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Nach der Wahl: Frust und Rätselraten

Eine rot-grüne Regierung wollten Deutschlands Wähler nicht mehr haben und auch schwarz-gelb hat sie offenbar nicht überzeugt. Das legen zumindest die Ergebnisse der Bundestagswahl nahe. Aber wie stellen sich die Bürger jetzt eigentlich die politische Zukunft für ihr Land vor? Bei einer Umfrage in der Kirchheimer Innenstadt hat der Teckbote Passanten nach ihrer Meinung gefragt.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM "Sehr schwierig" so lautet der Tenor der Passanten in der Kirchheimer Fußgängerzone im Hinblick auf die Frage: "Wie soll es nach der Bundestagswahl in Deutschlands Politik weitergehen?"

Sophie Schäfer, Schülerin am Kirchheimer Schlossgymnasium, wünscht sich am ehesten eine rot-gelb-grüne Ampelkoalition . "Ich halte das aber für unwahrscheinlich", sagt sie. Ihre Vermutung: "Es wird wohl auf eine Große Koalition hinauslaufen."O:19090598.JPG Das jedoch hieße nach Ansicht der 18-Jährigen, dass Reformen und Gesetze weiterhin blockiert werden. Grundsätzlich würde Sophie Schäfer eine Frau an der Spitze Deutschlands begrüßen. Angela Merkel ist ihrer Ansicht nach jedoch nicht die geeignete Person: "Sie ist zu unsicher und von Auftreten und Erscheinung her nicht als Kanzlerin geeignet."

Die Ansicht, dass Angela Merkel nicht gerade die beste Besetzung für den Kanzlerposten ist, teilt auch Ernst Schmidt aus Ötlingen: "Ich kann mit ihr leben, aber ich könnte mir eine glücklichere Lösung vorstellen", gesteht der 65-Jährige. Ganz allgemein O:19090594.JPGgilt für ihn: "Deutschland braucht einen Mann an der Spitze." Gerhard Schröder allerdings kommt für den Ötlinger nicht infrage. In der Diskussion um mögliche Bündnisse stellt Ernst Schmidt seine Position klar: "Von einer großen Koalition halte ich gar nichts, das bedeutet nur Stagnation." Er hofft nun, dass sich die Parteien auf die so genannte "Schwampel" oder "Jamaika-Koalition" einigen können, ein Bündnis zwischen Union, FDP und Grünen.

"Eine ,Schwampel' finde ich nicht gut", sagt Renate Drechsler aus Kirchheim. Probieren könnte man aus ihrer Sicht auch eine Große Koalition, aber in der jetzigen Situation lautet für 61-Jährige die beste Alternative:O:19090599.JPG rot-grün-gelb. "Am liebsten wäre mir aber rot-grün gewesen", gibt sie zu. "So elend geht es uns in Deutschland doch gar nicht", verteidigt sie die Politik von SPD und Grünen. Auch Schröder als Kanzler entspricht den Vorstellungen von Renate Drechsler: "Ich finde ihn als Staatsmann gut."

"Ich bin dafür, der SPD noch eine Chance zu geben", tritt Bernd Kallenberger ebenfalls für eine Regie-runsgbeteiligung der Sozialdemokraten ein. "Sieben Jahre sind zu kurz" glaubt er. Die Partei brauche noch eine Legislaturperiode, um ihre Politik durchzusetzen. Dabei wäre eine traditionelle Ampel aus seiner Sicht das Beste. O:19090596.JPG"In einer Großen Koalition hätte die CDU zu viel Einfluss und ein Bündnis mit Links kommt nicht infrage ", wägt der 39-Jährige aus Oberboihingen weitere Optionen ab. Nicht nur von der Erscheinung her, sondern auch fachlich liegt bei Bernd Kallenberger Gerhard Schröder als Kanzler ganz vorne. Merkel dagegen ist ihm zu unentschieden in ihrer Politik.

"Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie sich mit Bush oder Chirac trifft", zeigt sich auch Thomas Klapsia skeptisch gegenüber Angela Merkel als Aushängeschild für Deutschland. Dennoch ist die CDU-Vorsitzende für den 19-Jährigen das kleinere Übel: "Hauptsache ist, die SPD kommt nicht an die Macht", betontO:19090595.JPG er. Am ehesten kann sich der Notzinger mit einer "Jamaika-Koalition" anfreunden. Insgesamt ist Thomas Klapsia jedoch enttäuscht vom Wahlergebnis. Dass die CDU an Rückhalt in der Bevölkerung verloren hat, schiebt er auf die Kanzlerkandidatin: "Angela Merkel ist im TV-Duell schlecht rübergekommen. Ihr fehlt das Charisma für eine Staatsfrau."

Ganz anderer Ansicht ist da Andrea Ruoff aus Kirchheim. "Angela Merkel hat sich im Wahlkampf sehr gut dargestellt", findet sie. Dass die CDU trotzdem keine besseren Ergebnisse verzeichen kann, liegt ihrer Ansicht nach an anderen Faktoren: Aus Sicht O:19090593.JPGder 46-Jährigen hat es der Partei geschadet, dass nicht deutlich wurde, was Paul Kirchhof mit seiner Steuerpolitik erreichen will. Auch die Verunsicherung in Sachen Mehrwertsteuererhöhung hätten der CDU nicht gut getan. Angst hat Andrea Ruoff davor, dass sich die Politik in den kommenden Jahren im Kreis dreht. "Für den momentanen Zustand gibt es keine Lösung", zeigt sie sich frustiert: "Ich fände es das Beste, wenn es einen neuen Wahlkampf geben würde."

Eine ähnliche Meinung vertritt Ulla Berner: "Nochmal wählen wäre das Beste", sagt die 25-Jährige: "So wie die Lage jetzt ist, gibt es keine Lösung. Niemand ist derzeit regierungsfähig." Ihr Frust über das unO:19090597.JPGklare Wahlergebnis wird verstärkt durch ökonomische Prognosen: "Krass finde ich, dass die Wirtschaft jetzt schon gesagt hat, dass alles noch schlechter wird." In der Kanzlerfrage stehen für die Kirchheimerin Personenfragen hinten an: "Schröder wäre mir lieber als Merkel aber nur, weil sie für die CDU steht."

Fotos: Jörg Bächle