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Nicht für alle kamen die Amerikaner als Befreier

KIRCHHEIM Aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachteten die vier Zeitzeugen, die am Freitagabend in der Kirchheimer Martinskirche von ihren persönlichen Erlebnissen

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ANKE KIRSAMMER

berichteten, die NS-Herrschaft und insbesondere das Kriegsende.

Dora Metzger, die Tochter von Pfarrer Otto Mörike, einem erklärten Gegner der NS-Ideologie, bewertete den Nationalsozialismus in erster Linie aus christlicher Sicht. Hitler-Anhänger hätten permanent Begriffe aus der Religion für sich in Anspruch genommen und damit die zehn Gebote übertreten. "Hassen ist Heil und wer vergibt, ist des Todes würdig", so habe eine fanatische Lehrerin beispielsweise gesagt. Ihre Eltern hätten das Ende des Dritten Reiches lange vorausgesehen. Am 10. April 1938 sollte der gewaltsame Anschluss Österreichs mit einer Volksabstimmung legitimiert werden. Zudem wollte Hitler seine fünfjährige Amtszeit bestätigt finden. Die Eltern von Dora Metzger fügten den Stimmzetteln eine Erklärung bei, in der sie begründeten, warum sie Hitler nicht wählen konnten. Am Wahlabend wurde Mörike im Stadtpfarrhaus überfallen, misshandelt und in Schutzhaft genommen.

Helmut Müller, der Sohn einer alteingesessenen Kirchheimer Familie, am Kriegsende zehn Jahre alt, erinnerte sich an den in Kirchheim sichtbaren Feuerschein der Bomben, die auf Stuttgart fielen. Präsent sind ihm noch heute die "Tieffliegerangriffe vom 19. April, die Tod, Leid und Schmerz über die Stadt brachten", ebenso die rasselnden Panzerketten. "Schnaps das war das erste Wort, das ich aus dem Mund eines amerikanischen Soldaten gehört habe." In den Augen des Bäckerjungen kamen die Besatzer als Sieger. "Wir schwankten zwischen Hoffen und Bangen, weil wir ja nicht wussten, was sie mit uns tun würden." Am Ende habe sich bei ihm Erleichterung darüber breit gemacht, dass nicht mehr geschossen wurde.

Als Befreiung konnte die damals 15-jährige Gretel Bäuerle das Kriegsende hingegen nicht begreifen, wenn sie auch aufatmete, dass es nicht so schlimm gekommen war, wie die Propaganda prophezeit hatte. In der Nacht zum 21. April 1945 brachte die Familie alles Notwendige in den Keller. Zwar kam es nicht zu Übergriffen durch die Amerikaner, aber sie bestanden darauf, dass das Haus am Morgen des 22. April innerhalb von 20 Minuten geräumt wurde. Erst musste sich die Familie für drei Tage eine andere Bleibe suchen, schließlich für ein ganzes Jahr. "Deutschland muss ein Kartoffelacker werden", hatte ein amerikanischer Soldat Gretel Bäuerle gegenüber geäußert. Das erste Vierteljahr nach dem Krieg litt die Familie unter einer dürftigen Versorgung, was noch dadurch verschärft wurde, dass sie ihre Lebensmittel schwer zugänglich unter Kohlen versteckt hatte.

"Es dauerte Monate bis ich erkannte, die Konzentrationslager gab es wirklich. Das Schlimmste war für mich einzusehen: Die Verbrechen sind von Menschen unseres Volkes begangen worden. Da wurde aus Erleichterung Befreiung, Dankbarkeit, dass es vorbei ist."

In Walter Thalers Gedächtnis brannte sich der 19. April 1945 mit dröhnenden Fluggeräuschen, Feuerblitzen und Detonationen minutiös ein. Detailliert erzählte er von dem Schicksalstag, nach dem in seiner Familie nichts mehr war wie vorher. Der damals 14-Jährige verlor bei dem amerikanischen Tieffliegerangriff ein Bein, das andere wurde schwer verwundet, sein jüngerer Bruder wurde tödlich getroffen. Trotz allem Erlittenen und trotz der heutigen Gewissheit, dass die Amerikaner damals gezielt auf Leute schossen, um den Kriegsausgang zu beschleunigen, habe er sich mit seinem Schicksal versöhnt. "Es bedrückt mich aber, dass Kinder immer noch Opfer von Gewalt, Terror und Kriegen werden."