Lokales

„Nasse“ und „Trockene“ im Streit um das Wasser

Die Entstehung der Albwasserversorgung – Die Volunteergruppe „Naturschutzgebiet Teck“ will Lust auf Landschaft und Natur wecken (IX)

Kirchheim. Zwei Drittel der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Der menschliche Körper besteht zu beinahe zwei Dritteln aus Wasser.

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Roland Krämer

Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel, das Tag und Nacht für uns verfügbar sein muss. Aber dieses Wasser ist nicht in allen Regionen dieser Welt vorhanden. In den Wärmewüsten fehlt es, weil dort mehr Wasser verdunstet als Regen vom Himmel fällt.

Auch die Schwäbische Alb gehört zu den wasserarmen Gebieten. Auf der Albhochfläche gibt es keine fließenden Gewässer, obwohl es dort wesentlich mehr regnet als beispielsweise im Stuttgarter Raum. Dieses Phänomen ist eine Folge der Verkarstung.

Das Regenwasser bringt stets gelöstes Kohlendioxid mit und ist damit eine schwache Säure. Sie dringt in die Klüfte und Spalten des Kalkgebirges ein und erweitert diese, weil sie Kalk langsam auflösen kann, in großen Zeiträumen zu einem unterirdischen Höhlensystem. Deshalb versickert das meiste Regenwasser, sammelt sich als Karstwasser in den Klüften und Höhlen und tritt unten im Tal dort, wo es auf wasserundurchlässige tonige oder mergelige Schichten trifft, als Karstquelle wieder aus – am Albtrauf oder in den Tälern, die schon vor der Verkarstung eingeschnitten worden waren. Aus diesen Gründen gibt es heute auf der Albhochfläche keine Bäche und Flüsse mehr.

Für Menschen, die dort leben wollten, war dies schon immer so, denn die Verkarstung war vor den Menschen da. Nur an wenigen Stellen traf man auf kleine Teiche, sogenannte Hülen oder Hülben. Sie befinden sich auf Basalttuff, dem Rest eines früheren Vulkanschlotes. Dieser Basalttuff heißt bei den Älblern deshalb auch „Wasserstein“, weil er im Gegensatz zum umliegenden zerklüfteten Weißjurakalk das Wasser nicht durchlässt, sondern staut.

Viele Dörfer auf der Albhochfläche im Kirchheim-Uracher Vulkangebiet sind um solche Hülen herum entstanden, etwa Böhringen, Donnstetten, Erkenbrechtsweiler, Grabenstetten, Hülben, Zainingen. Dennoch lebten ihre Bewohner früher in ständiger Wasserarmut. Die Quellen und Fließgewässer waren weit drunten im Tal. Oben gab es nur zwei Möglichkeiten, sich Wasser zu besorgen: Schöpfen aus der Hüle (soweit vorhanden) oder Sammeln von Regenwasser aus den Dachrinnen in Zisternen, den sogenannten „Dachbrunn“.

Man muss sich das Szenario in einem Albdorf vor rund 150 Jahren etwa folgendermaßen vorstellen: Nach einem kräftiger Regenguss schießt das Wasser in die Dachrinne und über das Fallrohr in die Zisterne. Bei ziegelgedeckten Dächern ist dieses Wasser ganz brauchbar. Sind die Dächer mit Stroh gedeckt, was der Normalfall ist, nimmt das Wasser gelbliche Färbung, üblen Geruch und faulen Geschmack an. Die despektierliche Bezeichnung „Spatzenschiss-Wasser“ deutet auf weitere Unappetitlichkeiten. Die Wege im Dorf sind unbefestigt, ohne Kanalisation. Der niederprasselnde Regen nimmt allen Schmutz, Kuhfladen und Mist inbegriffen, mit und schwemmt alles am niedrigsten Ort zusammen: in der Hüle. Dort gedeihen Bakterien, Algen, Insektenlarven, darin baden Enten und Gänse und natürlich die Dorfkinder.

Was ist mit diesem Wasser überhaupt anzufangen? Es dient dem Vieh als Trinkwasser und im Brandfall der Feuerwehr als Löschwasser, sofern die Spritzen nicht von den Algen verstopft werden. Die Menschen verwenden es zur Bewässerung, aber nur in Notzeiten und dann nur ungern im Haushalt. Insofern ist der überlieferte Spruch „Für d’ Leut wärs scho no recht, aber ’s Vieh saufts nemme“ wohl eher eine fatalistische Übertreibung.

Aufgrund dieser unvorstellbar schlechten hygienischen Verhältnisse sind tödliche Seuchen bei Tieren und Menschen wesentlich häufiger als im Unterland. Die Erreger beispielsweise des heimischen Typhus und der importierten Cholera sind noch gar nicht entdeckt.

Wer als Bauer schlau und reich ist und ein Gespann mit Ochsen oder gar Pferden besitzt, kann noch reicher werden: Er fährt mit seinem Fuhrwerk ins Tal, lädt dort aus den Quellen oder dem Fluss klares Wasser in ein großes Holzfass und fährt wieder ins Dorf hoch. Dabei sind auf den Albsteigen Höhenunterschiede zwischen 150 und 300 Metern zu überwinden. Das ist zwar gefährlich, besonders im Winter, bringt aber beim Verkauf in kleinen Mengen das große Geld. Zu den kostbaren Geschenken für eine Wöchnerin zählt eine Kanne mit frischem, klarem Wasser.

Wassernotstand also auf der gesamten Alb – und das seit Jahrhunderten. Diese ganze Misere war in den 60er-Jahren des vorletzten Jahrhunderts auch der königlichen Regierung in Stuttgart bekannt. Dort hatte der Baurat Karl Ehmann vor rund 140 Jahren drei zündende Ideen auf einmal. Er fragte sich, ob es nicht möglich sein sollte, das kostbare Wasser aus dem Tal auf die Hochfläche zu pumpen. Zweitens wollte er die erforderliche Antriebsenergie dafür aus der

Innovative Technik bringt den Fortschritt auf die Alb . . .

Wasserkraft des Flusses im Tal gewinnen. Und da ihm klar war, dass das ganze Vorhaben erhebliche finanzielle Anstrengungen erforderlich machen würde, kam ihm drittens der Gedanke, mehrere Dörfer in einem Gemeindeverband zusammenzufassen. Die geniale Vision der Albwasserversorgung war geboren.

Als Ingenieur fiel es Karl Ehmann nicht schwer, die technischen Vorüberlegungen zu Papier zu bringen. Er fertigte exakte Zeichnungen von Maschinen und Rohrleitungen an und stellte ebenso genaue Kostenvoranschläge (mit Zusicherung erheblicher staatlicher Beiträge) zusammen. Unter dem Titel „technische Voruntersuchungen mit Plan über die Thunlichkeit einer künstlichen Wasserversorgung der Alb­orte des Königreichs“ waren die Pläne 1866 fertig – zu einer Zeit also, in der noch keine Autos fuhren. Mit den technischen Zeichnungen und den Kostenberechnungen gingen sie an acht geplante Wasserversorgungsgruppen mit zunächst 60 Albgemeinden. Angeschrieben waren jeweils der Schultheiß, der aus seinem Dorf „zwei Gemeinderäte mit technischem Verständnis“ hinzuzuziehen hatte.

Das Ergebnis war verheerend. In den meisten Dörfern wurden die Pläne nicht verstanden und zudem die Kosten gescheut – die zukunftsorientierte Vision wurde fast überall abgelehnt. Besonders spannend zugegangen ist es allerdings in der Gruppe VIII, der sogenannten Unteren Schmiech-Gruppe mit den Gemeinden Ennabeuren, Feldstetten, Hausen, Ingstetten, Justingen und Sontheim. Hoch ging es her in den Rathäusern und Wirtsstuben. Hitzig und deftig wurde debattiert bis hin zum Einsatz von Verleumdungen und Intrigen.

Als besonders weitsichtig erwies sich dabei der Schultheiß von Justingen, Anton Fischer, der als Tierarzt auch schon einen Zusammenhang zwischen Seuchen und verschmutzten Hülen vermutete. In Justingen bildeten sich schnell zwei verfeindete Gruppen: die „Nassen“ und die „Trockenen“, die sich vehement bekämpften. Die Nassen waren, angeführt von ihrem Bürgermeister, der neuen Idee gegenüber aufgeschlossen. Sauberes Wasser haben zu können war ihnen ebenso erstrebenswert wie die Aussicht, bei Bränden über genügend Löschwasser zu verfügen. Die Trockenen dagegen glaubten nicht an die Umsetzbarkeit der Ehmann’schen Pläne, wollten sich nicht auf Jahrzehnte verschulden – auch sei noch keiner verdurstet. Zu den Trockenen gehörten selbstverständlich auch die Fuhrwerksbesitzer, die den Verlust ihrer wichtigsten Einnahmen aus dem Nass befürchteten.

Schließlich konnte sich Anton Fischer in Justingen durchsetzen – nicht zuletzt, weil der Staat mehr als ein Viertel der Kosten übernahm und das königliche Ministerium glaubhaft vorrechnen konnte, dass am Ende das Wasser aus der Albwasserversorgung billiger sein würde als das der Fuhrleute. Fischer hatte auch die Gemeinden Hausen und Ingstetten auf die Seite der Nassen bringen können – Ennabeuren, Feldstetten und Sontheim sagten als Trockene ab.

1870 wurde mit dem Bau der ersten Albwasserversorgungsgruppe begonnen, für die drei verbliebenen Gemeinden waren 11 000 Meter Leitungsrohre in zwei Meter tiefen und 70 cm breiten Gräben zu verlegen. Das Wasser der Schmiech wurde, von Wasserrädern angetrieben, in Hochbehälter auf die Alb gepumpt. Ab dem 20. Februar 1871, zu Kriegszeiten also, floss von dort das Wasser in die Häuser der drei Gemeinden, und die betroffenen Älbler waren jetzt besser dran als mancher Stadtbewohner.

Die Trockenen waren verstummt, weil der Erfolg den Nassen Recht gab. Nicht zuletzt, um sich noch rechtzeitig die staatlichen Zuschüsse zu sichern, zogen die übrigen geplanten Albwasserversorgungsgruppen rasch nach – heute sind es 34 Gruppen.

Das Lebenswerk von Karl Ehmann, die Albwasserversorgung, erwies sich als geniale, bahnbrechende technische Meisterleistung, die stetig weiterentwickelt wurde. Seine Grundkonzeption wurde dabei bis heute weitgehend beibehalten. Pumpen befördern das Wasser aus dem Tal (Flusswasser und solches aus gefassten Karstquellen) in Druckleitungen zum Hochbehälter hinauf. Die Energie dafür wurde zunächst aus der Wasserkraft des Talflusses über Wasserräder gewonnen. Später wurden die Pumpen zusätzlich mit Dampfmaschinen, Dieselöl und schließlich mit elektrischem Strom betrieben. Bis heute fahren allerdings die meisten Pumpstationen der Albwasserversorgung ihre Grundlast noch mit der billigen Wasserkraft.

Wie es vor 150 Jahren zuging, ist heute fast vergessen. Das Ehmann’sche Konzept war der Anfang der Gruppenwasserversorgung, es wurde im Verlauf des letzten Jahrhunderts mehrfach erweitert und ist heute flächendeckend. 1912 wurde die Landeswasserversorgung Langenau gegründet, 1954 die Bodenseewasserversorgung Sipplingen. Dass wir mittlerweile auch über Warmwasser verfügen und Boiler, Duschen, Geschirrspüler und Waschmaschinen bedienen, ist durch technischen Fortschritt zur Selbstverständlichkeit geworden. Und wer weiß heutzutage noch, woher das Trinkwasser kommt, das aus dem Wasserhahn fließt?