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Nicht nur Windeln wechseln

Neue Ausbildung in der Kinderpflege – Chance für Hauptschüler

Hauptschüler können sich ab dem Schuljahr 2009/10 an der Nürtinger Fritz-Ruoff-Schule zu Kinderpflegern ausbilden lassen. Das neue Angebot soll den wachsenden Personalbedarf decken und das Interesse an Ausbildungsmöglichkeiten in der Kinderbetreuung stillen.

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tobias flegel

Esslingen. Der Landkreis Esslingen will mit der Einrichtung einer zweijährigen Berufsfachschule für Kinderpflege aktuelle und künftige Bedarfe befriedigen. Bis zum Jahr 2013 soll für 35 Prozent aller Kinder im Alter von ein bis drei Jahren ein Betreuungsplatz in einer Kindertageseinrichtung zur Verfügung stehen. Dieses Ziel sieht das vor vier Jahren wirksam gewordene Tagesbetreuungsausbaugesetz vor, auf das sich Bund, Länder und Kommunen geeinigt haben.

Der neue und im Landkreis einmalige Ausbildungsgang ist mehr als eine vorausschauende Antwort auf diese Anforderungen. Er befriedigt auch die große Nachfrage bei Schülern, die den Einstieg in ein beliebtes Berufsfeld suchen. Vor allem junge Frauen finden an der professionellen Kinderbetreuung Gefallen. Doch für die Ausbildung als Erzieherin ist der Realschulabschluss notwendig. Deshalb taten sich Hauptschulabsolventen bisher schwer, den Zugang zu dem Berufsfeld zu finden.

Diese Lücke stopft der frisch geschaffene Ausbildungsweg zur Kinderpflegerin. „Die Voraussetzung für die Ausbildung ist ein Notendurchschnitt von 3,4 im Abschlusszeugnis der Hauptschule und eine 3 in Deutsch“, erklärte die Schulleiterin der Fritz-Ruoff-Schule Silvia Blankenhorn dem Kultur- und Schulausschuss des Kreistags.

Haben sie diese Hürde genommen, steht Hauptschulabsolventen die Tür zu einer guten Qualifikation offen. „Das ist eine qualifizierte Ausbildung“, sagte Blankenhorn. Sie warnte davor, Kinderpflegerinnen als zweitklassige Erzieherinnen abzustempeln, die nur eine Bedarfslücke füllen und „niedere“ Tätigkeiten bei der Kinderbetreuung übernehmen. „Die wickeln nicht nur“, sagte sie. Stimmen die Noten, könnten sich die Kinderpflegerinnen nach ihrem Abschluss außerdem zur Erzieherin weiterbilden oder als Tagesmutter arbeiten.

Diese Argumente führte die Schulleiterin gegen die Bedenken von Kreisrätin Gabriele Probst (Grüne) ins Feld. Probst hatte den Ausbildungsgang zwar grundsätzlich begrüßt, mahnte aber davor, die Zugangsbedingungen zu weit herunterzuschrauben. Außerdem fürchtete sie, dass damit Kräfte qualifiziert werden, die später wieder auf der Straße stehen. „Wir wollen nicht, dass junge Leute für einen Beruf ausgebildet werden, der langfristig keine Zukunft hat“, sagte sie.

Ihren Einwand ließ auch Landrat Heinz Eininger nicht gelten. „Der Beruf der Erzieherin soll nicht verwässert werden“, sagte er. Es gehe darum, eine Ausbildung für Mädchen mit schwächeren schulischen Leistungen anzubieten. Wie sie das neue Angebot nutzen, hänge von den künftigen Kinderpflegerinnen selbst ab. „Der Beruf kann für manche die Endstation, für andere ein Sprungbrett zur Weiterqualifikation sein.“

Bei den übrigen Fraktionen stieß das Ausbildungsangebot auf Zustimmung. „Wir freuen uns, dass der Landkreis aktiv wird und etwas gegen den Engpass bei der Kleinkindbetreuung unternimmt“, sagte Hans Weil von den Freien Wählern. Der absehbare Personalbedarf könne nämlich nicht allein über Erzieherinnen gedeckt werden. Auch sein Fraktionskollege Helmut Nauendorf war zufrieden: „Wir begrüßen die Ausbildung, weil für Hauptschüler ein Weg geöffnet wird.“ Zudem seien die Mindestvoraussetzungen bei den Deutschkenntnissen ein Garant dafür, dass die Sprachbildung in der frühkindlichen Entwicklung richtig gefördert werde.

Auch im SPD-Lager waren die Kreisräte zufrieden. „Wir sind froh über das Konzept und hoffen auf viele Anmeldungen“, sagte Margarete Bihl. Susanne Matt schloss sich der Meinung ihrer Fraktionskollegin an: „Das Angebot ist bedarfsgerecht und passt“, sagte sie. Für Hauptschüler, die beruflichen in diesen Bereich einsteigen wollen, sei es eine Chance. Auch FDP-Kreisrat Wolfgang Haug stimmte zu: „Die Differenzierung, die durch die Ausbildung im Betreuungsbereich entsteht, ist genau richtig“, sagte er.

Weiteres Lob gab es von den Christdemokraten. Das Berufsbild biete Chancen sowohl für Hauptschüler als auch für die Gesellschaft, sagte Wolfgang Vogt. Auch der Kirchheimer Kreisrat Karl Zimmermann sah darin genau die „richtige Ergänzung“, um die große Nachfrage in dem Berufsfeld abzudecken. Einstimmig gaben die Ausschussmitglieder somit grünes Licht für den Start der Berufsfachschule für Kinderpflege an der Nürtinger Fritz-Ruoff-Schule.