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Neun Personen und vier Nationalitäten unter einem Dach

WEILHEIM Zwei Erwachsene, vier Kinder in der heutigen Zeit gehen die Korschineks aus Weilheim glatt als Großfamilie durch. Für Ute und Klaus Korschinek ist das aber noch lange kein Grund, auf weiteren

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BIANCA LÜTZ

Familienzuwachs zu verzichten. In "Spitzenzeiten" kommt es schon mal vor, dass unter dem Dach des Hauses am Weilheimer Egelsberg neun Personen vereint sind und vier Nationalitäten: An diesem Abend beispielsweise sitzen neben Ute und Klaus, Christoph (17), Katja (15), Thea (14) und Anna (12) Korschinek auch noch Thomas (14), Peter (16) und Alyssa (20) am Esstisch. Thomas kommt aus Frankreich, Peter aus Neuseeland und Alyssa aus den USA. Die drei sind als "Gastkinder" mit verschiedenen Austauschprogrammen in Deutschland.

"Seit eineinhalb Jahren haben wir eigentlich immer jemanden als Austauschschüler da", erzählt Ute Korschinek, Mutter der internationalen Großfamilie und halbtags in der Reha-Klinik Bad Boll im Bereich EDV und Controlling beschäftigt. In dieser Zeit hätten bereits drei Jugendliche über "En Famille" ihren Weg nach Weilheim gefunden und zwei über den "American Field Service" (AFS). Alyssa war vor ein paar Jahren Teilnehmerin des Schüleraustauschs zwischen dem Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium und der amerikanischen La Crosse Highschool und besucht derzeit ihre Gastfamilie. Auf der Pelle sitzen sich die vielen Familienmitglieder dank des großen Hauses der Korschineks nicht: Jeder hat sein eigenes Zimmer und es gibt drei Bäder sowie fünf Toiletten.

Dass ganze neun Personen um den Esstisch sitzen, ist allerdings auch im Hause Korschinek eine Ausnahmesituation: "Das ist nicht normal", gibt die Mutter lachend zu: "Der Durchschnitt liegt bei vier Kindern." Denn in der Familie sind nicht nur alle sehr gastfreundlich, sondern auch äußerst aufgeschlossen für eigene Auslandserfahrungen: Die beiden jüngeren Töchter Anna und Thea haben beide bereits ein halbes Jahr mit "En Famille" in Frankreich verbracht, Christoph zieht nun bis zum Sommer zusammen mit Austauschpartner Thomas in dessen französische Heimatstadt Angers und Katja tritt im August per Stipendium ein Auslandsjahr über AFS in Frankreich an. "Ich finde es gut, dass die Jugendlichen so viel von der Welt kennenlernen", freut sich Ute Korschinek über die internationalen Kontakte: "Das sind die besten Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander."

Für die Korschineks ist es mittlerweile ganz normal geworden, dass immer wieder "fremde" Jugendliche ins Haus kommen und über Monate hinweg am Familienleben teilnehmen. "Das ist supertoll. Es ist immer jemand da", freut sich Katja darüber, dass bei so vielen "Brüdern" und "Schwestern" nie Langeweile aufkommt. Als "Fremde" betrachtet sie die Gastschüler nicht: "Sie sind wie ganz normale Geschwister für uns."

Auch die Eltern behandeln ihre "Kinder auf Zeit" wie eigene Töchter oder Söhne. "Es dürfen keine extra Regeln herrschen", betont Ute Korschinek. "Sie sagen auch Mama und Papa zu uns", erzählt die 42-Jährige. Das helfe den Kindern, sich zu integrieren und sich wirklich zu Hause zu fühlen. Eine Extrawurst gibt es für Thomas, Peter und Co. nicht: Sie fahren mit der Familie in den Urlaub, müssen staubsaugen, den Tisch decken oder Wäsche aufhängen. Bei einer sechs- bis neunköpfigen Familie fällt immer eine Menge Arbeit an. "Im Moment laufen unsere beiden Waschmaschinen parallel und wir müssen jeden Tag Wäsche aufhängen", berichtet Ute Korschinek. Auch beim Einkauf gibt es allerhand zu schleppen: "Wir sind zum Teil mit zwei Einkaufswagen unterwegs", so Klaus Korschinek. Der 48-jährige Familienvater leitet die Filderwerkstatt, eine Einrichtung für Berufliche Rehabilitation, die auch ein Werk in Dettingen hat.

"Wir stellen unsere Strukturen nicht auf den Kopf, wenn jemand für ein halbes Jahr oder Jahr zu uns kommt", betont Klaus Korschinek, dass das Leben für die Familie trotz der Austauschschüler in geregelten Bahnen weiterläuft. Dennoch haben die jungen Gäste in den vergangenen Jahren immer wieder für Veränderungen gesorgt. Thomas etwa, der jetzt schon seit einem halben Jahr in Weilheim lebt, teilt nicht die Wanderleidenschaft seiner Gasteltern. Ausgiebige Trekking-Touren standen in den letzten Monaten deshalb nicht mehr ganz so oft auf dem Aktivitätenplan. Aber auch ganz allgemein hat sich das Verhalten des Ehepaars Korschinek durch die Gasteltern-Rolle gewandelt. "Wir müssen unsere Regeln und unser Verhalten länger überdenken, als wenn wir nur unter uns sind", nennt Klaus Korschinek ein Beispiel. "Wir haben gelernt, Dinge früher anzusprechen", ergänzt Ute Korschinek: "Für uns ist das eine totale Bereicherung."

Das gilt aber keineswegs nur für die Gastfamilie, sondern vor allem auch für die Austauschschüler. "Ich war früher eher schüchtern und bin jetzt viel offener", erzählt Thomas, der ursprünglich gar nicht nach Deutschland, sondern in die USA wollte. Bei seiner deutschen Familie fühlt er sich jetzt aber pudelwohl, und auch in seine Klasse am LUG hat er sich gut integriert: "Ich habe viele gute Freunde hier", sagt Thomas und fügt hinzu: "Jetzt vergeht die Zeit viel zu schnell." Dass der 14-Jährige während seines Aufenthalts in Deutschland eine Menge an Selbstbewusstsein gewonnen hat, ist auch seinen "Eltern" nicht entgangen: "Thomas ist richtig groß geworden", freut sich Ute Korschinek und ihr Mann sagt mit einem verschmitzen Lächeln: "Er hat es faustdick hinter den Ohren." Nicht zuletzt spricht Thomas mittlerweile richtig gut deutsch obwohl er zugibt, dass er durchaus mehr hätte rausholen können. "Ich war aber nicht für die Sprache hier, sondern für den Urlaub", sagt der 14-Jährige grinsend.

"Es geht primär um den interkulturellen Austausch. Die Sprache wird da Mittel zum Zweck", geht Klaus Korschinek auf die Hintergründe des Austauschs mit "En Famille" ein. Eine neue Kultur zu ergründen und sich ganz auf eine andere Sprache einzulassen steht dem Neuseeländer Peter, aber auch seinen "Geschwistern" Christoph und Katja noch bevor. Beide haben sie ganz klare Erwartungen und Ansprüche an ihre Auslandsaufenthalte. "Ich hoffe doch, dass ich danach perfekt französisch spreche", sagt Christoph. Die Sprache steht auch für Katja ganz weit oben. Wichtig ist für sie aber auch, endlich einmal auf sich allein gestellt zu sein: "Mal schauen, wie es so ist, ganz ohne Eltern", sagt sie: "Ich freue mich drauf, habe aber auch Respekt davor."

Die Auslandserfahrung haben die beiden jüngsten Korschinek-Töchter ihren älteren Geschwistern schon voraus. Beide waren mit "En Famille" ein halbes Jahr lang in Frankreich: Thea im Alter von zwölf Jahren in Gap, Anna mit zehn in Vannes. Der Anfang war für beide schwer: "Zuerst haben sich die Wochen gezogen", gibt Thea zu. Anna hatte in der Startphase noch Schwierigkeiten mit der Sprache: "Ich habe am Anfang fast nichts verstanden", erinnert sie sich. Nach dem halben Jahr jedoch waren die beiden so richtig drin im Französisch was nach ihrer Rückkehr nach Deutschland unüberhörbar war: "Ich habe im Deutschen manchmal sogar den Satzbau des Französischen verwendet", berichtet Thea lachend. Sie empfiehlt jedem, der offen ist und sich anpassen kann, für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Nicht geeignet seien die Programme jedoch für Kinder und Jugendliche, die schnell Heimweh bekommen: "Die sollten lieber nicht gleich ein ganzes halbes Jahr weg", rät die 14-Jährige.

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