Lokales

Nach etlichen Turbulenzen auf der Sonnenseite angekommen

Den Blick zur Kirche konnten gestern alle Gäste der Einweihungsfeier des neuen katholischen Gemeindehauses in Weilheim in vollen Zügen genießen: Durch die südliche Glasfassade ihres Gemeindesaals haben die Weilheimer Katholiken auch künftig beim Feiern die Franziskuskirche immer im Blick.

ANDREAS VOLZ

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WEILHEIM

"Dieses Haus ist zunächst schön, nützlich und gut", sagte Hermann Ehrensperger im Gottesdienst, der der eigentlichen Einweihungsfeier des Gemeindehauses vorausgegangen war, "mit Blick auf die Kirche weist es aber auf etwas Höheres hin." So großartig das sei, was die Menschheit fertig bringt, gehe es letztlich doch "nicht um uns, nicht um unsere Leistung", führte Ehrensperger in seiner Predigt aus und bezog sich dabei sowohl lokal auf das neue Gemeindehaus als auch global auf die Flutkatastrophe in Asien.

Was das neue Haus betrifft, wurde dann aber doch ein wenig auf die Leistung aller Beteiligten eingegangen Leistungen der vergangenen Monate ebenso wie Leistungen der letzten fünf Jahre und der zurückliegenden fünf Jahrzehnte: Nachdem Pfarrer Ehrensperger alle Räume mit Weihwasser besprengt und damit gesegnet hatte, ging Kornelia Schmalenberg-Albert, die Zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats, ausführlich auf die lange Planungs- und die vergleichsweise kurze Baugeschichte des katholischen Gemeindehauses ein. Ihr Fazit: "Das Warten der letzten 50 Jahre hat sich gelohnt."

Über Jahrzehnte hinweg habe der Gedanke an ein "oberirdisches Gemeindehaus" die Mitglieder der Weilheimer Franziskusgemeinde beschäftigt. Nach der Kirchenweihe im Oktober 1954 war die ehemalige "Unterkirche" 1969 und 1974 zum Franziskussaal in heutiger Größe ausgebaut worden, erinnerte Kornelia Schmalenberg-Albert an Bestehendes, bevor sie die Luftschlösser aufzählte, die zwischenzeitlich zur Debatte gestanden hatten.

So gab es 1979 ernsthafte Gedanken an ein ökumenisches Gemeindehaus auf dem Egelsberg, 1990 an eine unterirdische Erweiterung des Franziskussaals und 1998 an ein Gemeindehaus nordwestlich der Kirche, auf dem Grundstück Karl-Scheufelen-Straße 8.

Schließlich war es die weltliche Gemeinde, die den entscheidenden Impuls gab, der dann zur Verwirklichung des heutigen Gemeindehauses führte: Die Stadt beabsichtigte, den Kindergarten Friedhofstraße aufzugeben, und bot der katholischen Kirchengemeinde das Grundstück zum Verkauf an, das ihr vor dem Kirchenbau Anfang der 50er-Jahre schon einmal gehört hatte. Der Kirchengemeinderat nahm das Angebot an und schrieb einen Architektenwettbewerb aus.

Auch nach dem Spruch des Preisgerichts im Februar 2001 gab es noch viele Unklarheiten zu beseitigen auf dem Weg zum Gemeindehausbau. So erhielt die Nürtinger Architekten-Werkgemeinschaft Weinbrenner-Single, die auf dem dritten Platz gelandet war, im Jahr darauf den Auftrag, ihren Entwurf zu realisieren. Das Kostenmanagement führte zu einer zweijährigen Umplanungsphase, bevor im März 2004 der erste Spatenstich erfolgen und das Vorhaben anschließend in "rasant kurzer Zeit" verwirklicht werden konnte.

Ohne irgendwelche Zuschüsse habe die katholische Kirchengemeinde das Bauwerk komplett aus eigenen Mitteln finanziert, die "langsam, aber stetig angespart" worden seien. Auch deshalb freute sich Kornelia Schmalenberg-Albert darüber, dass es gemeinsam mit Melanie David von der Nürtinger Architekten-Werkgemeinschaft Weinbrenner-Single gelungen ist, beim Kostenrahmen den Baupreis von unter einer Million Euro einzuhalten.

"Für uns war es eine Frage der Ehre, die Kosten einzuhalten, ohne die architektonische Idee dabei aufzugeben", stellte Jörg Weinbrenner anschließend fest. Doch das war für ihn nur eine von mehreren "emotionalen Turbulenzen", die es in den vier Jahren zwischen dem Wettbewerb und der gestrigen Einweihungsfeier zu meistern galt. Eine weitere dieser Turbulenzen war die Notwendigkeit, die alten Bäume auf der Pfarrwiese zwischen Gemeindehaus und Franziskuskirche zu fällen. Inzwischen gewinnt Architekt Weinbrenner aber auch dieser Tatsache etwas Positives ab: "Neues Grün und neue Bäume können zusammen mit dem Gemeindehaus Zeichen für eine Aufbruchstimmung setzen."

Mit ähnlich positiven Gedanken beglückwünschte Bürgermeister Hermann Bauer die katholische Franziskusgemeinde zum gelungenen Neubau, wobei er auf die nach Süden ausgerichtete Glasfassade des großen Saals anspielte: "Mit diesem Gemeindehaus sind Sie immer auf der Sonnenseite." Bauer bezeichnete es als Glück des Tüchtigen oder auch höhere Eingebung, dass es der Kirchengemeinde gelungen sei, mitten in der Stadt, auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei, sowohl Kirche als auch Gemeindehaus zu erstellen.

"Die Franziskuskirche hat sich in den 50 Jahren ihres Bestehens behauptet. Sie gehört zu Weilheim, als ob sie schon immer dort gestanden hätte", stellte Bürgermeister Bauer fest und sparte auch nicht mit Lob für das neue Gemeindehaus: "Die Schweizer würden sagen: ,Das ischt ebbes ganz ebbes Gelungenes.'" Nicht von ungefähr kam Hermann Bauer auf die Schweiz zu sprechen, hatte er doch als Geschenk der Stadt an die Kirchengemeinde ein Franziskusbild des Schweizer Künstlers Rudolf Mirer im Gepäck, der vor 40 Jahren als junger Mann in der Schweizer Garde im Vatikan gedient hat.

Zusammen mit diesem gemalten Franziskus haben sich auch die Weilheimer Katholiken gestern Nachmittag im Rahmen eines Tags der offenen Tür in ihrem neuen Gemeindehaus eingelebt. Somit könnte die Hoffnung von Kirchengemeinderatsmitglied Peter Dolezal, den Architekt Jörg Weinbrenner als "zweiten Bauleiter" bezeichnet hatte, in Erfüllung gehen: "Ich wünsche mir, dass wir das Haus immer so voll haben."