Lokales

Nach dem "Exil" wurde eine neue Heimat gefunden

Ganz im Zeichen des 40-jährigen Bestehens der Patenschaft der Stadt Wendlingen über die Egerländer stand die Festsitzung des Patenschaftsrates und des Heimatausschusses im Rahmen des 55. Vinzenzifestes am Samstag. Gelegenheit für Bürgermeister und Patenschaftsvorsitzender Frank Ziegler, die 40 Jahre im katholischen Gemeindezentrum Sankt Georg in Unterboihingen Revue passieren zu lassen.

RUDOLF STÄBLER

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WENDLINGEN Am gestrigen Sonntag, 27. August, waren es genau 40 Jahre, dass die Patenschaftsurkunde von der Stadt Wendlingen übergeben wurde. Damit wurde der Beschluss des Gemeinderats vom November 1965 zur Übernahme dieser Patenschaft öffentlich beurkundet. Umrahmt war die Festsitzung im Gemeindezentrum von der Böhmerwälder Stubenmusik aus Nürtingen.

Das 40-jährige Bestehen war für Bürgermeister Frank Ziegler willkommener Anlass für eine Rückschau als "Patenonkel". Auch diesmal unterstrich er die Bedeutung solcher Retroperspektiven gerade für die jüngeren Menschen , denn es sei eine Tatsache, dass sich die Vertriebenen und speziell deren Nachkommen sich gerade von der "Erlebnisgeneration" zur "Bekenntnisgeneration" wandle.

Den Egerländern wurde in den Jahren 1945 und 1946 ihre angestammte Heimat, in der sie über 800 Jahre lebten, geraubt. Die vielen Vertriebenen, die damals nach Wendlingen kamen, hatten Schweres durchgemacht. Sie hatten alles verloren, was ihr bisheriges Leben ausmachte, ihre Heimat, ihr Hab und Gut, ihre Einbindung in eine bestimmte Lebenserfahrung. Zudem seien sie, so der Bürgermeister, von schrecklichen Erfahrungen und Erlebnissen traumatisiert.

Am 24. Juli 1949 gründete sich die Egerländer Gmoi Wendlingen am Neckar. Anton Rödl wurde zum Vüarstäiha gewählt. Schon einen Monat später, am 27. August, nahm die Gmoi mit einem Festwagen am ersten Landestreffen der Egerländer in Württemberg-Baden in Plochingen teil. Schlüsselerlebnis für die Gründung der Gmoi war aber eindeutig das 1. Bundestreffen in Rothenburg ob der Tauber am 2./3. Juli 1949, von dem Anton Rödl und Hubert Matzner mit großer Begeisterung zurückkehrten. Und doch: Man fühlte sich zunächst nicht in einer neuen Heimat, sondern als Egerländer im Exil. Man pflegte die Musik, die Volkstänze, die Gedichte, die Traditionen, erzählte Geschichten aus dem Egerland kurzum: Man hatte bei den regelmäßigen Versammlungen ein Gefühl von Heimat. Am 14. Mai 1950 fand die erste Maibaumaufstellung im Hof der Gartenschule statt. Schon zu diesem Anlass würdigte der damalige Bürgermeister Helmut Kaiser die gute Zusammenarbeit der Egerländer Gmoi mit der Kommune. Erstmals sprach Toni Rödl von Wendlingen am Neckar als der "neuen Heimat".

Eine zündende Idee von Walter Helm im Januar 1952 ist sicherlich ein wichtiger Meilenstein in den Annalen der Egerländer Gmoi Wendlingen. Er regte damals an, das traditionsreiche Egerer Erntedankfest, den Birnsunnta, also das Vinzenzifest in der neuen Heimat wieder aufleben zu lassen. Von Anfang an war es nicht als lokales Ereignis konzipiert, sondern als Treffpunkt aller Egerländer im damaligen Bundesland Württemberg-Baden. Die Idee Helms wurde begeistert aufgegriffen. Nach Vorbereitungen voller Elan fand das 1. Vinzenzifest "neuer Zeitrechnung" noch im gleichen Jahr, am 30./31. August 1952 statt. Seit dem Jahr 1694 gab es diese Tradition schon in Eger, stets am letzten Sonntag im August, dem Birnsunnta. 1956 begann mit Bundesverkehrsminister Dr. Seebohm der Reigen der prominenten Gäste des Vinzenzifestes.

Unmittelbar nach dem 14. Fest im Jahre 1965 ergriff Anton Rödl, selbst Mitglied des Gemeinderates, die Initiative. Er formulierte am 20. September 1965 einen Antrag an den Gemeinderat: Die Egerländer hätten mit der neu geschaffenen Tradition des Vinzenzifestes der Stadt an Neckar und Lauter eine große Ehre erwiesen, Wendlingen sei weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt geworden. Es sei der Wunsch der Egerländer, in Wendlingen eine besondere Heimatstadt zu erhalten, wie einst in Eger. In seiner Sitzung vom 11. November 1965 beschloss der Gemeinderat im Wissen darum, was er den Egerländern verdankte, aber auch in Freundschaft und Verbundenheit einstimmig, die Patenschaft über die in Baden-Württemberg lebenden Egerländer zu übernehmen. Die Urkunde wurde im Rahmen der ersten Patenschaftsfeier anlässlich des 15. Vinzenzifestes 1966 von Bürgermeister Helmut Kaiser an Toni Rödl überreicht. Jetzt war die Verbundenheit der Stadt Wendlingen mit den Egerländern ganz offiziell.

Im Jahre 1968 erfolgten die Beschlüsse des Gemeinderates zur Verwirklichung einer Egerländer Heimatstube und zur Gründung eines Patenschaftsrates. Die Stadt trug gemäß ihrer patenschaftlichen Verpflichtung mit der Benennung zahlreicher Straßen nach Egerländer Orten der äußerlichen Erinnerung an die Egerländer Heimat Rechnung. Beim Vinzenzifest 1978 wurde ein alter Brauch aus dem Egerland wieder aufgegriffen: Nach dem Gottesdienst wurden Birnen unter den Festgästen verteilt. Jetzt hatte auch Wendlingen seinen "echten" Birnsunnta. Das 30. Fest 1981 bot den Rahmen, eine Relique des heiligen Vinzenz nach Wendlingen zu bringen. Sie fand ihren Platz in der Vinzenzikapelle, einer Seitenkapelle der Sankt-Kolumban-Kirche.

Dass die Stadt die Verpflichtungen aus ihrer Patenschaft ernst nimmt, hat die Sudetendeutsche Bundesversammlung dazu bewogen, der Stadt anlässlich des 34. Vinzenzifestes 1985 eine vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und Franz Neubauer, dem Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe, unterzeichnete Urkunde für vorbildliche Patenschaft zu überreichen. Ein weiterer Meilenstein war 1988 die Einweihung des Egerland-Brunnens in der Neuen Stadtmitte. Dieser Brunnen, mit Darstellung der Wappen der 16 Kreisstädte des Egerlandes am Brunnentrog und der Darstellung der vier "Egerländer Musikanten" mit Dudelsack, Geige, Klarinette und Bass an der Brunnenstele, wurde durch Spenden finanziert und soll an die Patenschaft erinnern. Nach den Umbrüchen im Ostblock konnten 1990 erstmals Gäste aus Eger begrüßt werden. Die in der Folge gegenseitigen Besuche haben sich längst zu einer Städtefreundschaft entwickelt.

In seinem abschließenden Resümee stellt der Bürgermeister heraus, dass die Vertreibung schmerzhaft, traumatisierend und klares Unrecht gewesen sei. Aber: "Die Egerländer haben letztlich bei uns in Wendlingen, aber auch in vielen anderen Kommunen eine neue Heimat gefunden. Der Bürgermeister weiter: "Unsere Egerländer haben bewiesen, dass ein Neuanfang möglich ist. Sie haben viel Kraft, größte Energie und beispielhaften Mut gezeigt. Sie haben dieses Land, sie haben unsere Stadt entscheidend mit geprägt und gestaltet. Die Zukunft der Egerländer Gmoi gehört der Jugend. Die Jugendgruppen, denen längst nicht mehr nur die Kinder der Egerländer angehören, sind daher der besondere Stolz der Wendlinger Gmoi. Sie pflegen insbesondere das Liedgut und die Tänze und tragen so das wertvolle Kulturgut des Egerlandes in die kommenden Jahrzehnte weiter."

Am Ende seiner Ansprache überreichte Bürgermeister Frank Ziegler dem Landesvorsteher Albert Reich und dem Gemeindevorsteher Horst Rödl die Jubiläumsurkunde und dem Wendlinger Heimatverein einen Scheck. An den beiden Egerländern lag es nun das Fest offiziell zu eröffnen, was sie auch nach kurzen Worten taten.