Lokales

Namen vor dem Vergessen bewahrt

Eine Broschüre über die Kirchheimer Stolpersteine erinnert an Opfer des Nationalsozialismus

Seit über drei Jahren gibt es in Kirchheim Stolpersteine – insgesamt 14 Stück. Wie in vielen anderen Städten erinnern die kleinen quadratischen Steine im Straßenpflaster an einstige Mitbürger, die als Opfer des Nationalsozialismus ihr Leben verloren haben. Wer sich für die Kirchheimer Stolpersteine inte­ressiert und vor allem für die persönlichen Geschichten, die sich dahinter verbergen, kann ab sofort in einer neuen Broschüre die Hintergründe nachlesen.

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Andreas Volz

Kirchheim. Als „Schlussstein der Stolpersteine“ bezeichnete Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker die Broschüre bei der offiziellen Vorstellung. Wenn sie Schulklassen im Rahmen von Austauschprogrammen begrüße, merke sie immer, „wie Jugendliche bei diesem Thema aufhorchen“. Die Broschüre über die Kirchheimer Stolpersteine solle deshalb vor allem auch bei Jugendlichen Interesse wecken am Schicksal einstiger Mitbürger, die im nationalsozialistischen System zwischen 1933 und 1945 verfolgt worden waren: „Die jungen Menschen müssen das Wissen ja weitertragen, und wenn man ihnen davon erzählt, dann fragen sie auch nach.“

Eine, die seit vielen Jahren vom Schicksal der Kirchheimer Juden erzählt, ist Brigitte Kneher. 1984 hatte sie damit begonnen, die Geschichte der jüdischen Mitbürger zu erforschen. Darüber, dass es in Kirchheim Stolpersteine gibt, freut sie sich sehr. „Auch von jüdischen Familien habe ich erfahren, dass sie dafür dankbar sind“, sagte Brigitte Kneher jetzt bei der Vorstellung der Broschüre: „Durch die Stolpersteine werden ihre Namen vor dem Vergessen bewahrt.“

Bei der Zigeunerfamilie Reinhardt sei das hingegen ganz anders. Die Familie wolle nicht, dass die Namen ihrer Angehörigen mit Füßen getreten werden. Deshalb gebe es für keines der 17 Familienmitglieder, die ihr Leben in Vernichtungslagern lassen mussten, einen Stolperstein. Auch hier zeigt sich die neue Broschüre als wichtige Ergänzung zu den Steinen: Eine eigene Seite erinnert in diesem Heft an die Zigeunerfamilie aus Kirchheim. Dr. Silvia Oberhauser, die die Initiative Stolpersteine in Kirchheim ins Leben gerufen hat, hält das für eine sehr gelungene Lösung: „Das Heft liegt nicht am Boden, es kann in die Hand genommen werden.“

Dass dieses Heft möglichst häufig und von möglichst vielen Menschen in die Hand genommen wird, ist ihr ein besonderes Anliegen: Die 2 750 Exemplare sollen einerseits für Schulen kostenlos sein. Andererseits aber soll die Broschüre, die vom heutigen Freitag an in der Kirchheim-Info im Max-Eyth-Haus erhältlich ist, gegen eine Gebühr von zwei Euro verkauft werden, „um deutlich zu machen, dass das nichts zum Wegwerfen ist“.

Aus diesem Grund sei auch bewusst die Form einer solchen Broschüre gewählt worden, erzählt Silvia Oberhauser: In anderen Städten gebe es entweder umfangreiche Bücher über die Stolpersteine und die Schicksale, die sich dahinter verbergen, oder aber vergleichsweise einfache Faltblätter, die mehr zum Wegschmeißen als zum Aufbewahren animieren. „Unsere Broschüre soll keine rein historische Dokumentation sein, aber trotzdem etwas, was man gerne in die Hand nimmt und was man auch behält.“ Sie solle „leicht handhabbar“ sein und dem Thema gerecht werden, vor allem aber nicht „schreiend“ daherkommen. „Für mich erfüllt unser Heft diese Ansprüche“, meint Silvia Oberhauser.

Für Brigitte Kneher ist es ebenfalls wichtig, dass die Geschichte der einstmals verfolgten Kirchheimer durch die Stolpersteine und die Broschüre am Leben erhalten wird: „Ein schöneres Denkmal kann es gar nicht geben, so schlimm auch der Inhalt der Broschüre ist.“ Das Heft und die Stolpersteine erinnern an elf Mitglieder der jüdischen Familien Reutlinger, Bernstein und Salmon sowie an drei Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die in Kirchheim „auf der Flucht“ erschossen wurden oder wegen verweigerter ärztlicher Behandlung ums Leben kamen.

Wer sich speziell für die Geschichte der Juden in Kirchheim interessiert, kann am Sonntag, 18. Juli, an einer Stadtführung mit Brigitte Kneher teilnehmen. Treffpunkt ist um 14.30 Uhr am Max-Eyth-Haus.