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Neue Perspektiven für die FHKT?

NÜRTINGEN Erliegt die Fachhochschule für Kunsttherapie den Verlockungen der Stadt Schwäbisch Hall und zieht vom Neckar an den Kocher um? Professor Hartmut Majer hat die Frage Umzug oder

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ANNELIESE LIEB

nicht in den zurückliegenden Wochen viel Kopfzerbrechen bereitet. "Ich bin froh, dass der zeitliche Dampf rausgenommen wurde", sagte Majer und deutete damit an, dass die Entscheidung nicht vor April nächsten Jahres zu erwarten ist. Dann will die Fachhochschule abwägen zwischen dem Haller Angebot in den Räumen der ehemaligen Landesjustizvollzugsanstalt und einem möglichen Neubau in Nürtingen.

"Sehr am Herzen liegen uns die Perspektiven der FH für die Zeit nach 2008, wenn wir die Möglichkeit haben, unsere ungünstigen Mietkonditionen zu verändern. Ein sehr wohlwollendes Angebot der Stadt Schwäbisch Hall im Hinblick auf eine Fusion mit der dortigen Hochschule für Gestaltung brachte viel Bewegung in einen Klärungsprozess, der noch andauert", schrieben Professor Hartmut Majer und Professor Roswitha Bader in ihrer Weihnachtsbotschaft an die Freunde und Förderer der Hochschule.

Sehr hoch ist die Miete, die von der Fachhochschule derzeit für die Räume in der Sigmaringer Straße bezahlt werden muss, die zudem sehr hohe Heizkosten verursachen. Geradezu verlockend ist da das Angebot aus der Salzsiederstadt Schwäbisch Hall, die im Fall eines Zusammenschlusses mit der Akademie der Künste (hervorgegangen aus dem Kunstseminar Metzingen) die Gebäude der ehemaligen Landesjustizvollzugsanstalt und eine großzügige finanzielle Ausstattung angeboten hat.

Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim, der im November zusammen mit Iso Wagner, der Rektorin der Hochschule für Gestaltung, in Nürtingen seine Aufwartung machte, hatte gehofft, noch vor Jahresfrist zu einem Abschluss zu kommen. Denn in diesem Jahr muss nicht nur eine Nachfolgerin für die altershalber ausscheidende Rektorin Iso Wagner gesucht werden, im März ist in Schwäbisch Hall auch Oberbürgermeisterwahl.

Doch vor diesen Karren wollte sich das FH-Kollegium nicht spannen lassen. "Unsere Entscheidung soll nicht unter dem Erfolgsdruck einer Oberbürgermeisterwahl stehen", so Hartmut Majer. Zumal unter dem Konkurrenzdruck aus Schwäbisch Hall in den zurückliegenden Monaten auch in Nürtingen intensive Gespräche geführt und Lösungen angedacht wurden, die der Fachhochschule für Kunsttherapie ebenfalls interessante Zukunftsperspektiven am Standort Nürtingen eröffnen.

Die Stadt, so Oberbürgermeister Otmar Heirich, stehe in Verhandlungen mit Investoren, die bereit seien, ein neues Gebäude, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Hochschule, zu errichten. "Wir sind dabei, die notwendigen Kosten und Räumlichkeiten zu ermitteln", sagte Heirich. Im Gespräch ist dabei ein Gelände an der Neckarstraße in der Nähe der Freien Kunstakademie Nürtingen. Dort könnten eventuell auch Studentenwohnungen entstehen.

Der Nürtinger Oberbürgermeister hofft, dass eine Neubau-Lösung wesentlich günstiger für die FH ist als die bisherige Unterbringung. Eine Frage sei dabei auch, wie weit sich die Stadt an den Investitionen beziehungsweise laufenden Kosten beteiligen könne. Heirich will versuchen, auch den Landkreis und die Region mit ins Boot zu holen. Bis April 2005 sollen Zahlen und Fakten auf dem Tisch liegen. Dann muss das FH-Kollegium entscheiden. "Ein Neubau wäre verlockend", räumt Professor Hartmut Majer ein.

Die Situation geschildert hat Oberbürgermeister Heirich auch den Nürtinger Landtagsabgeordneten. Es könne nicht sein, dass mit Landesmitteln eine leer stehende Justizvollzugsanstalt ausgebaut und Schulräume zum Nulltarif angeboten werden. "Das ist nicht seriös", sagte Heirich und appellierte an die Landespolitiker, gleiche Bedingungen für die konkurrierenden Städte zu schaffen.

In die Waagschale werfen müssen der FH-Rektor und seine Kollegen bei der Entscheidungsfindung indes nicht nur die finanziellen Aspekte, Nürtingen hat gegenüber der hohenlohischen Provinz auch eine ganze Menge Standortvorteile. Positiv ins Gewicht fällt zum Beispiel nicht nur die Lage zwischen Stuttgart und Tübingen, auch die Verwurzelung und Vernetzung in der Stadt spricht für den FH-Standort am Neckar. Auch die Anfrage von Studienbewerbern haben die Professoren in den zurückliegenden Wochen hellhörig werden lassen.

Hat der Standort der Hochschule möglicherweise Auswirkungen auf die Bewerberzahlen? Aus Schwäbisch Hall hört man hinter vorgehaltener Hand, dass die Kommune am Umzug der Fachhochschule für Kunsttherapie nicht zuletzt deshalb großes Interesse hat, weil die Akademie der Künste, auch Hochschule für Gestaltung genannt, (die derzeit gleich neben der Kunsthalle Würth angesiedelt ist) unter mangelnden Studienbewerberzahlen leide.

Die Fachhochschule habe in den zurückliegenden 20 Jahren viel in Nürtingen eingebracht, sagt Majer, es ist ein gutes Umfeld entstanden. Längst fühle man sich nicht mehr als fünftes Rad am Wagen, wie dies lange Jahre der Fall gewesen sei, sondern spüre die zunehmende Anerkennung für die Arbeit der Kunsttherapie.

Beim Blick in die Zukunft ist dem Rektor der Fachhochschule der finanzielle Aspekt sehr wichtig, große Bedeutung hat für ihn aber auch die inhaltliche Seite. "Wir brauchen Entwicklungsperspektiven, die eine qualitativ gute Lehre ermöglichen." Ein großes Anliegen ist Majer darüber hinaus, dass sich der Entscheidungsprozess auf einer menschlich fairen Ebene abspielt und die Fakten von beiden Städten offen und klar auf den Tisch gelegt werden. "Das Wohl der Sache und über aktuelle Fragestellungen hinausgehende Perspektiven leiten uns bei der Entscheidungsfindung im Kollegium", schreiben Majer und Bader in ihrem Brief.