Lokales

Narben des Braunkohleabbaus heilen nur langsam

Leipziger Neuseenland hilft beim Renaturieren und Rekultivieren der Abbauflächen – Heuersdorfer Emmauskirche als Wahrzeichen

Esslingen/Leipzig. Kraterdurchfurchte Landschaften und geflutete Seen – im „Südraum Leipzigs“ wird nichts dem Zufall oder gar der Natur überlassen. Seitdem die Menschen

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Anke Kirsammer

in dem Gebiet Braunkohle abbauen, wird die Erde in ungeahntem Ausmaß umgewühlt. Wo früher der Blick unverstellt in die Ferne schweifen konnte, wuchsen aus Aufschlussmassen aufgeschüttete Berge in die Höhe. Auch die Menschen mussten weichen: Insgesamt 66 Ortschaften wurden seit 1933 dem Erdboden gleichgemacht, um die Braunkohle, die tief unter der Erde schlummert, abbaggern zu können.

Am aufsehenerregendsten ist wohl die Geschichte Heuersdorfs. Bis zuletzt leisteten 42 Bürger des ehemals 312 Bewohner zählenden Ortes Widerstand. Ihre Häuser konnten sie zwar nicht retten, wohl aber ihre kleine, 750 Jahre alte Emmauskirche. Am 9. April 2007 fand der letzte Gottesdienst in Heuersdorf statt, bevor das 700 Tonnen schwere Gotteshaus auf einem Tieflader mit 40 Achsen den zwölf Kilometer langen „Triumphzug“ nach Borna antrat. Unter dem Schutz der Stadtkirche St. Marien hat sie dort eine neue Heimat gefunden. Die Umsetzung des Kirchleins kostete insgesamt 3,5 Millionen Euro. Als „Stätte der Erinnerung für die anderen gefallenen Orte“ soll die Kapelle dienen, so der Gästeführer – als Zeichen des Widerstands gegen wirtschaftliche Interessen.

Auf acht Flächen arbeiteten vor der Wende 50 000 Bergarbeiter im Tagebau, heute sind es noch 3 000. Die Braunkohlevorkommen im Landkreis Leipzig reichen noch bis ins Jahr 2040. Mit dem Anlegen einer Seenlandschaft will man in Sachsen gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie dient der Rekultivierung und der Renaturierung der vom Bergbau aufgebuddelten Landschaft. Allein bei der 25 Quadratkilometer großen Abbaufläche Schleenhain, bei der bis zu 80 Meter tief gegraben wird und in der jährlich elf Millionen Tonnen Kohle gefördert werden, fallen im Jahr 33 Millionen Kubikmeter Wasser an. Damit werden die ehemaligen Abbauflächen geflutet. Recht schnell erreichen die Seen so Trinkwasserqualität. Von der nach und nach entstehenden Landschaft mit 18 Seen und einer Wasserfläche von insgesamt 70 Quadratkilometern erhoffen sich die Verantwortlichen eine Magnetwirkung auf Touristen und damit Einnahmequellen für die Bevölkerung. Die Anfänge sind bereits gemacht. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise in Auenhain am Markkleeberger See, dem mit 250 Hektar kleinsten See, ein Feriendorf mit 35 Häusern, Restaurant, Wellnessbereich und einem speziellen Haus für Kinder eingeweiht. Eine Strandpromenade gehört ebenso zu dem See wie eine 270 Meter lange, olympiataugliche Wildwasserstrecke und Radwege, auf denen sich das Gewässer umrunden lässt. Der Cospudener See lockt mit einem breiten Sandstrand und eine „Hacienda“ lädt zum Verweilen ein. Zukunftsmusik ist hingegen eine Regattastrecke auf einem noch anzulegenden See sowie ein Hafen, der von Leipzig aus per Boot erreicht werden kann. Visionäre träumen davon, eines Tages vom Leipziger Neuseenland aus bis nach Hamburg schippern zu können.

In der einst „dreckigsten Ecke Europas“ rauchten bis 1989 die Schlote von insgesamt elf Brikettfabriken. Heute sind in Europas größter Landschaftsbaustelle die 174 Meter hohen Kühltürme des Kraftwerks Lippendorf weithin sichtbar, in dem 314 Menschen arbeiten.

Derzeit leben im Landkreis Leipzig auf einer Fläche von 1 647 Quadratkilometern rund 270 000 Einwohner. Zum Vergleich: Im Kreis Esslingen wohnen auf 641 Quadratkilometern 515 000 Menschen. Ob der Tourismus die Abwanderung aus dem Landkreis Leipzig wird stoppen können, bleibt abzuwarten. Jährlich schrumpft der Kreis derzeit um 2 000 bis 3 000 Einwohner. Seit 1992 mussten im heutigen Landkreis Leipzig bereits 71 Schulen geschlossen werden. – „Baustellen“, die wohl ebenfalls noch nicht so schnell der Vergangenheit angehören.