Lokales

Natürlicher Strom aus dem Sonnensee

In aller Stille und Abgeschiedenheit haben zwei Kirchheimer vor sich hin getüftelt. Jetzt wagen sie sich mit ihrem außergewöhnlichen Projekt an die Öffentlichkeit: Dr. Hansjörg Köberle und Professor Dr. Otto Ungerer machen aus dem Sonnensee ein Bio-Kraftwerk.

Andreas Volz

Kirchheim. Die Idee ist so verblüffend wie einfach: Der Angelverein Kirchheim, der den Sonnensee von der Stadt gepachtet hat, hat im neu hergerichteten See Zitteraale ausgesetzt. Der Strom, den die Tiere permanent produzieren – sei es zum Beutefang, zur Selbstverteidigung oder zur internen Kommunikation und Partnersuche – soll nicht einfach nutzlos verpuffen, sondern den Elektrizitätsbedarf der Menschen decken helfen. Im Modellversuch am Sonnensee ist daran gedacht, zumindest das gesamte Wohngebiet Schafhof mit Strom zu versorgen. „Nach Berechnungen von Fachleuten würde die Strommenge, die unsere Zitteraale liefern, dort selbst für den Spitzenbedarf in der Mittagspause ausreichen“, sagt Dr. Hansjörg Köberle, der Vorsitzende des Angelvereins Kirchheim.

Die Idee kam ihm bei einem Besuch in der Wilhelma. Das dortige Exemplar des „Electrophorus electricus“ – wie der Zitteraal mit wissenschaftlichem Namen heißt – erzeugt bereits seit vielen Jahren regelmäßig Stromstöße von bis zu 750 Volt. Für die Besucher der Wilhelma werden diese Stromstöße durch entsprechende technische Übertragungen sicht- und hörbar dargestellt. „Diese Energie sollte man nützen können“, dachte sich Hansjörg Köberle und nahm umgehend Kontakt zu Otto Ungerer auf, dem Vorsitzenden des Vereins Kirchheimer Fischer.

Während nämlich Hansjörg Köberle und sein Angelverein Kirchheim daran gingen, den Sonnensee für die neuen „Bewohner“ herzurichten, machte sich der Biologe Otto Ungerer an die praktische Forschungsarbeit: „Durch zahlreiche Genmanipulationen ist es mir gelungen, Zitteraale zu züchten, die Spannungen von bis zu 200 000 Volt erzeugen können. Wenn man bedenkt, dass pro Haushalt nur 220 Volt benötigt werden, heißt das umgerechnet, dass ein einziger genmanipulierter Zitteraal genügt, um 909 Haushalte mit Strom zu versorgen.“ Vom Bio-Strom, den die „Neuwelt-Messerfische“ erzeugen, ist der Kirchheimer Professor, der bis zum Ruhestand an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg gelehrt hat, regelrecht begeistert: „­Diese Art der Bio-Elektrizität ist vollkommen klimaneutral. Sie kommt ohne Radioaktivität und ohne jeglichen CO2-Ausstoß aus.“

Auf dem weltweiten Energiemarkt sehen Dr. Otto Ungerer und Dr. Hansjörg Köberle glänzende Perspektiven für ihr gemeinsames Forschungsprojekt. Hansjörg Köberle hält sich momentan in Nordamerika auf, um sich die US-Patentrechte zu sichern und um die entsprechenden Märkte zwischen Alaska und Panama auszuloten. Um wichtige Vorverträge für den asiatischen Markt ging es bei Otto Ungerers Indienreise vor wenigen Wochen. Über Details möchte er bislang noch keine Auskunft geben.

Vom Erfolg des Bio-Stroms ist Professor Ungerer, der in den nächsten Tagen mit angenehmer Post vom Europäischen Patentamt in München rechnen darf, felsenfest überzeugt: „Der Patentschutz gewährt uns auf Jahre hinaus exklusive Nutzungsrechte. Wir streben eine Monopolstellung in nahezu allen Staaten der Erde an.“ Die ersten Patente gelten der Technik, wie sich der Strom, den die Zitteraale ja nur für Millisekunden produzieren, dauerhaft und möglichst verlustfrei ins Stromnetz einspeisen lässt. Auch in diesem Fall schweigt sich der schwäbische Wissenschaftler und Tüftler über Details aus. Nur so viel gibt er von seinem Geheimnis preis: „Mittels zweier isolierter Metallstangen ist es möglich, die Spannung abzugreifen und auf eine Batterie zu übertragen.“

Der Sonnensee bietet für seine neue Nutzung als Bio-Kraftwerk die besten Voraussetzungen, weil er stromtechnisch bereits voll erschlossen ist. Schließlich führt in unmittelbarer Nähe eine Hochspannungsleitung vorbei. „Bei der enormen Spannung, die Otto Ungerers Aale zu erzeugen in der Lage sind, werden wir als nächstes großes Projekt eine Trafostation errichten müssen, um die Spannung auf ein erträgliches Maß nach unten regulieren zu können“, plaudert Dr. Hansjörg Köberle aus dem Nähkästchen.

Weitere Patente hat Professor Dr. Otto Ungerer nämlich für seine überragenden Züchtungsergebnisse angemeldet. Als Biologe ist er besonders stolz darauf, die künstliche Evolution des „Electrophorus electricus“ nachhaltig gestaltet zu haben – über die Zwischenstufe des „Electrophorus electrissimus“ bis hin zum gegenwärtigen, hochspannenden Nonplusultra: dem „Electrophorus electrissimus extremus“, der im Volksmund vielleicht einmal den Namen „Ungerer-Aal“ tragen wird.

Otto Ungerer hat indessen nicht nur die umgewandelten Muskelzellen, die der Zitteraal zur Stromerzeugung nutzt, genetisch hochgepuscht. Er hat auch noch zusätzlich den Sexualtrieb der Tiere seinen wirtschaftlichen Zwecken unterworfen: „Ich habe weibliche Zitteraale gezüchtet, die extrem hohe Stromstöße aushalten können. Ein männlicher Zitteraal muss also seine gesamte manipulierte elektrische Potenz aufbieten, wenn er eine potenzielle Partnerin – bildhaft gesprochen – ins Flussbett kriegen will.“ Diesen Einfall hatte Otto Ungerer übrigens während einer Forschungsreise ins südliche spanisch-portugiesische Grenzgebiet, was sich auch in der Namengebung für seinen weiblichen Zitteraal widerspiegelt: „Electrophora electrissima extremadura“.

Und noch eine genetische Erfindung geht auf Otto Ungerers Forschungseifer zurück: Während Wilhelma-Besuchern erklärt wird, dass der Zitteraal die schlaraffisch anmutende Tatsache ausnutzt, dass ein Beutetier nach der elektrischen Entladung automatisch zum Pluspol, also zum Maul des Zitteraals schwimmt, hat eine spezielle Unterart des „Ungerer-Aals“ keine eindeutig festgelegte Polung mehr. Den „Electrophorus electrissimus alternus“ hat sein Schöpfer so gestaltet, dass er gleich mehrfach der Gruppe der „Deuterostomier“ zuzuordnen ist. Die „Alternus“-Unterart verfügt also über zwei Münder als potenzielle Plus- sowie über zwei Schwanzenden als potenzielle Minuspole. Professor Ungerer beschreibt den enormen Vorteil dieser neuen biologischen Anordnung: „Durch alternierenden Gebrauch der beiden Pluspol-Münder und der beiden Minuspol-After ist das Tier in der Lage, bereits im Wasser Wechselstrom zu erzeugen.“

Weil die Fische, die ursprünglich im Amazonas- und im Orinoko-Gebiet beheimatet sind, sich in jeder Art von leicht verschlammtem Wasser wohlfühlen, denkt Ungerer auch schon an eine Revolution für die Automobilindustrie: „Der neue Otto-Motor ist ein Elektromotor, der seinen lebenden Generator gleich unter der Motorhaube mit sich spazieren führt. Der Zitteraal sorgt für saubere und kostengünstige Mobilität. Der künftige Individualverkehr wird somit nicht mehr von der Mineralölindustrie abhängig sein. Bis in ein paar Jahren werden Tankstellen hauptsächlich Schlammwasser und Futterfische für Zitteraale bereithalten.“

Doch zunächst ist das noch Zukunftsmusik. Als erstes steht das Bio-Kraftwerk Sonnensee vor seiner Einweihung. Dr. Hansjörg Köberle und der Angelverein Kirchheim führen damit die Tradition des künstlichen Sees am Schafhof direkt ins 21. Jahrhundert, hatte der Sonnensee doch einst dazu gedient, natürliche Kälte zu erzeugen: Das Eis, das im Winter geschlagen wurde, kühlte bekanntlich im Sommer das Bier. Heute wiederum könnten die Zitteraale dafür sorgen, dass im Winter auf dem Schafhof nur noch mit sauberem Strom geheizt wird – ein wichtiger Beitrag zum globalen Umweltschutz sowie zur lokalen Luftreinhaltung.

Zur Einweihung des neuen Bio-Kraftwerks am Sonnensee veranstaltet der Angelverein Kirchheim am heutigen Dienstag ein großes Fest, direkt am See. Von 14 bis 15 Uhr gibt es gegrillten Zitteraal. Dazu spielt die Zithergruppe des Zither- und Akkordeonvereins – unplugged natürlich, damit noch genügend Strom für die zahlreichen Besucher übrigbleibt. Wer nämlich Handys, Akkus, Autobatterien, ja selbst Elektrofahrzeuge mitbringt, kann diese heute Nachmittag zur angegebenen Zeit kostenlos aufladen lassen.

Anzeige