Lokales

Mühlen als Vorläufer heutiger Stromerzeugung

Wanderung des „Alt Owen“-Förderkreises zu Wasserkraftwerken entlang der Lauter in Owen und Dettingen

Der „Alt Owen“-Förderkreis hat eine Wanderung zum Thema „Auf den Spuren früherer Mühlen und heutiger Wasserkraftwerke in Owen und Dettingen“ organisiert. Die Lauter war einst der am besten ausgenutzte Fluss in Württemberg. Die natürliche Energie beförderte den gewerblichen Fortschritt in der Region. Wo noch vor 40 Jahren ein Triebwerk auf das andere folgte, sind heute gerade noch zwölf in Betrieb. Allein in Owen und Dettingen kann man fünf dieser traditionsreichen, umweltfreundlichen Anlagen entdecken.

Anne Hermann

Owen. Christof Leuze, als Vertreter des „Alt Owen“-Förderkreises, führte die Gruppe zunächst talaufwärts in Richtung Brucken, entlang des malerischen Mühlkanals, der früher auch zur Wiesen- und Ackerwässerung genutzt wurde. Auf halber Wegstrecke erreichte man die erste Staustufe, die von der Firma C. A. Leuze 1921 angelegt worden war: Vom Kanal zweigt eine oberirdisch verlaufende Rohrleitung ab, deren Wasser unmittelbar vor Eintritt in die Röhre von einer selbsttätigen hydraulischen Rechenreinigungsmaschine von Laub, Ästen und allerlei Treibgut befreit wird. Durch die Rohrleitung wird das Triebwasser zu einer Turbine in der Kraftzentrale der ehemaligen Weberei in Owen geführt. Damit die Turbine störungsfrei laufen kann, ist ein vier Meter hoher Wasserausgleichsturm vorgelagert, der für den nötigen Druckausgleich sorgt. Bei Überdruck oder Hochwasser wird die Leerschussfalle gezogen, damit das Wasser in den parallel verlaufenden Kanal und in das Mutterbett fließen kann, erklärte Jörg Renz, der Betreiber der Leuze-Anlage. Unter Ausnutzung des Gesamtgefälles von circa elf Metern erzeugt C. A. Leuze an regenerativer Energie zu Spitzenzeiten 70 bis 80 Kilowattstunden. Seit Anfang 2005 wird der Strom über das Elektrizitätswerk Ensinger in das öffentliche Netz eingespeist, nachdem er zuvor für Eigenzwecke verwendet worden war.

Es war die Wasserkraft der Lauter, die den Urgroßvater der Familien Leuze 1861 veranlasste, in Unter­lenningen eine mechanische Baumwollspinnerei und Weberei zu errichten. 1885 erwarb Christoph Adolf Leuze auch die sehr alten Wasserrechte der Oberen Mühle in Owen und errichtete neben demselben Gelände eine Weberei, wie Fritz Nuffer anhand eines Katasterplans von 1828 zeigen konnte. Er wies auch darauf hin, dass sich der Ortsname Owen von Aue ableitet und so viel wie „von Wasser durchflossenes Land“ bedeutet. Respekt gebühre auch heute noch den vorausschauenden Kanalbauern, so Nuffer, die vor rund 700 Jahren den Oberkanal, bis zu 100 Meter entfernt zum Mutterbett, anlegten. Sie schufen damit in Owen die Voraussetzung für die Ansiedlung von mehreren Mühlen, wovon 1850 noch vier Mahlmühlen, eine Säge- und eine Lohmühle für Gerber in Betrieb waren.

Weiter ging es zum Wasserkraftwerk Ensinger entlang des Kanals, der das Ortsbild belebt und prägt. Christoph Ensinger empfing die Gruppe an der Rechenanlage, wo einst die Mittlere Mühle stand. In einem historischen Exkurs berichtete Fritz Nuffer, dass Robert Gutekunst die Wasserrechte der 1882 abgebrannten Bert‘schen Mühle erworben und auf diesem Gelände eine Schraubenfabrik und Graugießerei errichtet hat. Als Kraftquelle diente damals eine Turbinenanlage mit wenig PS. Nachdem die Schraubenfabrik bei einem Luftangriff 1945 völlig zerstört wurde, kam der Vater von Christoph Ensinger, Albert Ensinger, 1960 in den Besitz der Wasserrechte der Firma Gutekunst und vereinigte diese mit seinen in der Schießhüttestraße. Aus diesem Grund endet der offene Teil des Kanals an dieser Stelle, um danach unterirdisch bis zum E-Werk Ensinger weiterzufließen, wo er ein Gesamtgefälle von rund elf Metern erreicht hat. Das Herz des E-Werkes sind zwei Francis-Spiralturbinen mit einer Leistung von 70 und von 30 Kilowattstunden. Die kleinere Anlage wird direkt von der Lauter gespeist und ist nur vier Monate im Jahr in Betrieb. Heute erzeugt Ensinger zusammen mit C. A. Leuze circa zehn Prozent des Strombedarfs der Stadt. Der größere Teil wird dazugekauft.

Die Geschichte der Firma beginnt um die Jahrhundertwende, als C. Ensinger (Urgroßvater des jetzigen Inhabers) die erstmals 1384 erwähnte Teckmühle erwarb und in ein Elektri­zitätswerk umwandelte. Bereits 1901 sorgte Ensinger dafür, dass im Owener Rathaus die Lichter brannten. Seit dieser Zeit betreibt Ensinger ein eigenes Netz und versorgt die Stadt mit Strom. 1945 wurden Mühle und Elektrizitätswerk durch einen Brand zerstört. Danach wurde die abgebrannte Mühle provisorisch überdacht und das Elektrizitätswerk wieder hergerichtet. Ein großformatiges Schwarz-weiß-Foto, noch heute in Familienbesitz, erinnert an den alten Zustand. 1948 wurde der Mühlenbetrieb in die Kirchheimer Straße verlegt und die jetzige Mühle neu aufgebaut. Durch den Ausbau der B 465 wurden wasserbautechnische Maßnahmen notwendig, die das Ortsbild an dieser Stelle völlig veränderten.

Dann führte die Exkursion flussabwärts zum Wasserschlössle, ein imposanter Bau mit einem runden Turm, der als Wasserspeicher und Druckausgleicher dient. Zuvor galt ein Abstecher dem Wehr, das sich auf der Höhe des Owener Sportplatzes befindet. Alte Owener erinnern sich noch, wie der Staubereich des Wehres einst als Freibad genutzt wurde. Von dort zweigt eine 800 Meter lange unterirdisch verlegte Rohrleitung ab, um Lauterwasser den Turbinen im Wasserschlössle zuzuführen. Das Kraftwerk befindet sich auf Dettinger Markung und ist in Besitz der Firma C. A. Leuze. Es wurde um 1921/22 gebaut, um die eigenen Betriebe in Owen und Unterlenningen mit elektrischer Energie zu versorgen. Kernstück sind zwei Turbinen und zwei Generatoren mit einer Gesamtleistung von maximal 200 Kilowattstunden. Alle Maschinen sind seit über 85 Jahren im Originalzustand in Betrieb. Das „aktive technische Denkmal“, auf das die Firma sehr stolz ist, wird heute von Jörg Renz betrieben und gewartet.

Weiter ging es über eine Brücke zu einem alten hölzernen Wehr. Von dort gelangte man auf einem romantischen Pfad zwischen tief eingeschnittenem Lauterbett und künstlich angelegtem Kanal direkt zum E-Werk der ehemaligen Tuchfabrik Berger Witwe. Reinfried Kirchner empfing die Gruppe. Er hat seit Kurzem das E-Werk von der Firma Berger gepachtet und erzeugt mit zwei Francis-Schachtturbinen elektrische Energie mit einer Leistung bis zu 55 Kilowattstunden. Die Turbinen, die in diesem Jahr hundert Jahre alt werden, versorgten bis 2002 die Tuchfabrik, zuletzt eine Textilfärberei, mit Strom. Um die Wasserkraft auch künftig sicherzustellen, wurden 2007/08 die Turbinen ebenso wie der seit 1870 bestehende Kanal umfassend saniert. Die Energie der Lauter war auch für W. F. Berger entscheidend, sich in Dettingen niederzulassen. 1887 übernahm er das Wasserrad der 1861 gegründeten Maschinenfabrik Traub & Co. und ließ bis 1908 damit seine Webstühle über Transmissionen antreiben. Vor der Ära Traub und Berger gehörten die Wasserräder an dieser Stelle einer Gipsmühle und später einer Sägemühle.

Dem Verlauf des Kanals folgend, erreichte die Gruppe schließlich die letzte Station, das Elektrizitätswerk Hummel. Diese voll elektronisch überwachte Anlage verfügt über zwei Francis-Schachtturbinen. Sie bringen Generatoren zum Drehen, die im Jahresdurchschnitt 40 Kilowattstunden erzeugen. Bevor sich Gottlob Hummel auf die Stromerzeugung spezialisiert hat, arbeiteten die 1947 eingebauten Turbinen für seine Getreidemühle. Vor dieser Zeit hat ein mittelschlächtiges Zuppinger-Wasserrad mit einem Durchmesser von 5,20 Metern die Obere Mühle angetrieben, die seit 1930 in Besitz der Familie Hummel ist. 1969 stellte Gottlob Hummel den Mühlenbetrieb auf Holzmehlherstellung um, und seit 1985 betreibt er neben einer Brennerei das E-Werk, das er sehr schätzt. Die beeindruckende Schalttafel samt Generatoren und Getriebe hat er vom E-Werk Schäfer für damals 3 000 Mark gekauft, als Schäfer, einst für die Stromerzeugung der Gemeinde Det­tingen zuständig, von der Neckarwerke AG übernommen wurde.

Allen Betreibern ist es gelungen, Begeisterung und Interesse zu wecken für die Wasserkraft – eine alte Energie mit neuer Zukunft.

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