Lokales

Muschel lockt Pilger nach Notzingen

Neuer Jakobsweg führt von Bargau nach Bodelshofen

Nomen est omen: Dank des Namens der Kirche führt ein neuer Jakobsweg durch Notzingen. Er verläuft hauptsächlich durch den Kreis Göppingen und verbindet den Ulmer Jakobsweg mit dem Neckar-Jakobsweg.

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Iris Häfner

Notzingen. Nicht erst seit dem Bestseller von Hape Kerkeling ist Pilgern in. Immer mehr Menschen sind „dann mal weg“ auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, der Entdeckung der Langsamkeit und Einfachheit oder Spiritualität. Dabei muss die Reise nach Santiago de Compostela nicht zwangsläufig in Frankreich oder Spanien beginnen. Mancher Weg im Zeichen der Muschel beginnt sozusagen direkt vor der Haustür – wie etwa bei Bürgermeister Jochen Flogaus in Notzingen.

„In Notzingen wird es einen Jakobsweg geben.“ Mit dieser Aussage überraschte der Schultes während der jüngsten Sitzung seine Gemeinderäte. Als die genaue Streckenführung erläutert wurde, konnte sich Helga Merz ein Lachen und einen Kommentar nicht verkneifen: „Unser Bürgermeister wohnt direkt am Jakobsweg.“ Der so Angesprochene reagierte prompt und stellte in Aussicht, dass er möglicherweise für die durstigen Pilger eine Most-Station einrichten werde.

Zu verdanken ist dieser neue Weg einer Initiative aus dem Kreis Göppingen, allen voran Dr. Ernst Schumacher. Der Arzt weiß aus seiner täglichen Praxis, wie wohltuend „auf dem Weg sein“ für Körper, Geist und Seele ist. Um seine Patienten auf einen wirklichen Weg schicken zu können, machte er sich mit Mitstreitern auf, eine Route zu erarbeiten. Dabei sollte der Ulmer Jakobsweg von Bargau aus mit dem Neckar-Jakobsweg in Bodelshofen verbunden werden. „Der Weg soll anregen, nach draußen zu gehen, mit anderen ins Gespräch zu kommen und uns der Natur nahezubringen. Wir wollen gesunde und ortsnahe Ernährung bewusster und aktuelle Gesundheitsthemen interessanter machen“, begründet Ernst Schumacher sein Engagement und das seiner Mitstreiter.

Von Bargau bei Schwäbisch Gmünd führt der Weg über die Reiterleskapelle nach Rechberg und von dort zur Jakobskirche nach Hohenstaufen. Dann macht der Weg einen Knick zur nächsten Jakobuskirche in Krummwälden, ehe es zur Oberhofenkirche in Göppingen geht. Dort ziert eine Jakobsmuschel eine Grabstelle. Faurndau wird wegen der romanischen Kirche angesteuert, Jebenhausen wegen seines jüdischen Museums. Von dort geht‘s über Bezgenriet, Zell und Schlierbach nach Notzingen – der Jakobuskirche sei Dank. Erstmals wurde eine Kapelle in Notzingen um die Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnt, die dem heiligen Jakob geweiht war. Diesen Namen behielt das Gotteshaus durch die Wirren der Zeit.

Von Schlierbach her kommend führt der Weg am Kirschenbäumle vorbei durch den Wald und dann der Straße entlang zur Kirche. Im Ort geht er weiter Richtung Bodenbach und dann über den Golfplatz nach Bodelshofen. Die dortige Jakobskirche war im Mittelalter eine Sammelstelle für Pilger auf dem Weg nach Spanien. Noch in diesem Monat sollen die kleinen Schilder mit dem Muschelsymbol aufgestellt beziehungsweise angebracht werden, damit keiner der Pilger vom rechten Pfad abkommt.

Wie nach Rom, führen auch nach Santiago de Compostela viele Wege zum Grab des heiligen Apostels Jakobus. Deutschland durchkreuzt ein ganzes Netz solcher Wege. „Nicht jede Jakobskirche liegt automatisch an einem alten Pilgerweg. Viele wurden einfach nach dem beliebten Apostel benannt“, sagt Hans-Jörg Bahmüller aus Winnenden. Er war maßgeblich an der Routenführung des Jakobswegs von Rothenburg ob der Tauber nach Rottenburg am Neckar beteiligt, an dem auch Bodelshofen liegt. Den neuen Weg konzipierte er ebenfalls mit. In Deutschland waren die Pilgerstrecken sozusagen Zubringerwege, die sich an Handelsstraßen orientier­ten. „Das sind oftmals unsere Autobahnen und Bundesstraßen“, sagt Hans-Jörg Bahmüller. Für ihn steht daher eine historisch sinnvolle Streckenführung im Vordergrund.

„Die Menschen schätzen immer mehr die Einfachheit. Sie haben genug von dem Überangebot“, nennt Bahmüller als Grund für die in den vergangenen 20 Jahren ständig angewachsene Pilgerschar. Gerade einmal 146 Pilger wurden 1983 in Santiago de Compostela gezählt, im Jahr 2006 waren es schon über 100 000. „Der Jakobsweg ist eigentlich ein Frauenweg, denn über 80 Prozent der Pilger sind Frauen“, sagt Hans-Jörg Bahmüller – entgegen des Klischees schätzen auch sie es, mit wenig Gepäck unterwegs zu sein.