls nicht fehlen. Die Gesamtkosten für die Kirche wurden auf 694 Gulden und 17 Kreuzer veranschlagt. Die am 29. April 1706 einberufene Bürgerschaft nahm davon einspruchslos Kenntnis. Was die Gemeinde selbst aus ihrem 46 Hektar großen Wald an Bauholz liefern konnte, wurde im Voranschlag genau notiert.

Im selbigen April begannen die Ochsenwanger mit dem Bau des Gotteshauses, im September war das Werk mit unglaublichem Fleiß der Bürger vollendet worden. Schon im Juni berichtete der Kirchheimer Dekan, dass die Baukosten viel höher ausfielen und an Spenden der 21 "kollektablen" Familien nicht gedacht werden könne. Man müsse diesen Leuten nachrühmen, mit welch großer, ungescheuter Mühe sie das Werk angreifen und nichts zu tun unterlassen, was sie durch der Hände Arbeit und durch Fuhrwerk an baren Ausgaben ersparen. Auf die Bitte der Gemeinde und auf die empfehlenden Worte des Dekans gab die Behörde die Erlaubnis, in den Städten und Ämtern Urach, Göppingen, Nürtingen und Waiblingen eine Kirchensteuer zu erheben.

KirchenweiheIm Frühling hatten die Bürger von Ochsenwang und fremde Bauhandwerker mit dem Kirchlein begonnen, im Herbst war es vollendet. Am 22. Sonntag nach Trinitatis, dem 31. Oktober 1706, konnte die Gemeinde die Weihe des Kirchleins feiern.

Der Geistliche aus dem benachbarten Schopfloch eröffnete die Weihe und versprach, in den Sommermonaten jeden Sonntag, im Winter alle 14 Tage eine Predigt zu halten. Als er sich 1718 altershalber in den Ruhestand begab, versorgte der Bissinger Pfarrer das Albdörflein. 1822 wurde dann in Ochsenwang eine eigenständige, von einem Vikar zu versehende Pfarrstelle errichtet. Seit dieser Zeit bis Ende 2001 versahen 61 Vikare und Pfarrer den Dienst an und in der Gemeinde, darunter auch der Dichter und Theologe Eduard Mörike. Er war von Januar 1832 bis November 1833 einer der geistlichen Herren und bewohnte in dieser Zeit das damalige Pfarrhaus gegenüber der Kirche.

Zum 1. Januar 2002 wurde die Pfarrverweserei aufgelöst. Seit 1. September 2002 gehört Ochsenwang mit seinen rund 280 evangelischen Gemeindegliedern zum Pfarramt Bissingen mit Pfarrer Ulrich Müller. Allerdings ist die Evangelische Kirchengemeinde Ochsenwang nach wie vor eine selbstständige Kirchengemeinde mit überaus engagierten und selbstbewussten Gemeindegliedern, die mit großer Begeisterung für das Evangelium, mit viel Idealismus und Tatkraft sich des regen Gemeindelebens annahmen. Dazu gehört auch das Chorsingen des so genannten "Projektchores", der vor allem zu Konfirmation, Karfreitag und Ostern sowie zum Heiligen Abend den Gottesdienst verschönert.

Pfarrverweser MörikeFür die Ochsenwanger ist die kleine, heimelige Kirche mit ihren rund 180 Sitzplätzen und das gegenüberliegende ehemalige Pfarrhaus, das "Mörikehaus" von großer Bedeutung.

Am 22. Januar 1832, ein Tag nach seiner Ankunft, schrieb hier Eduard Mörike begeistert an seine Braut Luise Rau: "Das hiesige Kirchlein musst Du sehn: es ist ganz der Pendant zum Pfarrhaus, reinlich und rührend klein, wie von Kinderhänden aufgestutzt. Ich brauche nur gelassen zu reden, so heißt das schon die Stimme erhoben. . . . Beim Anblick des Kirchturms (er liegt mir nur sechs Schritte vis-a-vis) muss ich immer lächeln; er ist gegen Wind und Wetter mit Holz überzogen; ich meinte anfangs, es wäre bloß ein hölzernes Gerüste, und augenblicklich erinnerte mich sein Ansehn an Pressels chinesisches Gartenhaus: Bauer würde in die Luft springen vor Freuden, so hoch als der Turm selber ist, wenn er ihn sähe; denn auch die vier Läden sind akkurat so wie die, aus denen wir Orplids-Wächter zu allen Stunden der lauen Tübinger Sommernächte herausgeguckt haben."

Auf dem Berg im "Reihernest" musste Eduard Mörike während seines fast zweijährigen Aufenthalts allmählich die Entfremdung zu seiner Verlobten Luise Rau erkennen. Kurze Zeit nach seinem Fortgang aus der Albgemeinde trennte Luise Rau die Verlobung. Beruflich war Ochsenwang für den angehenden Pfarrer deshalb wichtig, weil er hier die Stelle des Pfarrverwesers innehatte. Er war nicht mehr nur Vikar, sondern gewissermaßen Pfarrer in "Wartestellung" mit allen von einem Amtsinhaber wahrzunehmenden Obliegenheiten. Daneben schuf er Verse von unvergänglicher Ausstrahlung wie "Verborgenheit", "Rat einer Alten", "Mausfallen-Sprüchlein""Seufzer Jesu benigne" und das Lied "Zum neuen Jahr", außerdem vollendete der Dichter in Ochsenwang seinen "Maler Nolten".

Zu Neujahr 1833 notierte Pfarrverweser Mörike ins Verkündigungsbuch: "Ich schließe mit herzlichen Segenswünschen für diese werthe Gemeinde. Möge ein wohllöblicher Magistrat in dem fröhlichen Gedeihen sowohl des eigenen häuslichen Lebens als auch des gemeinen Wohles eine Ermunterung und den Lohn seiner öffentlichen Bemühungen finden! Möge jedem Bürger, jeder Familie, den Witwen und Waisen die Liebe und Freundlichkeit unseres Gottes auf recht mannigfache Weise erscheinen! Der Allmächtige sey mit allen unseren öffentlichen Anstalten! (. . .) Im verflossenen Jahr wurden geboren 20 Personen dagegen starben 10, worunter 1 Erwachsenes. Predigten wurden gehalten 81, Kinderlehre 75, Betstunden 42."

Trotz seiner relativ kurzen Zeit auf der rauen Albhöhe ist der Name des Dichters für immer und ewig mit dem Ochsenwanger Kirchlein verbunden. Dafür sorgte rund 120 Jahre später nicht zuletzt eine Frau, die es anfänglich nur sechs Wochen in dem Albdörflein aushalten wollte. Johanna Kneile blieb 20 Jahre und war in dieser Zeit "Mädchen für alles in kirchlichen Diensten". Am 22. April 1885 in Stuttgart geboren, besorgte sie in vier Jahrzehnten das Hauswesen ihres ehelosen Pfarrerbruders. Als dieser noch mit 67 Jahren heiratete, übernahm Johanna Kneile 1951 in der Mörikegemeinde die Stelle einer Katechetin und zog in das Ochsenwanger Pfarrhaus ein. Doch sie war nicht nur Katechetin, sondern in Personalunion Kirchenpflegerin, hielt Schulunterricht, Kindergottesdienst und Christenlehre, vertrat die Mesnerin beim "Viere- und Sechse-Läuten", erteilte Harmoniumstunden, betreute den jeweiligen Pfarrherrn, wenn er von Hepsisau heraufkam, sprang bei Beerdigungen für ihn ein, leitete den Leichen- und vertretungsweise den Kirchenchor, besuchte Alte und Kranke und führte zwei Frauenkreise. Hinzu kam noch die Beschäftigung mit einer früheren "Liebschaft", den Gedichten Eduard Mörikes. Bald konnte "Fraila Kneile", wie sie respektvoll genannt wurde, nicht nur die wichtigsten, auf Ochsenwang bezogenen Gedichte, sondern auch viele dort geschriebene Briefe Mörikes an seine Verlobte und Freunde auswendig. Ihre schlichten, aber höchst originellen Ausführungen und ihr trockener Humor waren bald weithin bekannt.

Gruol-OrgelFast 100 Jahre nach der Erbauung entschloss sich die Kirchengemeinde eine Orgel anzuschaffen und die dazu nötigen Umbauten vorzunehmen. Da die Kirche auch gleichzeitig erweitert werden sollte, setzte man außer der Orgelempore noch eine Seitenempore ein. Altar und Taufstein wurden nach vorne gerückt und die Kanzel kam von der Ostseite an die heutige Stelle. Die Jahreszahl 1803 erinnert an diesen großen Umbau. Damals lebten 232 Bewohner in Ochsenwang.

Die Orgel war ein kleines Werk des Bissinger Orgelbaumeisters Johann Viktor Gruol. Es hatte sechs Register und noch kein Pedal. Das Rokokogehäuse wurde mit der Orgel für die Gemeinde erbaut. Es besitzt Kunstwert und wurde ins Denkmalsverzeichnis aufgenommen. 1927 wurde die Orgel erneuert. Ein wenig gebrauchtes Werk, das die Gemeinde billig erwerben konnte, baute Weigle aus Echterdingen dem alten Gehäuse ein, das dazu verbreitert und vertieft werden musste. Die neue Orgel hat sechs Register, ein volles Pedal und elektrischen Antrieb, ihr Spieltisch ist in die ehedem geschweifte Brüstung geschickt eingefügt.

Weitere Baumaßnahmen und Instandsetzungsarbeiten betrafen 1932 Gestühl, Fußboden und Altar, die Außentür 1956, Turm und Westgiebel 1957, die Außenwände 1958, Empore, Bänke und Boden sowie Kaminbau 1962 und die Auffrischung im Innern 1964.

1976 erhielt das Kirchlein ein neues Kleid, wurde schön verputzt und gestrichen und erhielt zwei neue Ziffernblätter für die Uhr am Glockenturm. 2001 wurden der Holzfußboden und die hölzerne Wandverkleidung erneuert und eine neue Bankheizung eingebaut.

"Friede auf Erden"Voller Stolz hörten die Ochsenwanger im Oktober 1706 ihr Glöcklein zum Einweihungsgottesdienst rufen. Es war nur 147 Pfund schwer, wie es die damalige Not erforderte, aber es war ihre Glocke in ihrer Kirche. Wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam eine zweite Glocke hinzu.

1905 hielt Pfarrverweser Schlaich in seinem Pfarrbericht fest: "Die Uhr ist befriedigend; die zwei Glocken, die vorhanden sind, sind klein und kaum hörbar." Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Ochsenwanger Kirche zwei neue Glocken: 1949 "Friede auf Erden" und 1950 "Ehre sei Gott in der Höhe". Sie haben beide, trotz ihrer Kleinheit, eine bedeutende Klangfülle und einen "hohen musikalischen Wert", wie Kirchenrat Schildge als Glockensachverständiger im November 1950 bestätigte. "Die Innenstimmung ist bestens gelungen."

KinderkircheDas Leben einer kleinen Kirchengemeinde ohne Pfarrer wird in besonderer Weise von den freiwilligen Impulsen und dem Engagement ihrer Mitglieder gespeist.

Lange Zeit fand die Kinderkirche im kleinen Gemeindesaal des "Mörikehauses" am Sonntagmorgen von 10.30 bis 11.30 Uhr statt, bis immer weniger Kinder kamen. Seitdem die Kinderkirche nur noch einmal im Monat samstags von 16 bis 18 Uhr stattfindet, besteht ein reger Zulauf.

Vor allem weibliche Gemeindeangehörigen machen sich seit Jahrzehnten um die christliche Bildung der Buben und Mädchen ab vier Jahren bis ins Grundschulalter verdient. Zum Teil selbst schon als Sprösslinge der Kinderkirche entwachsen, entwickeln die Mitarbeiterinnen das weiter, was ihre eigene Kindheit prägte. Unterstützt werden sie dabei durch jährliche Schulungen. In gemeinsamen Vorbereitungen werden Methoden und Formen diskutiert und erprobt, um den Kindern biblische Geschichte und christliche Werthaltung zu vermitteln.

Jubiläums-FestprogrammDie Evangelische Kirchengemeinde Ochsenwang veranstaltet im Jubiläumsjahr 2006 folgende Festlichkeiten:Sonntag, 30. April, 10.30 Uhr, Kirche: Gottesdienst zum Beginn des Jubiläumsjahres.Zusammentreffen mit ehemaligen Ochsenwangern im Zelt vor der Kirche."Die Kirche in Ochsenwang": Ausstellung im Mörikehaus.Sonntag, 21. Mai, 10 Uhr, Kirche: Gottesdienst für Jung und Alt.Samstag, 17. Juni, 19.30 Uhr, Kirche: Konzert mit Lesungen.Sonntag, 2. Juli, 10.30 Uhr, Kirche: Musikalischer Gottesdienst;15 Uhr, Kirche: Landpfarrer im Alten Württemberg;Zwei Lieder von Eduard Mörike;gegen 16 Uhr, Kirche: Streichtrio auf Barockinstrumenten;19.30 Uhr, Kirche: Orgelklang in Ochsenwang, Die Zweitorgel in Ochsenwang, Orgelgeschichten zur Orgelgeschichte;Orgelmusik auf dem Dorf im 18. und 19. Jahrhundert.12. bis 16. Juli, Schulhaus: Der Württembergische Brüderbund macht eine Kinderwoche, Thema "Kriminalfälle der Bibel".Sonntag, 16. Juli, 10 Uhr, Kirche: Familiengottesdienst zum Abschluss der Kinderwoche.Samstag, 15. Juli, 19 Uhr: Serenade auf dem Kirchplatz.Samstag, 29. Juli, 18 Uhr, beim Schulhaus: Ochsenwanger Dorfmusik.Festwochenende zum Abschluss des Jubiläumsjahres in Ochsenwang amFreitag, 13. Oktober, 19 Uhr, Schulhaus: Streifzüge durch 300 Jahre Kirchengeschichte in Ochsenwang. Sonntag, 15. Oktober, 10 Uhr, Kirche: Festgottesdienst in der 300 Jahre alten Kirche mit Landesbischof Frank Otfried July.