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Motto der Gewerkschaften: "Deine Würde ist unser Maß"

Kein besonderes Interesse der Kirchheimer fand die Kundgebung des DGB zum 1. Mai am gestrigen Nachmittag vor dem Kirchheimer Rathaus. Hauptredner war Sieghard Bender, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Esslingen. Wolfgang Scholz eröffnete im Namen des Ortsverbandes Kirchheim die Veranstaltung.

RUDOLF STÄBLER

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KIRCHHEIM Wolfgang Scholz konnte in seiner Eröffnungsansprache auch den SPD-Bundestagsabgeordneten Rainer Arnold begrüßen und richtete an alle Interessierten "ein herzliches Willkommen". Vor den Worten stimmte Hans-Joachim Rupprecht noch das "Bürgerlied" an. Für den kulturellen Beitrag sorgte der Stuttgarter Schauspieler Markus Roll mit Texten von Bertolt Brecht, wie die "Ballade vom Wasserrad" und "Die Mutter".

"Wir begehen heute unseren 1. Mai, der immer noch Kampftag der Gewerkschaften und der internationalen Arbeiterbewegung ist", so Scholz. Der gliedere sich in Kirchheim in altbewährter Form zu der Kundgebung, einem Demonstrationszug und dem Mai-Fest. Gerade in den letzten Tagen hätten erneut einige Wirtschaftsverbände die Abschaffung des 1. Mai als Feiertag gefordert. Und er machte den Teilnehmern klar: "Das werden wir nicht zulassen." Aber dies zeige, dass dieser Tag mit den Kundgebungen und Demonstrationen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, dass dieser Tag immer noch gewissen Unternehmen ein Dorn im Auge sei.

"Deine Würde ist unser Maß", so lautet das Motto für den gestrigen 1. Mai. Scholz betonte, dass ein Leben in Würde für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr sei. In Unternehmen komme es trotz Rekordgewinnen zu Massenentlassungen. Verschämte Armut sei längst zur Kehrseite unverschämten Reichtums gekommen und zunehmende Unsicherheit präge die Arbeits- und Lebensbedingungen vieler Menschen. Millionen von Menschen sind arbeitslos und suchen eine Beschäftigung; Millionen von Menschen in Niedriglohnsektoren können von ihrer Arbeit kaum menschenwürdig leben; mehr als 500 000 junge Menschen haben weder einen Ausbildungsplatz noch einen Bildungsabschluss. Immer mehr Menschen würden so von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgegrenzt. Ihre Erwartung, ein selbstbestimmtes Leben ohne existenzielle Not führen zu können, werde mehr und mehr enttäuscht. Eine Politik, die dem Gemeinwohl verpflichtet sei, dürfe dies nicht zulassen.

Die Gewerkschaft setze sich deshalb für eine Gesellschaft ein, die nicht weiter das Anwachsen sozialer Ungerechtigkeiten und damit zunehmende würdelose Arbeits- und Lebensbedingungen hinnehme. "Die Würde des Menschen zu schützen oder wieder herzustellen, ist die Aufgabe einer solidarischen Gemeinschaft. Bildung und Ausbildung, soziale Sicherheit, Kündigungsschutz, Mitbestimmung und Tarifautonomie sind die Grundpfeiler in der Arbeitswelt, damit der Einzelne wirtschaftlichen Zwängen nicht schutzlos ausgeliefert ist." Er appellierte an die Versammelten: "Lasst uns alle gemeinsam dafür kämpfen."

Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Esslingen warnte die Zuhörer von einem Gespenst, das um die Welt gehe, nämlich das Gespenst der Globalisierung. Alle Mächte der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft hätten sich zu einer Hetzjagd gegen Sozialgesetze, gegen Tarifregelungen, gegen Mitbestimmung und gegen Vorschriften zum Arbeits- und Umweltschutz verbündet. Mit dem Hinweis der Globalisierung würden früher erreichte soziale Erungenschaften geschliffen. Man könne nicht anders erklären, als sei die Globalisierung von Gott gegeben. Mit der Drohung der Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Osteuropa, nach China und nun auch noch nach Indien würden Belegschaften und ihre Interessenvertretung hier in Deutschland erpresst. Es werde versucht, Löhne zu drücken, Arbeitszeiten zu verlängern und Sozialgesetze abzubauen.

Hasan Savas begrüßte die Anwesenden im Namen des Alevitischen Kulturvereins Kirchheim, des Alevitischen Kulturzentrums Wendlingen und des Türkischen Volkshauses in Kirchheim. Der 1. Mai zähle als "Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen" und stehe dabei auch noch für "Frieden und Sozialismus". Er machte klar, dass es im Kampf für eine sozial gerechte Gestaltung der Zukunft egal sei, welche Religion, Muttersprache oder Hautfarbe der Einzelne habe. Es liege auch nicht im Interesse der Arbeiter, wegen Karikaturen auf die Straße zu gehen und die Integration in Frage zu stellen. Vielmehr stehe der soziale Abbau der gesamten Arbeiterklasse, sowohl der Einheimischen, als auch der ausländischen im Vordergrund. Es gebe für die Arbeiterklasse wichtigere Probleme, als der Streit um religiöse Fragen. Ziel sei es "unseren Kindern und deren Kindern auch eine gerechtere, bessere und humanere Welt zu hinterlassen".