Lokales

"Neidlingen war nie auf Rosen gebettet"

In einer feierlichen Sondersitzung des Neidlinger Gemeinderats wurde Bürgermeister Rolf Kammerlander am Montagabend in sein Amt eingesetzt. Kammerlander war am 4. Dezember mit 66 Prozent der Stimmen für eine zweite Amtszeit gewählt worden.

RENATE SCHATTEL

Anzeige

NEIDLINGEN Im Foyer des Rathauses, der ehemaligen Kelter, begrüßte der Stellvertretende Bürgermeister Gerhard Stolz geladene Gäste aus Politik, Verwaltung, Vereinen und Kirchen und verpflichtete Rolf Kammerlander offiziell erneut zum Bürgermeister in der Reußensteingemeinde.

Landrat Heinz Eininger zeigte sich in seinem Grußwort beeindruckt von der hohen Wahlbeteiligung bei der Wahl ohne echten Gegenkandidaten. Die Wahlbeteiligung sei eine Rückkopplung für Kammerlanders Wirken in den letzten acht Jahren und gleichzeitig ein klarer Auftrag für die nächsten acht Arbeitsjahre. Entschieden missbilligte der Landrat jedoch das Gebaren, dass zwei Tage vor der Wahl anonyme Gegenflyer verteilt wurden. "Das tut dem Amt nicht gut", beklagte er die unschönen Begleitumstände der Bürgermeisterwahl.

Heinz Eininger würdigte die Verdienste des Neidlinger Rathauschefs in seiner ersten Amtszeit. "Sie haben es sehr gut verstanden, jeden verfügbaren finanziellen Topf im Land anzuzapfen und einen möglichst großen Anteil daraus für Neidlingen zu sichern." Dennoch ist sich der Landrat im Klaren, dass die Gemeinde finanziell nie auf Rosen gebettet war und die Gewerbesteuereinnahmen von jeher starken Schwankungen unterworfen waren. Schon Mitte der 70er-Jahre gab es tiefe Löcher, aber zu Beginn der ersten Wahlperiode schienen sich die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Gemeinde zunächst gut zu entwickeln. Die Nettoinvestitionsraten 2000 und 2001 lagen sogar weit über dem Landesdurchschnitt, resümierte Eininger. Aber im Jahr 2003 folgte ein Absturz, wie es ihn im gesamten Kreisgebiet sonst nirgends gab und es mussten überraschend 1,3 Millionen Euro Gewerbesteuer zurückgezahlt werden. "Neidlingen hält nun schon seit zwei Jahren im Landkreis nach der Steuerkraft gemessen mit dem 44. Rang die Rote Laterne in Händen."

Die großen Investitionsvorhaben wie etwa der Anschluss an die Sammelkläranlage der Stadt Weilheim, der Anschluss an die Landeswasserversorgung, die Stärkung des Ortskerns, Erwerb und Umbau des neuen Feuerwehrhauses mit Bauhof fielen in die guten Jahre. Neidlingen hat aber dadurch, so der Landrat, mit diesen Projekten den Anschluss an die gute Entwicklung der kommunalen Infrastruktur in der Region Stuttgart erreicht. Im Jahr 2007 allerdings wird der Finanzausgleich zu einem gewaltigen Fehlbetrag von über 600 000 Euro führen. Ob rechtzeitig Gemeindebaugrundstücke erschlossen und verkauft werden können, ist noch nicht gesichert. Sollte Neidlingen seine starken Finanzschwankungen nicht meistern, müssten Ausgleichsstockzuschüsse geprüft werden, überlegte Landrat Eininger. Er blickte aber optimistisch in die Zukunft und sah es als Zeichen der Ermutigung, dass die Firma TTS Tooltechnic Systems im letzten Jahr in Neidlingen einen Neubau eingeweiht hat und damit rund 300 Arbeitsplätze sichert.

In seiner Rede ging der Landrat noch auf das Thema Vogelschutzgebiete ein, denn nach den Planungen wäre Neidlingen mit 94 Prozent des Gemeindegebietes am stärksten betroffen. "Ich sage Ihnen zu, dass wir uns für die Herausnahme der wichtigsten Entwicklungsflächen der Gemeinde aus dem Verfahren einsetzen werden." Auch für das Thema Finanzierung im Biosphärengebiet Schwäbische Alb will Heinz Eininger dahingehend lenken, dass die Gemeinden keinen eigenen Beitrag leisten müssen.

Nach dem Empfang der Wahlprüfungsurkunde warf Bürgermeister Rolf Kammerlander einen Blick in die Zukunft der Gemeinde. Auf seiner Prioritätenliste ganz oben steht die Erweiterung und Umgestaltung des bestehenden Friedhofes an der Kirchsteig. Besonders am Herzen liegt ihm die Erschließung eines Neubaugebietes, in dem junge Familien ansiedeln und abwanderungswillige ortsansässige Bauwillige mit einem eigenen verfügbaren Flächenangebot gehalten werden können. Mit einer umfassenden Entwicklungsplanung des Standorts an der Peripherie, aber auch im Ortskern, wird darauf hingearbeitet. Die Erschließung innerörtlicher Potenziale für gewerbliche und Wohnzwecke wird die Gemeinde weiterbeschäftigen.

Wichtig ist Rolf Kammerlander auch die verlässliche, am Bedarf ausgerichtete Betreuung von Kindern genauso wie die Betreuung und Pflege der älteren Menschen vor Ort und das Betreute Wohnen. Auch die Frage nach der Pflege von Streuobstwiesen wird Thema seiner nächsten acht Amtsjahre werden, aber hier nicht mehr die Frage nach dem "wie", sondern vielmehr nach dem "wer" und "zu welchem Preis".

In den Reigen der Gratulanten reihte sich Bürgermeister Hermann Bauer ein und dankte Rolf Kammerlander für die gute Zusammenarbeit in der Verwaltungsgemeinschaft. In seinen Augen war die Entscheidung vor 33 Jahren richtig, die Selbstständigkeit der Gemeinden zu bewahren. Heute jedoch werde einiges auf den Prüfstand gestellt werden müssen, wie beispielsweise die gemeinsame Siedlungsplanung in der Verwaltungsgemeinschaft.

Pfarrerin Sabine Löffler-Adam überbrachte Glückwünsche im Namen der evangelischen und katholischen Kirche, Dr. Wolfgang Jaschinski von den Neidlinger Vereinen und Gemeindeinspektor Ralf Zimmermann von den Mitarbeitern des Rathauses. Der Posaunenchor Neidlingen unter Leitung von Daniel Blankenhorn umrahmte beschwingt die Feierstunde.