Lokales

Narrenschiff und Fasnetszug

Ein Traumschiff-Kapitän und eine zupackende Zugführerin ließen sich das Rathaus-Zepter von den Narren gestern beim Schmotziga Doschdig mehr oder weniger bereitwillig aus der Hand nehmen.

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Gute Stimmung herrschte gestern Abend auf dem Lenninger Marktplatz. Soviele Narrenzünfte wie noch nie bevölkerten die Ortsmitte und auch zahlreiche Zuschauer wollten den Rathaussturm der Lenninger Hexa hautnah miterleben. Sie wurden nicht enttäuscht. Unübersehbar war die Rathaustreppe zur Reling umfunktioniert worden, klar zu erkennen an der Glocke und dem großen Schiffsmodell. „Wir sind hier auf dem Traumschiff und dort oben wartet der Sascha Hehn auf uns – oder isch‘s doch drSchultes, dr Michel“, fragte die Oberhex in die Runde.

Um Klarheit zu erlangen, schickte sie ein paar Hexa ins Rathaus. Doch der Bürgermeister war gut vorbereitet und die Hexa mussten sich mächtig ins Zeug legen. Die Eingangspassage war mit zig leeren Getränkekisten verbarrikadiert, die erst weggeschafft werden mussten. Anfeuerungsrufe förderten die Motivation und so gelang es den Hexa schließlich doch, das Amtsgebäude zu entern. Als sich die Fenster öffneten, war klar, wer ab sofort das Sagen hat und so dauerte es auch nicht lange, bis zu den Klängen der Traumschiffmelodie ein in Uniform gekleidete Michael Schlecht auf der Reling erschien. „Sieht er et schee aus? Et umsonst haben wir ihn zu unserem Traumschiff-Kapitän gemacht“, ließ sich die Oberhex augenzwinkernd vernehmen.

Diese Schmeichelei hielt die Hexa jedoch nicht davon ab, dem Schultes das eine oder andere warm aufs Butterbrot zu schmieren, was ihnen im vergangenen Jahr nicht ganz so gepasst hat – und der Gemeinderat war hier mit im Boot. Allzu lange hielten sich die Hexa bei diesem ernsten Thema nicht auf, schließlich steht der Spaß bei der Fasnet im Vordergrund. Und so erschien Roberto Blanco auf der Reling und trällerte „Ein bisschen Spaß muss sein“, in das der neu gekürte Kapitän mit einstimmte. Die Sangeskunst ihres Schultes verblüffte die Lenninger dermaßen, dass es dafür einen Sonderapplaus gab.

Doch damit war Michael Schlecht noch nicht entlassen, die schwierigste Aufgabe stand ihm noch bevor. Weil ein Kapitän nur so gut ist wie seine Mannschaft, musste er in Anspielung auf die im Mai stattfindenden Kommunalwahlen seine Mitstreiter an Land ziehen – und zwar Frauen und Männer in gleicher Anzahl. Dafür bekam er eine Angel in die Hand gedrückt. An deren Ende war eine Mütze befestigt, und die musste der Kapitän jemanden aufsetzen: drei rot-weiß gemusterte für die Frauen und blau-weiße für die Männer. Da halfen sämtliche Ausweichmanöver der Zuschauer nichts, am Ende hatte der Schultes seine Mannschaft zusammen. Als Lohn für diese spitzfindige Aufgabe durfte er sich zu den Klängen von „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ in einem solchen über den gepflasterten Marktplatz schaukeln lassen – denn so musste es sich in dem eisenbereiften Leiterwägele angefühlt haben.

 

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Pünktlich sind sie, das muss man ihnen lassen: Glock 17.17 beginnt der Rathaussturm der Kirchheimer Kloster-Deifel. Kurz danach fliegt stapelweise Papier aus dem ersten Stock, und das Banner der Narrenzunft wird entrollt, um zu demonstrieren, dass jetzt ein neues Regiment im Rathaus angesagt ist. Nicht viel länger dauert es, bis Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker auf die Bühne vor dem Rathaus geführt wird, um sich den kritischen Fragen des Narrengerichts zu stellen. Passend zum Eisenbahnjubiläum 2014 erscheint sie in der historischen Uniform eines Zugführers, und tatsächlich folgt ihr auch ein Zug, der aus treuen Mitarbeitern besteht und ihr Beistand gewähren soll.

Mit der Eisenbahn geht es gleich weiter, denn der Ober-Deifel, Zunftmeister Holger Böhm, will wissen, was „die Geli“ denn zu tun gedenke, um die Uhren am Kirchheimer Bahnhof wieder allesamt richtig gehen zu lassen. An diesem Punkt kann die Ober-Bürgermeisterin sofort kontern und erklären, dass alle Bahnhofsuhren seit kurzem wieder funktionieren. „Dem lieben Holger“ sagt sie zu diesem Anklagepunkt also: „Das war ein Schuss in den Ofen.“

Mit den Sanduhren, die es in Kirchheim ermöglichen, für acht Minuten kostenlos zu parken, hatte der Zunftmeister ebenfalls seine Schwierigkeiten. Er selbst hat dafür eine große Sanduhr gebastelt, die nur sechs Minuten läuft und auf die „die Geli“ aufzupassen hatte. Allerdings hatte auch diese Sanduhr ihre Tücken.

Die Tücken des Zebrastreifens am Alten Haus haben die Kloster-Deifel ebenfalls als Problem ausgemacht. Die Ober-Bürgermeisterin geht aber davon aus, dass es möglich ist, diese Stelle gleichberechtigt zu passieren, sowohl für Fußgänger als auch für Autofahrer. Das Provisorium werde also kein solches bleiben. Den Zebrastreifen gebe es wohl dauerhaft.

Einen Punkt, den „die Geli“ dann aber nicht mehr widerlegen konnte, fand der Ober-Deifel schließlich doch. Beim Dämmerschoppen hatte sie im Januar vier historische Ereignisse beziehungsweise Personen herausgegriffen: Karl den Großen, Nelson Mandela, den Mauerfall und die Tatsache, dass sie selbst seit zehn Jahren Oberbürgermeisterin ist. Der berechtigte Vorwurf des Zunftmeisters lautete: „Man feiert doch keine zehn Jahre, sondern höchstens elf.“

Somit blieb „der Geli“ nichts anderes übrig, als sich freizukaufen und zu geloben, dass sie die Fasnet in Kirchheim immer unterstützen werde. Dieser Auflage kam Angelika Matt-Heidecker gerne nach, nahm aber ihrerseits den Narren das Versprechen ab, nach Übergabe des Rathausschlüssels gut auf das Gebäude aufzupassen: „Es ist nämlich eines der schönsten Rathäuser im ganzen Land.“

 

Text: Iris Häfner/Andreas Volz

Fotos: Jörg Bächle/ Jean-Luc Jacques

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Rathaussturm in Lenningen. Foto: Jean-Luc Jacques

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Rathaussturm in Kirchheim. Foto: Jörg Bächle