Lokales

Nicht verkaufte "Moiakäfer" führen zum Spitznamen

ANDREAS VOLZOWEN Was zunächst nicht ganz so sagenhaft klang, war die Wetterprognose. Schweren Herzens hatten sich deshalb die Verantwortlichen auf dem Rathaus tags zuvor dazu durchgerungen, den Veranstaltungsort Maienwasen an und in die Teckhalle zu verlegen. Dadurch war von vornherein klar, dass der sagenhafte Zauber und der besondere Flair des Maientags verloren gehen würde. Weil für den gestrigen Nachmittag aber flächendeckende Gewitter vorhergesagt waren, verteidigte Bürgermeister Siegfried Roser in seiner Rede vom Rathausbalkon herab die Entscheidung. Scherzhaft fügte er hinzu, über dieses wichtige Thema künftig in einem Bürgerentscheid abstimmen lassen zu wollen.

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Siegfried Roser hatte erstmals in seiner 35-jährigen Amtszeit mit der Tradition gebrochen und für seine Rede ein Mikrofon benutzt um in den hintersten Reihen auf dem Rathausplatz besser verstanden zu werden und um seine Stimmbänder zu schonen. Inhaltlich knüpfte er gleichwohl an die alte Tradition des Maientags an: "Wir feiern ihn seit über 300 Jahren, und damals schon wurde er als Fest für die Kinder abgehalten." Über Maientagsgeschenke der Stadt an die Kinder gebe es erstmals aus dem Jahr 1681 einen Beleg. Sagenhaft war es damals für die Kinder, einen Wecken Weißbrot zu bekommen, "den sie ganz allein essen durften". Außerdem hätten die Kinder einen Schoppen Wein erhalten, den sie mit viel Wasser verdünnt trinken konnten. An industriell produzierte Erfrischungsgetränke war noch lange nicht zu denken.

Eines aber könnte schon damals fester Bestandteil des Owener Maientags gewesen sein: das Lied "Geh' aus, mein Herz, und suche Freud". Natürlich durfte es gestern, im Jahr des 400. Geburtstags von Paul Gerhardt, nicht fehlen. Unter der Stabführung ihres neuen Dirigenten Petro Hinterschuster spielte die Stadtkapelle Owen, die den Maientag traditionsgemäß bereits um 5 Uhr morgens eröffnet hatte, das beliebte sommerliche Kirchenlied nach beiden Melodien.

Generationen von Owenern verknüpfen mit diesem Lied ihre Erinnerungen an unzählige Maientage, die sie als Kinder und später dann als Eltern oder Großeltern miterlebt haben. Über viele Generationen hinweg seien auch die alten Sagen weitergegeben worden, erklärte Christa Eckel, Schulleiterin der Sibylle von der Teck-Schule zu Beginn der Vorführungen in der Teckhalle.

Zunächst tauchten lustige kleine Zwerge auf, die einst in den Owener Wäldern gehaust haben sollen. Einerseits neckten sie die Bevölkerung, andererseits erwiesen sie sich als ausgesprochen hilfsbereit: Wer krank war, fand oftmals nur noch bei den heilkundigen Zwergen Hilfe, vor allem im gläsernen Schloss in der Mitte des Waldes. Bis auf das "lederne Männlein" waren eines Tages alle verschwunden, und auch dieser letzte Owener Zwerg tauchte irgendwann einfach nicht mehr auf.

Im Gegensatz zu den hilfreichen Zwergen gab es einmal andere kleine Lebewesen, die richtig zur Plage wurden: Maikäfer. Nachdem der Nürtinger Stadtpfleger einst Geld für einen Sack Käfer ausgelobt hatte, um der Plage Herr zu werden, versuchten die Owener, ihre Maikäfer gewinnbringend zu verkaufen. Weil sie aber keine Nürtinger Maikäfer mitgebracht hatten, wurden sie abgewiesen. Daraufhin ließen sie ihre "Ware" säckeweise auf Nürtinger Gemarkung frei und bekamen dadurch einerseits Genugtuung und andererseits ihren Spitznamen "Moiakäfer".

Über das Verschwinden eines weiteren Waldbewohners waren die Owener alles andere als traurig: Ein langnasiger Riese kam gerne in die Stadt und besah sich alles so genau, dass er den Spitznamen "Schnüffelnase" erhielt. Weil er aber wenn auch unabsichtlich die Werkstatt des Schlossermeisters Hans-Jörg zerstörte, spannte dieser die Nase des Riesen einmal in den Schraubstock. Diese Erfahrung war für den Riesen so schmerzhaft, dass er nach einem weiteren Wink mit einer Spezialzange für immer das Weite suchte.

Traurig hingegen war für die Owener der Weggang ihrer wichtigsten Sagengestalt: Sibylle von der Teck. Erzürnt über die Untaten ihrer drei Söhne und deren Feindschaft untereinander, zog die Wohltäterin und Wahrsagerin auf und davon, wobei sie allerdings mit der Sibyllenspur noch einen dauerhaften Segen hinterließ. Nach dieser Einführung in die Owener Sagenwelt, die wie immer mit passender Musik, sorgfältig einstudierten Tänzen sowie mit vielen bunten Gewändern und Kulissen aufwarten konnte, verkündete Christa Eckel noch eine sagenhafte Botschaft für alle Grundschulkinder in Owen: Schulbeginn am heutigen Mittwoch ist erst um 8.30 Uhr.

Vor der Teckhalle begann am Ende der Vorführungen das übliche Festtreiben mit Kletterbäumen, Wurstwalze und Spielstraße für die Kinder. Donnergrollen und Regenschauer bestätigten schließlich die Entscheidung für den umstrittenen Ortswechsel, auch wenn danach wieder eine strahlend schöne Maientagssonne vom Himmel lachte.