Lokales

Mörike zu Besuch im Wendlinger Pfarrhaus

Verwandtschaftliche Beziehungen zur Fabrikantenfamilie Otto und zur Apothekerfamilie in Nürtingen

Der Dichterpfarrer Eduard Mörike ist in seinem unsteten Leben viel herumgekommen im „Ländle“. Auf der Landkarte seiner Amts- und Wohnorte ist Wendlingen zwar nicht verzeichnet, doch auch hier finden sich Spuren seiner Anwesenheit.

Franz Träger

Wendlingen. Schon 1930 hat der frühere Wendlinger Pfarrer Emil Strebel in seiner kleinen Schrift „Zur Geschichte von Wendlingen“ auf eine Stelle in Mö­rikes erstem Brief aus Köngen hingewiesen. In diesem Brief vom 25. Mai 1827 an seinen Freund Wilhelm Hartlaub beschreibt Mörike sehr anschaulich seine ersten Eindrücke vom Köngener Pfarrhaus und seinem Pfarrherrn Nathanael Renz. Dann berichtet er über ein Ereignis vom vorigen Tag: „in dem Augenblick kommt das Mädchen, ‚ob wir nicht nach Wendlingen spatzieren sollten? Eine kleine halbe Stund von hier, sie wolle mich bei des Herrn Pfarrers als guten Nachbar einführen.‘ – Wendlingen? Wendlingen – dacht ich – das wird doch nicht - wie heißt der Pfarrer dort? – Klemm – Nun gieng mir ein Licht auf und mir fiel ein, warum ich einen Augenblick vorher an Dich denken musste. Ich war begierig und gieng mit. – Es ist wahr: Es sind charmante Leute, der Pfarrer gar, und wie natürlich er seine Anekdoten anbringt, er erzählte mir von meinem lieben Vater und sah mir lang ins Gesicht.“

Der hier genannte Pfarrer Immanuel Klemm amtierte seit 1826 in Wendlingen. Mörike kannte die Familie, da deren Sohn Christian Immanuel Klemm mit ihm in Tübingen studiert hatte, also sein „Kompromotionale“ war. Er war 1826 auch Vikar in Wendlingen und nach dem Tod des Vaters 1834 Pfarrverweser in Wendlingen gewesen.

An den Freund Hartlaub denken musste Mörike, da dieser früher eine Liebelei mit Dorothea Sofie Margarethe Klemm, einer Tochter des Pfarrers Klemm, hatte. Wie Mörike schreibt, erinnerte sich auch die Pfarrersfamilie an Hartlaub, denn die Pfarrersfrau Veronika Dorothea Friederike Klemm geb. Hehl, erzählte „von deiner Regentour mit – einer gewißen Person.“ Die „gewiße Person“, die Tochter Dorothea Klemm , – „nach der ich mich immer vergebens umsah“ – war bei diesem Besuch Mörikes nicht in Wendlingen. Sie hielt sich zusammen mit einem Bruder, vermutlich ihrem zweiten Bruder Carl Klemm, bei ihrem Vetter Ludwig Hofacker in Rielingshausen („Rülingshaußen“) auf, „wo ihr Bruder und Verwandte sind“.

Im Mai 1827 war Bruder Christian Klemm Vikar bei dem Vetter Hofacker gewesen, der seit 1826 dort Pfarrer war. Dessen Mutter Friederike Hofacker war eine Schwester des Wendlinger Pfarrers Immanuel Klemm, der zudem auch dessen Döte war. Nach dem Tod ihres Ehemanns Karl Friedrich Hofacker (1758 – 1824) lebte sie bei ihrem ledigen Sohn. Ludwig Hofacker ist uns bekannt als „pietistischer Erweckungsprediger“, nach dem heute noch die „Ludwig-Hofacker-Vereinigung“ benannt ist.

Was die Beteiligten im Wendlinger Pfarrhaus noch nicht wussten: just an diesem 24. Mai 1827, als Mörike zu Besuch war, starb Friederike Hofacker geb. Klemm in Rielingshausen.

Der Autor des Berichts hat einen anderen Briefwechsel Mörikes zur Grundlage für weitere Recherchen genommen. Dabei stieß er auf Beziehungen der Familie Mörike zur Fabrikantenfamilie Otto und zu den Besitzern der Apotheke am Markt in Nürtingen. Fast 50 Jahre später steht in einer Korrespondenz an seinen Neffen Fritz: „Meinen herzlichen Dank, bester Fritz, für Deinen freundlichen Brief, so wie der lieben Frau für meinen Antheil an dem trefflichen Nachtisch. Ich nahm mir einen von den feinen Zimmetsternen.“ So schreibt Eduard Mörike am 28. April 1873 – „vom Bette aus, daher mit Bleistift“ – an seinen Neffen Friedrich Mörike nach Nürtingen. Dort war am 20. April 1873 die Konfirmation der Tochter Marie Wilhelmine Mörike gefeiert worden, zu der ihr Großonkel selbst nicht kommen konnte, da er wieder mal leidend war. Vorab hatte er ihr aber ein Poesiealbum als Geschenk zukommen lassen mit dem Gedicht „Bei jeder Wendung deiner Lebensbahn . . .“ als Widmung. Nebenbei bedankt er sich beim Neffen für dessen „diätetische Vorschrift bei meiner wunderlichen Blutkrankheit.“

Aber wer war Friedrich Mörike? Geboren wurde er 1828 in Scheer als Sohn von Karl Mörike, der dort Oberamtmann war. Dieser älteste Bruder Eduard Mörikes hatte 1831 aus „sträflicher Ehrsucht“ heimlich aufrührerische Plakate aufgehängt, diese dann „selbst“ entdeckt und der vorgesetzten Behörde in Stuttgart vorgelegt. Da der Schwindel aufflog, wurde er angeklagt, zu einer Haftstrafe verurteilt und aus dem Dienst entlassen. Durch diese Unvorsichtigkeit hätte er fast seine beiden Brüder Ludwig, der zu dieser Zeit als Schreiber in Köngen beschäftigt war, und Eduard mit ins Unglück gerissen.

Sein Sohn Friedrich hatte 1858 Sophie Wilhelmine Justine Otto geheiratet, die im Brief genannte „liebe Frau“, eine Tochter des Fabrikanten Immanuel Friedrich Otto (1791 – 1875). Wobei hier in der Gegend natürlich ihr Bruder Heinrich Otto bekannter ist. Er hatte vom Vater die Firma erhalten und die heute noch nach ihm benannte „Heinrich Otto Söhne“ (HOS) aufgebaut. Sophie Otto war in erster Ehe mit dem Apotheker Carl Friedrich Beck verheiratet, der 1842 die Apotheke am Markt in Nürtingen von Wilhelm Heinrich Siegle (1815 – 1863) erworben hatte. Friedrich Mörike wiederum hatte bei Siegle und später bei Beck seine Apothekenlehre absolviert und anschließend als Gehilfe dort gearbeitet. Ab 1851 studierte er an der Universität Tübingen und war dann nach abgelegtem Apothekerexamen als Angestellter bei seinem Ehevorfahr Beck beschäftigt. Nach dessen Tod heiratete er die Witwe und wurde so Besitzer der Apotheke, die er 1879 an den Stiefsohn Dr. Carl Immanuel Beck abgab. Seit dieser Zeit lebte Friedrich Mörike als „Privatier“ in Stuttgart, wo er am 13. Juli 1908 gestorben ist.

Aber noch an anderer Stelle erfahren wir etwas über eine Begegnung zwischen Eduard Mörike und seiner Großnichte Marie Mörike. So erwähnt er am 27. Mai 1870 in einem Brief, dass er einen Tag vorher mit „Fritzens Mariele“ nach Großbettlingen – „Bettlingen“ – gewandert sei. Auf dem Rückweg zeigte er ihr „unter wehmütigen Empfindungen ein seitwärts im Felde liegendes Schützenhäuschen“, einen früheren Lieblingsort seines Bruders Karl, also des Großvaters von Marie Mörike, der schon 1848 verstorben war. „Ich führte Fritzens Mariele zu seinem Andenken hinein und schrieb unsere Namen an die Wand.“ Marie Mörike heiratete 1879 in Nürtingen den Rechtsanwalt am Leipziger Reichsgericht Richard Schall. Sie ist 1942 in Göppingen gestorben.

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