Lokales

Neue Chance

Ein tolles Fest ist vorüber und trotzdem bleibt ein fader Nachgeschmack. Wenn Betrug und kriminelles Handeln zu Synonymen für

BERND KÖBLE

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eine ganze Sportart werden, sind Diskussionen Pflicht. Diskussionen, die wir intensiv geführt haben, um der Frage nachzugehen, wie ein lokales Großereignis in Zeiten wie diesen zu begleiten sei. Fünf Wochen vor Beginn der Tour de France stehen Sportjournalisten wie jeder andere Radsportfan vor einer schweren Entscheidung, wird geteilte Leidenschaft zu einer Frage der Glaubwürdigkeit.

Eine Glaubwürdigkeit, die der Radsport in seiner 100-jährigen Geschichte nicht erst in den vergangenen Wochen preisgegeben hat. Dass sich Galionsfiguren wie Jacques Anquetil, Eddy Merckx oder auch Rudi Altig teils offen zu Doping bekannten, hat ihnen den Weg in die Ruhmeshalle des Radsports nicht verbaut. Das Problem ist so alt wie die Sportart selbst. Neu hingegen ist die Chance auf eine bessere Zukunft. Die Geldgeber, die Medien und damit letztlich auch die Öffentlichkeit sie alle haben sich zu Komplizen gemacht, indem sie sich willig an übermenschlicher Leistung berauschten. Den Lohn für sauberen Sport können folglich auch nur sie entrichten: durch Geld für aufrichtige Konzepte, durch ein differenziertes Meinungsbild und fairen Applaus am Streckenrand.

Neues Grün gedeiht vom Boden her. Den zu bereiten ist Aufgabe der zahllosen Vereine nicht nur in diesem Land. Wenn der Nachwuchs erkennt, dass ehrliche Leistung Vorbilder schafft, hat der Radsport eine echte Chance. Der RKV Kirchheim und sein Organisator Albert Bosler haben am Wochenende ihren Beitrag geleistet und der Jugend zur besten Rennzeit die große Bühne geboten. Dass dies nur möglich war dank klangvoller Namen im Gefolge, zeigt das Dilemma, in dem viele lokale Veranstalter stecken. Während in der Champions League des Radsports die ersten Teams mit eisernem Besen kehren, bleibt der Basis im Kampf um die Zuschauergunst meist nur die eine Wahl: Auf der Jagd nach bezahlbaren Zugpferden den Blick in eine fragwürdige Vergangenheit zu richten.

Wir meinen, zum Thema Doping ist alles gesagt. Deshalb haben wir bewusst darauf verzichtet, am Rande des Kirchheimer Radrennens Meinungen und Stimmen von Fahrern oder Funktionären einzuholen. Jetzt gilt es, Fakten zu schaffen: durch klare Gesetze, durch ein intelligentes wie lückenloses Kont-rollnetz und fachlich fundierter Arbeit in der Nachwuchsförderung. Das alles kostet Geld. Geld, das vorhanden ist, wenn all diejenigen sich nicht aus der Verantwortung schleichen, die jahrzehntelang und wider besseres Wissen den Radsport vor den Werbekarren spannten und damit kräftig Umsatz machten. Nur dann gibt es eines Tages vielleicht wieder sauberen Sport zu bestaunen auch auf dem Alleenring.