Lokales

Musik knüpft zarte Bande enger

Trotz der unterschiedlichen Ausrichtung der beiden Schulen steht einer Partnerschaft der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule in Kirchheim mit der Thelma Yellin Highschool of Arts in Givatayim nichts mehr im Wege. Total begeistert von ihrem israelischen Gegenpart sind Studiendirektorin Marianne Erd­rich-Sommer, Schulleiterin der Schöllkopf-Schule, und sieben ihrer Schüler aus dem Heiligen Land zurückgekehrt.

Anzeige

richard umstadt

Kirchheim. Die Bande der Kirchheimer Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule zur Thelma Yellin Highschool in Givatayim, der rund 55 000 Einwohner zählenden Partnerstadt des Landkreises, sind noch zart – und ungewöhnlich. Geknüpft wurden sie im vergangenen Jahr aus zum Teil ganz praktischen Erwägungen he­raus. Peter Keck, seines Zeichens Pressesprecher im Landratsamt und seit Anbeginn Organisator der Partnerschaft zwischen dem Landkreis Esslingen und Givatayim, wollte anlässlich der Feierlichkeiten in Stuttgart zum 60. Jahrestag der Gründung Israels eine junge israelische Musikformation engagieren und wurde in der Thelma Yellin Highschool of Arts in Givatayim fündig. Was nun noch fehlte, war die entsprechende Ausrüstung – Mischpult, Lautsprecherboxen, Gesangsanlage, Schlagzeug und so weiter. Dies wiederum fand Peter Keck in der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule in Kirchheim. Die Schule in Trägerschaft des Landkreises ist zwar kaufmännisch ausgerichtet, verfügt aber über eine Schulband mit dem nötigen Equipment.

So kam es, dass die Mitglieder der Jazzformation „Seven Species“, allesamt Schüler der Givatayimer Yellin Highschool, mit ihrem Lehrer Amit Golan im Mai vergangenen Jahres nach Kirchheim kamen, in der Schöllkopf-Schule probten und in Stuttgart auftraten. Diese Gelegenheit ergriff die Schulleiterin der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule, Studiendirektorin Marianne Erdrich-Sommer, beim Schopf und knüpfte erste zarte Bande zur Givatayimer Eliteschule für Musiktalente. Bereits Jahre zuvor war die Schöllkopf-Schule eine Beziehung zur Ben Zvi Schule in der israelischen Partnerstadt eingegangen, die aber in der Zwischenzeit ruht. Jetzt wollte die Schulleiterin einen zweiten Anlauf wagen, diesmal mit der Thelma Yellin Highschool of Arts, in der neben den allgemeinbildenden Fächern, die zum Abitur führen, klassische Musik und Jazz, Gesang, Ballett, Malerei, Bildhauerei, Theater und Kino- beziehungsweise Videokunst in Privatstunden unterrichtet werden. Diese

Erfolgreicher zweiter Anlauf

Stunden im künstlerischen und musikalischen Bereich müssen die Schüler beziehungsweise deren Eltern selbst bezahlen, wobei Talente durch Stipendien finanziell gefördert werden. Die Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule in Kirchheim ist mit ihrem Wirtschaftsgymnasium und den Berufskollegs kaufmännisch ausgerichtet.

Nach einem ersten Beschnuppern 2008 – eine erste Gruppe von Austauschschülern aus Kirchheim war damals im Herbst in Givatayim – trat nun die Schulleiterin der Schöllkopf-Schule, Marianne Erdrich-Sommer, im Rahmen der Kreisdelegation gemeinsam mit zwei Schülerinnen und fünf Schülern sowie Lehrer Jens Kaiser wieder die Reise nach Israel an. Begeistert von der überwältigenden Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Israelis und mit vielen neuen Eindrücken kehrten sie am Wochenende zurück. Dabei wurde für Marianne Erdrich-Sommer klar: „Einer funktionierenden Partnerschaft steht nichts mehr im Wege.“

Spielen die unterschiedlichen Profile eine Rolle? „Nein, denn die israelischen Schüler haben ja auch ganz normale Fächer, die zum Abitur führen, wie bei uns.“ Darüber hinaus skizzierte sie die Idee eines gemeinsamen Projekts: „Die Schüler könnten sich mit der Frage befassen, wie sieht der deutsche und der israelische Musikmarkt aus? Das ist ein total spannendes und aktuelles Thema, das, wie ich denke, junge Leute anspricht. Dabei lernen die Schüler die ökonomischen Aspekte am Beispiel des Musikmarktes kennen.“ Dieses Projekt könnte zum Teil über das Internet vorbereitet werden, wobei ein Informationsaustausch der deutschen und israelischen Schüler in Englisch per E-Mail möglich wäre.

Steht das gemeinsame Musikmarkt-Projekt noch in weiter Ferne, so ist ein Ziel bereits erreicht: Das Israelbild der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schüler, aber auch das ihres Lehrers Jens Kaiser, wandelte sich innerhalb dieser Austauschwoche völlig. Der 17-jährige Georg Wößner meinte: „Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Tel Aviv und Givatayim sind wie westeuropäische Städte und die Jugend dort ist genau so drauf wie wir.“ Und er ergänzt: „Keiner hat Probleme mit Deutschen.“ Diese Erfahrung machte auch die 18-jährige Marina Lamparter: „Alle sind sehr gastfreundschaftlich und offen. Die Oma meiner Austauschschülerin hat

„Israelis sind sehr herzlich und offen“

mich gleich zur Begrüßung umarmt.“ Stefan Mayer,18: „Trotz des schrecklichen historischen Hintergrundes habe ich eine große Offenheit erlebt.“ Marina bestätigte die Aussage ihres Mitschülers: „In jeder Familie gab‘s jemand, der entweder rechtzeitig nach Israel ausgewandert ist oder den Holocaust überlebt hat.“ Fabrice Heilemann sprach die aktuelle Lage in dem Nahoststaat an: „Ich habe mich nie unsicher gefühlt.“ Als „krass“, weil ungewohnt, empfand er die Kontrollen überall, und beim Unabhängigkeitstag bemerkte der 17-jährige WG-Schüler, wie stolz die Israelis auf ihr Land sind. Kaum zu fassen war für Marina die Tatsache, dass die jungen Musiker der Yellin Highschool auch abends freiwillig in die Schule gehen, um zu üben. „Die singen und spielen auch unterwegs, komponieren Lieder selbst und geben Konzerte.“ Freilich ist die Auslese der jungen Talente bereits von Anfang an hart, und ohne täglich zu üben, kommt niemand voran. Jedenfalls würde Fabrice Heilemann, und nicht nur er, ganz gerne wieder nach Israel reisen. „Wir haben noch lange nicht alles gesehen“, bedauerte Marina Lamparter. Die Schüler wollen mit ihren israelischen Gastgebern in Kontakt bleiben. Andererseits konnten sie die Erfahrung machen, dass die Thelma-Yellin-Schüler sehr interessiert an Deutschland sind.

Gegenbesuch der Yellin-Schüler im Herbst

Sie werden im Herbst zu einem Gegenbesuch in den Landkreis Esslingen kommen, und zwar mit Haim Dayitshman, ihrem Schulleiter.

Wie die sieben Schöllkopf-Schüler, so war auch WG-Lehrer Jens Kaiser zum ersten Mal im Heiligen Land und war überrascht, dass man von der Gefahr des Terrors kaum etwas spürt. „Ich hätte im öffentlichen Straßenbild mehr Militär erwartet.“ Die Menschen in Tel Aviv und Givatayim machten auf ihn einen ziemlich entspannten Eindruck. Außerdem habe ihm die große Herzlichkeit der israelischen Kolleginnen und Kollegen jede Angst genommen.

Den Austausch zwischen den Schulen hält auch Jens Kaiser für sehr wichtig, „weil dadurch Brücken geschlagen werden können, wo zuvor Unverständnis und Distanz herrschten.“ Sehr gut gefiel dem Pädagogen die künstlerische Atmosphäre in der Thelma Yellin Highschool of Arts und die Motivation, „mit der die Schüler rangehen.“

Wie für alle Teilnehmer der Kreisdelegation und Austauschschüler, so war auch für Jens Kaiser der Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wichtig: „Es darf so etwas wie die Schoah nie wieder geschehen.“