Lokales

Musikalische Freundschaft weiter intensiviert

„Can Roig i Torres“ sorgte auf Einladung der Kirchheimer Musikschule für gleich zwei hochkarätige Konzertereignisse

Kirchheim. Seit dem Jahr 2003 verbindet die Kirchheimer Musikschule ein regelmäßiger Austausch mit ihren spanischen Freunden aus Santa Coloma de Gramenet. Eine musikalische Partnerschaft, die dank des

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FLORIAN STEGMAIER

diesjährigen Besuchs der Musikschule „Can Roig i Torres“ eine erneute Intensivierung erfuhr und dem Kirchheimer Musikleben gleich zwei hochkarätige Konzertereignisse bescherte.

Dass die gegenseitigen künstlerischen Begegnungen stets von großer Herzlichkeit und persönlicher Verbundenheit geprägt sind, zudem als wesentliche kulturelle Bereicherung empfunden werden, brachten Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und die Vertreter beider Musikschulen in ihren Grußworten einhellig zum Ausdruck.

Die kammermusikalische Intimität des Auftaktkonzerts, in dem sich die spanischen Gäste ganz dem Ensemble- und Solistenspiel widmeten, fand einen erfreulichen Kontrast im regen Publikumsandrang, der die Kapazitäten der Kirchheimer Schlosskapelle zu sprengen drohte.

Die hohe konzertante Wertschätzung, die man der Gitarre im iberischen Kulturraum entgegenbringt, verdeutlichte die Darbietung des Ensembles „sistrings“. Unter der Leitung von Carles Martínez Eroles erklangen Volkslieder aus Italien und Lateinamerika, ebenso Charakterstücke von Hans Brüderl, deren Stimmungspanoramen von den jungen Gitarristen feinsinnig ausgeleuchtet wurden.

Sinfonischen Dimensionen näherten sich die „Sechssaiter“ mit der Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Jaques Offenbach und Howard Shores Filmmusik zu „Herr der Ringe“. Die geschmackvollen Arrangements von Carles Martínez Eroles eröffneten eine breite Palette instrumentaler Möglichkeiten, deren klanglicher Finesse sich ein zupackendes, gar pathetisches Moment zur Seite stellen konnte.

In der Peripherie Barcelonas gelegen, ist Santa Coloma mit seinen rund 120 000 Einwohnern längst im urbanen Herzschlag der katalanischen Weltstadt aufgegangen. Da lag es auf der Hand, dass die Gäste auch Enrique Granados huldigten, dem wohl bedeutendsten Komponisten Kataloniens. In der Interpretation des Gitarrenquartetts standen seine spanischen Tänze mit Gabriel Faurés geheimnisvoll schillernder „Pavane“ in einer Reihe und verströmten duftig-impressionistisches Kolorit.

Es war ein regelrechtes kammermusikalisches Feuerwerk, das die jungen Künstler mit Professor Bernat Bofarull minutiös einstudiert hatten und nun in verschwenderischer Fülle vor ihren Hörern entfachten. Mit Variationen des Themas aus Alexander Borodins „Fürst Igor“ gaben die Gäste Einblicke in die Musizierkultur des Streichquartetts und boten mit zwei Sätzen aus Mozarts Flötenquartett KV 298 ein schönes Beispiel für bewegliches und zugleich transparentes Ensemblespiel.

Souverän behielten die Musiker den Überblick angesichts polyfoner Tücke in einer „Sinfonia a tre“ von Johann Christoph Petz, zelebrierten mit Niccolò Paganinis Duo in a–Moll theatralen Effekt und nahmen mit Mozarts Sonate für Violine und Bass KV 46 ein frühes Werk des Meisters gekonnt ins Visier.

Ambivalent gespannt, von grüblerischer Improvisation und chromatischem Lamento bis zum überschwänglichen Jubel hin, lotete Pianist Abel Iglesias die Klangwelt der Mozartschen Fantasie in d-Moll aus.

Als krönender Schluss erwies sich der Auftritt des Klarinettenensembles mit Stücken der Dreigroschenoper. Gerade für den deutschen Hörer ist Kurt Weills Musik eng mit der Sprache Bert Brechts verbunden. Von deren sperriger Herbe befreit, standen die „Songs“ mit einem Schlag als spannend gestrickte Preziosen voller Ironie und geistreicher Anspielungen da, denen die vier Holzbläser eine sensible, von graziler Präsenz durchdrungene Interpretation angedeihen ließen.

Zu gemeinsamen sinfonischen Höhen schwangen sich Santa Coloma und Kirchheim am folgenden Tag in der Stadthalle auf. Unter der Stabführung von Jesús Llado überraschte das Orchester der Musikschule „Can Roig i Torres“ sein Publikum mit einem angenehm runden, höchst kultivierten Streicherklang, der bei aller Homogenität über differenzierte Valeurs verfügte.

Ein derart gut disponierter Klangkörper kann die Herausforderung ruhigen Gewissens angehen, beim Finale von Dvoˇráks 8. Sinfonie auf die Bläser zu verzichten, sich als Streichorchester selbst zu genügen und dank eines intelligenten Arrangements die nötigen Klangfarben aus dem eigenen Fundus zu zaubern. Ein solides Fundament also, auf dem auch Miquel Expósito und Carles Franco als Violinsolisten von Vivaldis Doppelkonzert a-Moll op. 3 Nr. 8 glänzen konnten.

Natürlich wurde den zahlreichen Hörern die Tutti-Besetzung nicht vorenthalten. Nuancierte Vielfalt der Register, dynamische Bandbreite und ein dialogisch bewegtes Spiel der Solistimmen verwiesen in Schostakowitschs Walzer aus der „Jazz-Suite“, dem „Barrel Organ Waltz“, sowie in Pau Casals „Sant Martí del Canigó“ auf das beachtlich hohe Niveau des spanischen Orchesters.

Mit Werken von Heitor Villa-Lobos und Scott Joplin zeigten sich Hartmut Mayers „Cellophoniker“ der Musikschule Kirchheim betont vielseitig und warfen zudem einen temperamentvollen Blick auf das Repertoire rumänischer Folklore. Als eine musikalische Reverenz an die Gäste aus Santa Coloma hatte das Ensemble ein katalanisches Wiegenlied des zeitgenössischen Komponisten Jaume Pad­ros i Montoriol im Gepäck.

Ottorino Respighis „Italiana“ aus den „Antiche Arie e Dance“ diente Johannes Stortz und dem Orchester der Kirchheimer Musikschule als eleganter Auftakt, zugleich als geglückte Überleitung zu Lars Eric Larssons „Concertino“, das Posaunist Jonas Beck Gelegenheit gab, bildhaft und feinfühlig den Stimmungswandel der drei Sätze nachzuvollziehen.

Die zahllosen Freunde anspruchsvoller Filmmusik dürften mit James Horners Soundtrack zu „Titanic“ auf ihre Kosten gekommen sein. Hier konnte das Orchester der Kirchheimer Musikschule erneut seine große gestalterische Vielfalt auffächern.

Zu guter Letzt nahm die musikalische Freundschaft konkrete Bühnengestalt an. In einem furiosen Finale wuchsen beide Orchester zu einem großen Verbund zusammen. Klangmächtig vereint schwelgten die Musiker mit John Barries „I had a Farm“ in epischen Breiten und beeindruckten in Dvoˇráks Slawischem Tanz Nr.8 mit synkopischer Prägnanz und perkussiver Wucht. Eine triumphale Geste, die der internationalen musikalischen Begegnung zwischen Santa Coloma und Kirchheim zu einem würdigen und überaus glanzvollen Abschluss verhalf.