Lokales

Närrische Schwerstarbeit fürs Fernsehen

Sonntag ab 20.15 Uhr war es wieder so weit: Im Südwestfernsehen lief die dreistündige Livesendung des Landesverbands Württembergischer Karnevalvereine. Bereits zum sechsten Mal kam sie von der Esslinger Karnevalsgesellschaft Zwieblingen. Die Vorbereitungen für die Sendung dauerten mehrere Tage: Höchstleistung für die Mitwirkenden und das SWR-Team.

PETER DIETRICH

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ESSLINGEN Die Vorbereitungen begannen am Dienstag mit der Verlegung des Tanzbodens, am Mittwoch und Donnerstag wurden Starkstrom, Ton und Licht aufgebaut. Für die Bühne hätte die Saalbeleuchtung vielleicht noch ausgereicht, aber fürs Fernsehen darf auch das Publikum nicht im Dunkeln sitzen daher wurden über diesem jede Menge Traversen mit Scheinwerfern montiert. Das Licht ist computergesteuert, so lässt sich bei den Proben jede Beleuchtungssituation abspeichern und später wieder aufrufen. Rund 60 Leute gehörten zum SWR-Team, von den Zwieblingern waren rund 100 Leute mit Aufbau und Vorbereitungen beschäftigt sie kümmerten sich zum Beispiel nachts um den Aufbau des Bühnenbilds. Inzwischen kennt man sich, und Zwieblinger-Präsident Gerhard Worbach sprach begeistert von einem "tollen Miteinander mit null Reibereien".

Am Freitag fand die Regiebesprechung statt, anschließend folgte die erste Probe: Wie ist der Ton? Das Licht? Wie weit darf die Garde nach vorne tanzen? Wo muss der Büttenredner stehen? Hinzu kamen Korrekturen in den Texten und der Darstellung alles muss fernsehgerecht sein. Da war für einen Beitrag von zehn Minuten schnell eine halbe Stunde vorbei. Samstagvormittag dann die nächste Probe, sie ging bis 16 Uhr. Bis jetzt war der Zuschauerraum noch leer, erst jetzt sorgten die Zwieblinger für Stühle, Tische und Dekoration. Ab 18 Uhr war Einlass für die "fernsehfreie" eigene Prunkfestsitzung der Zwieblinger, sie ging bis 0.30 Uhr. Doch Sonntagfrüh gab es schon die nächsten Proben für die Aufzeichnung. Um 13.30 Uhr kamen dann die Esslinger Senioren, sie durften vorab genau das erleben, was einige Stunden später mehr als eine Million Fernsehzuschauer sehen sollten: Es wurde alles durchgespielt, als wäre man live auf Sendung. Und aufgezeichnet und ausgewertet, um noch letzte Änderungen vornehmen zu können.

Ab 19.30 Uhr dann das Vorprogramm: Begrüßung der Ehrengäste, die nicht während der Übertragung begrüßt werden, das Publikum ein wenig aufwärmen und ihm zum Beispiel erklären, dass sie auf Sendung sind, wenn sie in eine Kamera mit Rotlicht schauen. Um 20.15 Uhr der Start der minutiös geplanten Übertragung: Ein kleiner Puffer zum Überziehen war drin, aber für 23.15 Uhr wartete im Sender das Nachrichtenteam. Jeder Vortrag wurde deshalb bei den Proben gestoppt, nach dem Motto "Halt, 40 Sekunden zu lang, bitte etwas kürzen". Ganz schön anstrengend für die 400 bis 500 Mitwirkenden, sämtlich Amateure aus Esslingen, Stuttgart, Gundelsheim und anderswo.

Die Übertragung läuft: Sieben Kameras fangen die Bilder ein auf fahrbaren Wagen, auf einem hohen Podest, tragbar oder als "Steadycam", also mit einer Vorrichtung gegen das freihändige Verwackeln. Welches Bild auf Sendung geht, entscheidet die Bildregie draußen im Übertragungswagen. Dort sitzt auch Redakteur Harald Müller und kann ständig ins Programm eingreifen, dazu hat Sitzungspräsident Michael Gutwein einen kleinen Knopf im Ohr. Dauert ein Bühnenumbau länger, muss Gutwein noch einen Witz erzählen oder die SWR4-Band für eine Schunkelrunde einspringen. Ständig sind drei Aufnahmeleiter im Einsatz: Einer im Saal, einer am Bühneneingang, einer weiter hinten für die übernächste Gruppe.

Zum Sender übertragen werden Bild und Ton per Satellit letztes Jahr ging's per Richtfunk, was eine bessere Qualität bringen soll, aber durch eine Panne konnte die Übertragung erst mit 25 Minuten Verspätung beginnen.

Wird zu viel überzogen, muss auch die teure Satellitenverbindung nachreserviert werden, sonst sind plötzlich Bild und Ton weg. Und das wäre extrem schade bei einer Sendung mit direkten und indirekten Kosten von zusammen 145 000 Euro. Manches im Programm schätzt Müller, der mit seinem Team "gerne hierher kommt", besonders, wie zum Beispiel die hervorragende Juniorengarde der Zwieblinger. Manches aber habe bei einer Fernsehübertragung keinen Platz, sagt er. Zum Beispiel rein lokale Streitereien: Hier müsste man eventuell Namen austauschen oder sich lieber auf die Landespolitik beziehen. Doch die Esslinger zeigten sich weitherzig und sangen fröhlich mit den Bembel-Sängern "Viva Stoccadia", zu Ehren ihres Erzfeindes Stuttgart.