Lokales

Nach dem zweiten Tor begann die Mittsommernacht

Das Kirchheimer Haft- ond Hokafescht hat eine lange Tradition. Entscheidet sonst eher die vorherrschende Großwetterlage darüber, ob es ein Erfolg wird oder nicht, war diesmal das Achtelfinale der Fußball-WM das entscheidende Stimmungsbarometer. Schon zwölf Minuten nach Spielbeginn war dann zu ahnen, wie das Pendel wohl ausschlagen wird.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Die für die Eröffnung des Festes am Samstagnachmittag musikalisch verantwortlich zeichnende Band der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule konnte daher genauso wenig für einen richtigen Beginn des Haft- ond Hokafeschts sorgen wie Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Selbst der als eindeutiges Startsignal nicht zu überbietende Fassanstich und das anschließend ausgeschenkte Freibier konnten noch immer nicht für entspannte Feststimmung sorgen.

Alle Besucher des Kirchheimer Stadtfests fieberten schließlich der Übertragung des Achtelfinalspiels Deutschland Schweden entgegen, das nicht nur per Großbild-LED-Leinwand auf dem Marktplatz zu sehen war, sondern schon von weitem erkennbar auch überall dort, wo sich in der Fußgängerzone entsprechende Menschentrauben vor Übertragungsgeräten gebildet hatten. Die vielen Verpflegungsstationen der Kirchheimer Vereine lagen in dieser Zeit völlig brach und auch der WC-Wagen wurde praktisch nicht frequentiert.

Wer wie die Ötlinger "Fogelfreyn Trutzen" aus dem "normalen Leben und über die Regeln des Alltags hinaustreten" wollte und der Euphorie der Fußball-Weltmeisterschaft kurzerhand den Rücken kehrte, konnte im nur wenige Meter vom Kirchheimer Marktplatz entfernten Marstallgarten in eine ganz andere Welt und eine längst vergangene Zeit eintauchen. Während dieses idyllische Angebot in stimmigem Ambiente am gestrigen Sonntag dankbar angenommen wurde, wollte verständlicherweise am Samstag fast niemand die alles entscheidende Zeit ausgerechnet im Mittelalter verbringen, um Met zu schlürfen, Schwerter zu klopfen, Dudelsäcke zu quälen, in der Hängematte zu schaukeln oder sich ohne lange Schlange stehen zu müssen im Bogenschießen zu bewähren.

Vor der modernen LED-Leinwand auf dem Marktplatz wartete zu diesem Zeitpunkt schließlich alles gespannt und gebannt auf verlässliche Zeichen für einen Sieg gegen Schweden. "So sehen Sieger aus" wurde selbstbewusst schon von Beginn an intoniert. Möglicherweise auf dem Marktplatz vorhandene schwedische Minderheiten hatten praktisch keine Chance, gegen die zahlenmäßig überlegene Masse zunehmend siegessicherer Deutschlandfans auch nur ansatzweise zu Wort zu kommen. "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" schien sich die schwarz-rot-goldene Mehrheit anfangs immer wieder selbst überzeugen zu wollen, während den anstürmenden Schweden auf der Großleinwand trotzig entgegengerufen wurde "Geht doch zu Ikea" und schließlich immer überzeugter skandiert wurde, "Ihr könnt nach Hause fahren".

Schon nach vier Minuten löste sich die erkennbare Spannung etwas und nach zwölf Minuten kannte die nun unendlicher Zuversicht Platz machende Begeisterung fast keine Grenzen mehr. Ein spontaner Vorschlag, den zweifachen Torschützen Lukas Podolski zum Ehrenbürger der Stadt zu erklären, wäre am Samstag wenn schon nicht sofort einstimmig entschieden so doch vermutlich klar mehrheitsfähig gewesen.

Jetzt hatte endlich das Kirchheimer Stadtfest tatsächlich begonnen, das die rapide ansteigende Gemeinde begeisterter Autokorso-Freunde auf dem damit unweigerlich zum Parkplatz mutierten Alleenring begeistert feierten. Unübersehbare Präsenz und der WM-Ausnahmesituation entsprechend angepasste Toleranz gleichermaßen demonstierende Ordnungshüter und im Rausch kollektiver Freude außer Rand und Band geratene Fußball-Fans, standen sich dann lange Zeit Auge in Auge gegenüber, denn in dem mutwillig selbst provozierten Stau war lange Zeit an ein Vorankommen überhaupt nicht mehr zu denken.

Umso mehr Bewegung herrschte inzwischen auf der Show-Bühne am Kirchheimer Marktplatz, wo die Rock 'n' Roll-Formation des TSV Notzingen mit atemberaubender und halsbrecherischer Rock 'n' Roll-Akrobatik für Furore sorgte. Staus bildeten sich rasch auch wieder an den Essens- und vor allem auch an den besonders stark frequentierten Getränkeständen. Jetzt begann endgültig eine von allen Fußballfans in Kirchheim gerne mitgefeierte schwedische Mitsommernacht.

Während auf dem Marktplatz die Partyband "Push" mit der Live-Übertragung Argentinien-Mexico konkurrierte, hatte die Calo-Rapallo Band auf dem Bastionsdach den Besuchern "180 Minuten netto" versprochen, die zwischen immer wieder am Alleenring aufbrandenden Hupkonzerten und einem deutlich zeitversetzten Beginn im Lauf einer lauen Nacht ebenfalls mit König Fußball entsprechend fair geteilt werden mussten.

In harten Konkurrenzkämpfen hatten sich auch die Akteure am gestrigen Sonntag zu behaupten. Während nach einem ökumenischen Gottesdienst die Kirchheimer Turmbläser um 11 Uhr den Tag eröffneten, sorgten die Drummer des Percussionsensembles der Kirchheimer Musikschule für flotte Rhythmen, während auf dem Bastionsdach zunächst vor allem die spannende Frage umging, wer von den unzähligen angefragten Gästen denn nun den musikalischen Reigen eröffnen, wer in welcher Reihenfolge und Zeitintensität weiterführen und wer irgendwann auch einmal den Frühschoppen beenden wird.

Auf dem Martinskirchplatz hatte zeitgleich die Kirchheimer Stadtkapelle Stellung bezogen, um dann "Willi's Blasmusik" und später dem Vorstufenorchester und der Jugendkapelle das Terrain zu überlassen. Die Bühne auf dem Marktplatz dokumentierte gestern den ganzen Tag über noch eindrucksvoller als die vielfältigen kulinarischen Offerten am ganzen Wochenende, wie lebendig, völkerübergreifend und vielseitig auch das kulturelle Angebot der Kirchheimer Vereinsszene ist. Während der Württembergische Brüderbund gestern auf dem Schlossplatz vielfältige sportliche Aktivitäten und Trainingsmöglichkeiten für das bevorstehende "Fun-Kickerturnier" anbot, informierten die Moderatoren Janine Eyck und Siegfried Pöschl über die anstehenden Ereignisse auf der gut besuchten Bühne.

Das Ende des sonnigen Tages wurde dann von Regen begleitet, der das Publikum unter den Schirmen zusammenrücken ließ.