Lokales

„Mulmiges Gefühl“ wich Euphorie

Treffen der Partnerlandkreise in Sachsen unter dem Motto „20 Jahre Friedliche Revolution“

„20 Jahre friedliche Revolution“ – unter dieser Überschrift stand ein mehrtägiges Treffen, zu dem der Landkreis Leipzig Delegationen aus seinen Partnerlandkreisen Esslingen, München, Bodensee und dem polnischen Kutno eingeladen hatte.

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Anke Kirsammer

Esslingen/Leipzig. Im Rahmen eines Festkonzerts des Westsächsischen Symphonieorchesters in Böhlen schilderte Landrat Dr. Gerhard Gey, wie er sich vor 20 Jahren an einem Montag im Oktober mit einem „mulmigen Gefühl“ in den Demonstrationszug auf dem Leipziger Innenstadtring eingereiht hatte. Ihre ganze Verbitterung über die DDR hätten die Bürger mit dem Ausruf „Wir sind das Volk“ herausgeschrien und so versucht, sich vom Frust zu befreien. „Wesentlich war, dass wir uns verbunden fühlten und das machte stark und zuversichtlich“, sagte der heutige Kreisverwaltungschef. Dass aus den Gewehren von Stasi-Mitarbeitern und Volkspolizei keine Schüsse fielen, werten die Teilnehmer der Demos heute noch als Wunder. Auch wenn nicht alle Wünsche und Erwartungen Realität geworden seien – „Mit dem Beseitigen einer unsäglichen Grenze durch unser Land und Europa haben wir auf jeden Fall etwas ganz Wesentliches erreicht“, betonte Gey. „Lassen sie uns gemeinsam die große Chance nutzen, die uns – den Ost- und den Westdeutschen – durch die friedliche Revolution gegeben wurde.“

Stellvertretend für den Esslinger Landrat Heinz Eininger unterstrich der CDU-Fraktionsvorsitzende im Esslinger Kreistag, Gerhard Schneider, dass die friedliche Revolution untrennbar mit dem Namen Leipzig verbunden bleiben werde. Die Montagsdemonstrationen hätten in der Zeit der europäischen Neuordnung mit der Ablehnung von Gewalt einen einzigartigen Weg gebahnt. „Gebete und Kerzen waren stärker als die Macht der DDR“, hob Schneider hervor. „In den letzten 20 Jahren wurde ein gut funktionierendes Gemeinwesen geschaffen, freiheitlich und offen, demokratisch und wirtschaftsstark, sozial und friedliebend.“ Schneider machte Mut, nicht nur die Freundschaft zu pflegen, sondern auch auf gegenseitige Entdeckungsreise zu gehen.

Einen Eindruck von den Montagsgebeten vermittelte der ehemalige Pfarrer Horst Schulze im Wurzener Dom. In das Gotteshaus drängten bei den Friedensgebeten bis zu 1 500 Leute. Viele Menschen seien zunehmend frustriert gewesen, weil sie zwar eine Arbeitsstelle hatten, mangels Material aber keine Aufgabe.

„Dass die Revolution friedfertig über die Bühne ging, ist ein maßgebliches Verdienst der Kirche“, sagte Landrat Gey. Die Erinnerung wachzuhalten sei insbesondere auch deshalb wichtig, weil viele Jugendliche nicht mehr wüssten, was vor 20 oder 30 Jahren war. Aktiv in diese Erinnerungsarbeit einbinden ließen sich Schüler der Städte Grimma und Trebsen. Unter dem Motto „Geschichte taucht auf“ legten sie am Tag der Deutschen Einheit einen „Weg der Freiheit“ zurück und rissen dabei unter anderem symbolisch eine Mauer ein. Beim abendlichen Fest auf dem Marktplatz konnten die Gäste auf Bildschirmen noch einmal mitverfolgen, wie im Herbst 1989 die Berliner Mauer plötzlich zum überwindbaren Hindernis wurde. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der Abwanderung vor allem junger Leute verwunderte es allerdings nicht, dass die Feierlaune von vor 20 Jahren inzwischen einer eher nüchternen Betrachtung der Realität gewichen ist. An diesem Eindruck konnte auch der Start kunterbunter Luftballons über einem liebevoll hergerichteten Nostalgie-Trabi nichts ändern.

Einen ungeschönten Blick auf DDR-Geschichte gab es beim Besuch der Klosterkirche von Grimma zu sehen. Dort sind derzeit 208 Schwarz-Weiß-Fotos des ehemaligen Fotografen der Leipziger Volkszeitung Gerhard Weber ausgestellt. Er zeigt Alltagsbilder aus fünf Jahrzehnten DDR und dokumentiert die friedliche Revolution – Geschichte, die eingewoben ist in die Biografie der heute Verantwortlichen. Aus dem Nachmittagsprogramm am 3. Oktober hatte sich Landrat Gey ausgeklinkt, um an einem Friedensgebet teilzunehmen und in einem Lichterzug zum Marktplatz zu laufen – „So, wie wir es vor 20 Jahren auch gemacht haben.“