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"Nächste Woche ist Ball im Schloss es gibt viel zu tun"

KIRCHHEIM In der Küche des Schlosses wird Schokolade gerührt und werden feinste Backwaren vorbereitet, im Speisesaal werden die

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UTE FREIER

Tische festlich dekoriert. Das Personal hat alle Hände voll zu tun, während die Herzogin bei der Schneiderin neue Ballroben und bei der Putzmacherin Hüte ordert und die Töchter die neuesten Tänze einstudieren so könnte es gewesen sein im Jahr 1817 im Kirchheimer Schloss, wenn ein großes Fest bevorstand. In historischen Kostümen stellten die Maskengruppe "Venezianische Maskenfreunde" aus Kirchheim und die Gruppe "Incognito" aus Ludwigsburg in der ehemaligen Dürnitz und späteren Kapelle des Schlosses kurze Szenen einer solchen Fest-Vorbereitung dar.

"Seit vier Jahren findet einmal im Jahr der Historische Tag statt. Wir wollen dadurch das schöne Schloss beleben", fasst Sabine Scherer von der Gruppe "Incognito" das Anliegen der beiden befreundeten Kostümgruppen zusammen. Jedes Jahr wählen sie für diesen Tag ein anderes Thema und einen anderen Zeitraum; dieses Mal das Jahr 1817. Damals hatte sich Herzogin Henriette im Alter von 37 Jahren nach dem Tod ihres Mannes Herzog Ludwig mit vier ihrer Kinder von der Residenz Stuttgart zurückgezogen ins Kirchheimer Schloss, dem Wohnsitz der Witwen aus dem Hause Württemberg. König von Württemberg war seit 1816 König Wilhelm I., der Sohn ihres verstorbenen Schwagers.

So weit der geschichtliche Hintergrund. Gut vorstellbar, dass sich König Wilhelm I. und seine damalige Gemahlin, Königin Katharina, bei Wilhelms Tante in Kirchheim anmeldeten zu einem inoffiziellen Familientreffen, für das dennoch aufwändige Vorbereitungen notwendig waren. Wie man sich die Arbeit in einer Schlossküche vorzustellen hat, verdeutlichte die Autorin Petra Durst-Benning, die zur Einstimmung eine Passage vorlas aus ihrem Roman "Die Zuckerbäckerin", der im Jahr 1816 am Hof in Stuttgart spielt. Um den Arbeitsanfall am Hof bewältigen zu können, war ein Heer von Bediensteten vonnöten, beim "Historischen Tag" vertreten durch einen Zuckerbäcker, eine Hoftafelaufseherin und ein Schokoladenmädchen, das für die Zubereitung des Schokoladengetränks zuständig war. Sie hielt sich dabei an ein von einem französischen Apotheker im 17. Jahrhundert niedergeschriebenes Rezept, das die Zubereitung dieses exotischen Getränks beschreibt.

Um die kostbaren Garderoben der adligen Damen und Herren kümmerten sich im höfischen Zeitalter weitere dienstbare Geister, bei der Kostüm-Vorführung repräsentiert durch eine Schneiderin, eine Putzmacherin und eine Stickerin. Beim Entwerfen der Kleidung war auf die Kleiderordnung zu achten, die vorschrieb, dass niemand aus dem Hofstaat für sein Kleid dieselbe Farbe wählen durfte wie die ranghöchste Dame, in diesem Fall die Herzogin. Schneiderin Christa Schell und Putzmacherin Karin Oesterle kümmern sich auch in Wirklichkeit um die Garderobe der Gruppenmitglieder von "Incognito". Beide orientieren sich bei ihren Entwürfen an alten Abbildungen. Feine Taschentücher aus Linnen, damals unverzichtbar, säumt Doris Pagenkopf mit Occhispitze. "Man nennt sie auch Schiffchenspitze", erklärt sie und führt gekonnt vor, wie mit Hilfe zweier kleiner Schiffchen Knoten um Knoten diese feine Spitze entsteht.

Insgesamt wirkten etwa 20 Darsteller mit, alle in Kostümen im damaligen Stil der Zeit, im Empirestil: die Herren im Frack, die Damen in langen Kleidern, extrem hoher Taille, mit Stirnband oder Diadem im Haar, mit Handschuhen und Retikül, einem Stoffbeutel, in dem der Fächer verwahrt wurde. "Für Bälle gab es besondere Tanzfächer", erläutert Sabine Scherer, die das Programm zusammengestellt und die Tänze eingeübt hat, "auf denen trugen sich die Tänzer ein."

Wie einst getanzt wurde, zeigten acht Damen, die sich in ihren knöchellangen Roben in "Gassenaufstellung" gegenüberstanden: Sie gingen aufeinander zu, reichten sich die Hände, tauschten die Plätze, drehten sich im Kreis, hüpften und knicksten beim Kontratanz, der damals beliebtesten Art zu tanzen, während sich beim damaligen Modetanz, dem Walzer, die Tänzer bereits paarweise drehten.

Alle Fest-Vorbereitungen wurden inspiziert und fanden das Wohlwollen von Herzogin Henriette, gespielt von Margit Skrzipietz im wirklichen Leben Hausfrau und Mutter. Auch die anderen Kostümträger gehen "bürgerlichen" Berufen nach, sind Schneiderin, Kunsthandwerkerin, Fußpflegerin oder im Marketing tätig. Sie alle verbindet ihre Freude an Masken und Kostümen.