Lokales

Neue Zeitrechnung ab 2005

"Mit dem Jahr 2005 beginnt statistisch eine neue Zeitrechnung", sagte Alf Szorg, Pressesprecher der Göppinger Agentur für Arbeit, gestern in Plochingen. Die Arbeitslosenzahlen werden auf dem Papier drastisch ansteigen. Grund dafür sind die Auswirkungen von Hartz IV: Fast alle Erwerbsfähigen, die bisher "nur" Sozialhilfeempfänger waren, gelten jetzt als arbeitslos.

ANDREAS VOLZ

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PLOCHINGEN Bernd Hofmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Göppingen, rechnet damit, dass die Zahl der Arbeitslosen in seinem Bezirk bis Februar um ein Drittel steigen wird. Das liegt dann aber keineswegs an der Arbeitsmarktentwicklung, sondern an der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe sowie an der statistischen Erfassung von "Bedarfsgemeinschaften" in der Regel Familien, die wegen Arbeitslosigkeit vorübergehend oder auch längerfristig nicht über ein ausreichendes Einkommen verfügen.

Im Landkreis Esslingen kümmern sich die 117 Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft (ARGE) des Kreises und der Agentur für Arbeit um diese Bedarfsgemeinschaften. Deren Zahl schätzt ARGE-Geschäftsführerin Anette Farrenkopf auf 8 100 im gesamten Kreis. Im Raum Kirchheim sind es rund 1 700 Bedarfsgemeinschaften, die Arbeitslosengeld II (ALG II) beziehen. Etwa die Hälfte von ihnen hat bis Ende 2004 noch Arbeitslosenhilfe empfangen, die andere Hälfte Sozialhilfe. Letztere "waren vorher auch schon ohne Arbeit, aber nicht unbedingt arbeitslos gemeldet", betonte Anette Farrenkopf gestern beim Pressegespräch in Plochingen. Deshalb seien sie auch nicht in der Statistik der Agentur für Arbeit aufgetaucht.

Ab sofort ändert sich das. Stichtag im Agentur-Bezirk Göppingen war der 1. Januar 2005. Pressesprecher Alf Szorg erklärt den tieferen Sinn der neuen Art, Statistik zu betreiben: "Bisher gab es immer den Vorwurf, dass viele Arbeitslose in der Statistik gar nicht auftauchen, sondern versteckt sind. Das wird jetzt offengelegt. Es dauert aber noch, bis wir die volle Transparenz haben." Das wiederum liegt daran, dass jetzt alle Erwerbsfähigen innerhalb einer Bedarfsgemeinschaft dazu beitragen müssen, die Bedürftigkeit zu minimieren. Musste früher also eine Hausfrau auf die Agentur für Arbeit zugehen und sich als Arbeitsuchende melden, bevor sie in der Statistik auftauchte, kommt inzwischen die ARGE von selbst auf die erwerbsfähigen Familienmitglieder zu und versucht sie zu vermitteln unter anderem auch in Ein-Euro-Jobs.

Als erwerbsfähig gelten alle, die zwischen 15 und 65 Jahre alt sind und denen zugemutet werden kann, täglich drei Stunden zu arbeiten. Nicht nur die Eltern sollen somit zum Erwerb herangezogen werden, sondern auch Söhne und Töchter, sofern sie 15 Jahre oder älter sind und keine Ausbildung absolvieren beziehungsweise keine weiterführende Schule besuchen. "In jeder Bedarfsgemeinschaft gibt es durchschnittlich zwei Personen im erwerbsfähigen Alter", sagt die Esslinger ARGE-Geschäftsführerin Anette Farrenkopf zu den Zahlen, mit denen die Arbeitsagentur rechnet.

Die wichtigste Aufgabe für sie und ihre Mitarbeiter besteht in den nächsten Tagen und Wochen darin, den genauen Status aller Angehörigen einer Bedarfsgemeinschaft zu klären: "Wenn alle aufgenommen sind, können wir mit der aktiven Förderung beginnen, und die ersten Maßnahmen können greifen." Dann werde auch die Zahl der Arbeitslosen wieder sinken, die zunächst einmal sprunghaft steigt. Der Göppinger Arbeitsagentur-Chef Bernd Hofmann spricht deshalb im Hinblick auf die Arbeitslosenstatistik auch von einem "Tal der Tränen", das es jetzt zu durchschreiten gelte.

Rund 21 000 Arbeitslose verzeichnete der Agenturbezirk Göppingen Ende Dezember 2004. Durch die statistische Erfassung aller ALG II-Empfänger werden allein im Januar "einige Tausend" hinzukommen, schätzt Hofmann. Um ein Drittel dürfte die Dezemberzahl bis Februar gestiegen sein, "wenn alle Erwerbsfähigen erfasst sind". Weil sein Agenturbezirk im ARGE-Bereich gut aufgestellt sei, rechnet Bernd Hofmann mit einem Rückgang der Arbeitslosenzahlen ab April. Sein Ausblick für das restliche Jahr ist eine überaus vorsichtige Prognose: "Die Summe aller gebündelten Maßnahmen durch Hartz IV wird hoffentlich dazu beitragen können, dass wir uns im letzten Quartal 2005 wieder den 21 000 annähern." Allerdings wären 21 000 Arbeitslose im Dezember 2005 gegenüber derselben Anzahl im Dezember 2004 ein deutlicher Rückgang in der Statistik, weil dann ja die rund 7 000 Arbeitslosen, die durch Hartz IV und ALG II jetzt neu hinzukommen, bereits wieder "abgearbeitet" wären.

Die Arbeitsagentur Göppingen wird ihre Statistiken weiterführen. Hinzu kommen die Zahlen der Arbeitsgemeinschaften Esslingen und Göppingen. Mit den Vorjahren werden sich die Quoten 2005 allerdings nie vergleichen lassen, weil die "klassischen" Arbeitslosen nach der bisherigen Rechenart so in keiner Statistik weitergeführt werden. Insofern beginnt 2005 tatsächlich eine neue "Zeitrechnung", denn ab sofort werden die ersten Daten gesammelt, die dann in späteren Jahren als Vergleichszahlen für Trends und Entwicklungen dienen.

Für das abgelaufene Arbeitsmarktjahr 2004 legte die Göppinger Agentur noch einmal aussagekräftige Grafiken vor: Demzufolge war die Arbeitslosenzahl im Bezirk Göppingen in jedem einzelnen Monat höher als noch im Jahr 2003, wobei Bernd Hofmann von großen Unterschieden zwischen den beiden Landkreisen berichtete: Oberflächlich betrachtet, könne man mit den Zahlen im Kreis Esslingen wohl leben, aber im Kreis Göppingen sei die Entwicklung sehr negativ verlaufen. Den Grund dafür sieht Hofmann vor allem darin, dass es in Göppingen weniger Dienstleister gebe und stattdessen eine stärkere Ausrichtung auf Metall- und Elektroberufe. Im Kreis Esslingen ist die Arbeitslosenquote 2004 im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen von 4,7 auf 4,8 Prozent , in Kirchheim von 5,1 auf 5,3 Prozent. Im Kreis Göppingen dagegen gab es einen Sprung von 5,3 auf 5,8 Prozent. Am besten schneidet Leinfelden-Echterdingen mit 4,1 Prozent ab, Schlusslicht ist Geislingen mit 7,2 Prozent.

Ein großes Problem ist für Bernd Hofmann die rückläufige Entwicklung des Stellenmarkts, der inzwischen wieder das Niveau von Mitte der 90er-Jahre erreicht hat. Bei den einzelnen Personengruppen hat sich die Arbeitslosenquote gegenüber 2003 gleichmäßig verschlechtert. Am härtesten betroffen ist nach wie vor die Gruppe der Ausländer, deren Quote mittlerweile bei 11,4 Prozent liegt. "Das Problem ist aber nicht der Pass", führte Hofmann aus, "dahinter verbirgt sich das Wort ,ungelernt'." Selbst wenn sich der Arbeitsmarkt außergewöhnlich gut entwickeln sollte, bleiben die Ungelernten auf der Strecke: "Die braucht der Markt nicht", sagt Bernd Hofmann in aller Deutlichkeit.