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"Nicht nur sauber und satt, sondern auch menschliche ...

Immer mehr Menschen sind auf Hilfe und Betreuung angewiesen, wollen sie weiterhin in ihren eigenen vier Wänden alt werden. Dies wurde auch von den Städten und Gemeinden erkannt. Mitte der 1980er-Jahre wurden deshalb vielerorts im Kreis die Weichen gestellt. So kümmert sich seit 1988 die Nachbarschaftshilfe Bissingen mit Erfolg unter dem Motto "Betreutes Wohnen zu Hause" um ältere und kranke Mitbürger.

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN Sie gehen für kranke und alte Männer und Frauen einkaufen, kochen ihnen warme Mahlzeiten, sorgen dafür, dass altersverwirrte Menschen ihre Medizin pünktlich nehmen, sauber gekleidet und gewaschen sind und begleiten sie auf Spaziergängen oder zum Arzt, erledigen Botengänge, etwa zu Behörden und Apotheken, helfen ihren Schützlingen beim Aufstehen und Zubettgehen. Die 32 Nachbarschaftshelferinnen in Bissingen stellen für die alten Menschen Bezugspersonen dar und die Anforderungen, die an sie gestellt werden, sind vielfältig.

1988 als flexibler sozialer Dienst vor Ort ins Leben gerufen, legt die Nachbarschaftshilfe besonderen Wert auf eine individuelle, ganzheitliche Betreuung, wie Einsatzleiterin Uta Kümmerle sagt. "Wir bieten nicht nur die Grundversorgung ,sauber, satt', sondern darüber hinaus ist uns menschliche Zuwendung wichtig".

Die Bissinger Nachbarschaftshilfe ist eine der wenigen im Landkreis Esslingen, die nicht in einer Diakoniestation aufging. Deshalb wird in der Seegemeinde auch nicht nach einem Modulsystem abgerechnet. "Die Bürger bezahlen nur die tatsächlich geleistete Arbeitszeit und die orientiert sich am jeweiligen Bedarf", erklärt die Einsatzleiterin.

Wenden sich Angehörige oder aber Betroffene an die Nachbarschaftshilfe, so klären Uta Kümmerle oder ihre Stellvertreterin, Inken Thiel, beide ausgebildete Krankenschwestern, bei einem kostenlosen Erstbesuch die Leistungen ab. Anschließend stellen sich die Nachbarschaftshelferinnen ihren Klienten vor und sprechen mit ihnen die individuelle Dienstleistung und den zeitlichen Rahmen ab. "Die Helferinnen sind für ihre Schützlinge Bezugspersonen, an die sie sich immer wenden können", sagt Inken Thiel. Bei Urlaub oder Krankheit springt eine Vertretung ein.

Der Nachbarschaftshilfe geht es vor allem bei den älteren Menschen darum, dass diese in ihrer vertrauten Umgebung selbstständig leben und ihre sozialen Kontakte pflegen können. "Die Angehörigen sind dann beruhigt, weil sie wissen, da schaut jemand nach meiner Mutter oder meinem Vater ", weiß Uta Kümmerle. Als Faustregel für die Bissinger Nachbarschaftshilfe gilt: solange eine Person nachts alleine sein kann, wird die Betreuung angeboten. Dabei kann es auch vorkommen, dass eine oder mehrere Helferinnnen in dem jeweiligen Haushalt bis zu dreimal täglich nach dem Rechten sehen.

Die Nachbarschaftshilfe kümmert sich jedoch nicht nur um ältere Menschen im Bereich "Betreutes Wohnen zu Hause". Ein weiteres Ziel ist es, allen Bissinger und Ochsenwanger Bürgern in Notsituationen rasche Hilfe zu ermöglichen. So können die Helferinnen auch nach Krankenhausaufenthalten angefordert werden oder zur Kinderbetreuung bei Krankheit oder Überlastung der Mutter oder des Vaters.

Die Einsatzleiterinnen sind ebenfalls behilflich, wenn es darum geht, einen Pflegeversicherungsantrag zu stellen, eine Kurzzeitpflege zu vermitteln oder Pflegehilfsmittel zu organisieren.

Die Nachbarschaftshilfe in Bissingen, deren Träger die Gemeinde ist, gibt es nun seit knapp 20 Jahren, wobei der Bedarf seit 1988 massiv angestiegen ist. Uta Kümmerle erklärt dies mit der Altersstruktur der Bevölkerung. Seit 2000 ging die Zahl der Einsatzstunden kontinuierlich nach oben. Im vergangenen Jahr waren die Nachbarschaftshelferinnen, die als geringfügig Beschäftigte arbeiten, knapp 7 500 Stunden auf den Beinen, wobei sie mindestens die Hälfte der Einsatzzeit dem Bereich "Betreutes Wohnen zu Hause" widmeten.

Die engagierten Bissingerinnen zwischen 24 und 72 Jahren kommen aus der Alten- und Krankenpflege oder besitzen Erfahrung in Hauswirtschaft und Kinderbetreuung. Zu Beginn ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit erhalten sie einen Krankenpflegegrundkurs sowie eine Auffrischung in Erster Hilfe und bilden sich regelmäßig in internen Schulungen fort, etwa im Umgang mit Demenzkranken, Sucht im Alter, Schlaganfall, Parkinson und ähnlichen Themen. Monatlich treffen sich Nachbarschaftshelferinnen und Einsatzleiterinnen zum Erfahrungsaustausch.

Nicht selten begleiten und betreuen die Nachbarschaftshelferinnen ihre Schützlinge bis zum Tod. "Das Vertrauen in unsere Frauen ist sehr groß", freut sich Uta Kümmerle.

INFOWer die Bissinger Nachbarschaftshilfe in Anspruch nimmt, bezahlt pro Stunde 11,80 Uhr. Mitglieder des Bissinger Krankenpflegevereins erhalten eine Ermäßigung.