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Nerven immer bewahrt

OWEN Wenn Ottilie Krause am morgigen Mittwoch in Owen ihren 90. Geburtstag feiert, kann sie auf ein

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ANDREAS VOLZ

bewegtes Leben zurückblicken. Schicksalsschläge wie Flucht und Vertreibung hat sie gleich mehrfach erlitten, ihren Lebenswillen dabei aber nicht verloren. "Wir haben durchgehalten", sagt die Jubilarin im Nachhinein über die schweren Zeiten und liefert ihr persönliches Erfolgsrezept gleich nach: "Man darf nur nicht die Nerven verlieren."

Geboren wurde Ottilie Lächelt am 29. September 1914 in Leipzig. Dabei handelt es sich aber nicht um die sächsische Großstadt, sondern um ein "reiches Bauerndorf" in Bessarabien. Ihr Vater war dort Großgrundbesitzer, Bürgermeister und Advokat zugleich. Modern war er außerdem, besaß er doch als einziger im Ort bereits eine Dreschmaschine. In der Kreisstadt Terutino hat die zweitjüngste von acht Geschwistern ihren späteren Mann Rudolf Krause kennen gelernt und ihn mit 19 Jahren geheiratet. Dem Familienglück war in der Heimat jedoch keine allzu lange Dauer mehr beschieden: 1940 kam Bessarabien an die Sowjetunion. "Da mussten wir raus, wir waren die ersten, die ausgesiedelt wurden", erinnert sich Ottilie Krause.

Nach mehreren Stationen landete sie schließlich im Warthegau bei Breslau. Nachdem dort wieder eine Existenz aufgebaut war, kam es 1945 zur nächsten Flucht, mit der ganzen Familie, einschließlich Schwiegereltern. Auf dem Weg nach Landsberg zwischen Halle und Bitterfeld gelegen stieß unerwartet Rudolf Krause zu den Flüchtenden, der als Soldat seinerseits versuchte, Haut und Haare zu retten. In Landsberg bauten die Krauses ein Haus und betrieben eine große Landwirtschaft, bis der Druck des SED-Regimes, das Eigentum aufzugeben, so groß wurde, dass sich die Familie Ende der 50er-Jahre nach und nach in den Westen flüchtete.

Mit der Hilfe ihres Augenarztes gelang es Ottilie Krause 1957, ihrem Mann in die Bundesrepublik zu folgen. Der Arzt hatte ihr bescheinigt, dass sie zur Behandlung nach Berlin reisen muss, und zwar in Begleitung. So kam Ottilie Krause wegen ihres Augenleidens schließlich gemeinsam mit dem jüngeren Sohn bis nach Baden-Württemberg. Wieder einmal musste sie Haus und neu geschaffene Heimat hinter sich lassen. Nach der Wiedervereinigung fuhr sie noch einmal nach Landsberg und besichtigte ihren einstigen Hof, in dem eine Kindertagesstätte untergebracht war.

Ihre vierte Heimat hat Ottilie Krause vor bald 50 Jahren am Fuß der Schwäbischen Alb gefunden, zunächst in Dettingen. Dort hat sie über viele Jahre hinweg ein Antiquitätengeschäft betrieben, nachdem der Lebensmittelladen, den ihr Mann in der Kirchheimer Henriettenstraße gegründet hatte, der Konkurrenz der Supermärkte nicht mehr gewachsen war. Später wohnte Ottilie Krause viele Jahre bei ihrem jüngeren Sohn in Neresheim, bevor sie 1992, drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, nach Owen zog. Dort wohnt sie bis heute bei ihrem Sohn Roland und dessen Frau.

"Ich kann nicht den ganzen Tag lang nur rumsitzen", sagt die Jubilarin, die regelmäßig Zeitung liest, Gymnastik auf der Gartenschaukel macht und sich vor allem mit Handarbeit beschäftigt. Obwohl sie kaum noch sehen kann, näht sie Stofftaschen, die sie selbst bemalt, und häkelt Blumen vorzugsweise Nelken. Ihre Arbeiten verschenkt sie gern an die sieben Enkel und neun Urenkel. Von denen haben sich die meisten zur großen Feier am Samstag angemeldet. Dazu kommen die drei Kinder, die Ottilie Krause geblieben sind, nachdem die älteste Tochter vor kurzem gestorben ist sowie ehemalige Arbeitskollegen aus Nabern und Nachbarn aus Dettingen.