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"Nicht warten und keine Scheu vor einem Fehlalarm"

Jede Minute zählt, jede Sekunde kann wertvoll sein. Mit diesen Worten ließe sich zusammenfassen, was die beiden Herzspezialisten Klaus Kleinbach und Norbert Smetak im Großen Saal der Kirchheimer Stadthalle ihren Gästen eindringlich klar machen wollten. Kompetent und in ansprechender Art hielten die beiden Kardiologen einen Vortrag mit dem Titel "Herzinfarkt? Niemals zögern Notruf wählen".

TANJA LIEBMANN

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KIRCHHEIM Rund 250 Besucher lauschten den Medizinern, die auf Einladung der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Nürtingen-Kirchheim, der Innungskrankenkasse (IKK) Esslingen-Nürtingen, der Deutschen Herzstiftung sowie der Selbsthilfegruppe Herzkranker Menschen (SOHM e.V.) erschienen waren.

Karl-Rudolf Traub, der Geschäftsführer der AOK Nürtingen-Kirchheim, hatte gleich zu Beginn des Abends statistische Zahlen parat: Im Durchschnitt erleiden in Deutschland jeden Tag rund 800 Menschen einen Herzinfarkt. Und obwohl über 90 Prozent der Patienten wissen, dass ein Infarkt zum Tod führen kann, warten sie in der Regel zwischen drei und sechs Stunden, bis sie Hilfe alarmieren.

Dass dies zu lange ist, machten am Dienstagabend im Großen Saal der Kirchheimer Stadthalle die beiden Herzspezialisten Klaus Kleinbach und Norbert Smetak deutlich. Außerdem erläuterten sie, wo die Ursachen für einen Infarkt liegen, welche Vorboten zu sehen sind und wie man am besten gegensteuern kann. Nach den Worten von Klaus Kleinbach sind Herz-Kreislauferkrankungen in Deutschland die Todesursache Nummer eins: Fast jeder zweite Todesfall sei im vergangenen Jahr von einer Erkrankung des Herz-Kreislaufsystems ausgelöst worden. Der Herzinfarkt, der zur Gruppe der Herz-Kreislauferkrankungen zähle, spiele dabei eine wichtige Rolle. Er entstehe, wenn ein Blutgerinnsel ein Herzkranzgefäß vollständig verschließe, "sodass Teile des Herzmuskels nicht mehr mit Blut versorgt werden können und absterben." Laut dem Mediziner geschieht dies nicht plötzlich, sondern in einem schleichenden Krankheitsprozess.

Die Frage, ob es Warnsignale gebe, die auf einen Herzinfarkt hindeuten, sei klar zu bejahen und auch die Frage, ob es möglich sei, das Risiko für einen Herzinfarkt zu reduzieren. Den Ausführungen Kleinbachs zufolge sind beeinflussbare und nicht beeinflussbare Risikofaktoren zu unterscheiden. Nicht zu ändern sei zum Beispiel die Tatsache, dass mit zunehmendem Alter das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen steige. Ein Herzinfarkt oder Schlaganfall bei Verwandten ersten Grades erhöhe ebenfalls das Risiko, selbst eine Gefäßerkrankung zu entwickeln. An diesem Umstand könne man nichts ändern. Vermeidbar sei allerdings Tabakkonsum, der die Innenauskleidung von Arterien schädige, und Stress, der das Auftreten eines Infarktes begünstige. Außerdem halte er es für ratsam, auf sein Gewicht zu achten, denn Übergewicht könne den Blutdruck und den Cholesterinspiegel erhöhen sowie das Auftreten einer Zuckerkrankheit fördern.

Ein eigenständiger und beeinflussbarer Risikofaktor sei nicht zuletzt Bewegungsmangel, der laut dem Mediziner "wahrscheinlich noch schwerwiegender ist als Fettstoffwechselstörung und Bluthochdruck". Auch Menschen mit der Zuckerkrankheit seien schlecht gestellt: Sie haben nach den Worten von Kleinbach "ein ebenso hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden wie Menschen, die bereits einen ersten Herzinfarkt hinter sich haben." Als Beispiel für Warnsignale, die es zu beachten gilt, nannte der Herzspezialist Angina pectoris-Beschwerden. Diese würden unter anderem bei körperlicher Belastung, bei Kälte, Stress und nach üppigen Essen auftreten. Die Beschwerden seien meist durch Schmerzen oder ein dumpfes, beklemmendes Engegefühl im Brustkorb gekennzeichnet. Diese Schmerzen könnten unter anderem auch in Arme, Schulterblätter, Hals, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlen. Insbesondere bei Frauen könne Luftnot als alleiniges Merkmal auftreten. Kleinbach ging in seinem Vortrag auch auf die ärztlichen Methoden ein, mit denen sich die so genannten koronaren Herzkrankheiten erkennen lassen. Außerdem machte er deutlich, mit welchen Medikamenten und medizinischen Verfahren die betroffenen Patienten behandelt werden können. Eindringlich wies er seine Zuhörer darauf hin, dass der Übergang zwischen einer instabilen Angina und einem Herzinfarkt fließend und ein schnelles Handeln erforderlich ist. Kleinbach: "Aus der instabilen Angina kann sich jederzeit ein Herzinfarkt entwickeln."

Nicht nur Klaus Kleinbach, sondern auch Norbert Smetak machte in seinem Vortrag darauf aufmerksam, dass bei einem Herzinfarkt besondere Eile geboten ist. Smetak sagte, je länger man warte, desto mehr steige die Gefahr, dass der Herzmuskel geschädigt werde. Ein rasches Eingreifen hingegen könne den Schaden begrenzen. Wird eine Rhythmusstörung wie das Kammerflimmern nicht schnell genug behoben, kommt es laut Smetak zu einem totalen Kreislaufzusammenbruch. Deshalb sei es wichtig, mit einem Elektroschock das Herz wieder in den richtigen Rhythmus zu bringen. Durch die Beatmung und eine Druckmassage auf dem Brustkorb könne außerdem der Kreislauf des bewusstlosen Patienten aufrechterhalten werden.

"Jeder Rettungswagen, jede Klinik ist mit Defibrillatoren ausgestattet, die lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen elektrisch beseitigen," sagt der Mediziner, der den Gästen in der Kirchheimer Stadthalle empfahl, keine Scheu vor einem Fehlalarm zu haben und schnell zu reagieren: "Warten sie niemals in der Nacht auf den Morgen oder am Wochenende auf den Montag." Außerdem riet er dazu, den Mitarbeitern der Rettungsdienste bereits am Telefon den Verdacht auf einen Herzinfarkt deutlich zu äußern, da sonst nur ein einfacher Krankenwagen geschickt werde. Nicht empfehlenswert sei es, den Hausarzt oder den Ärztlichen Notdienst zu alarmieren. Smetak: "Beide sind in dieser Situation Umwege, die lebensrettende Zeit kosten können."

In seinem Vortrag referierte der Kardiologe auch über eine ratsame Lebensweise nach einem Herzinfarkt. Unter anderem sprach er sich dafür aus, sich regelmäßig ärztlich untersuchen zu lassen und sein Leben auf die veränderten Gegebenheiten einzustellen. Wichtig sei es vor allem, beeinflussbare Risikofaktoren wie das Rauchen, hoher Blutdruck und Stress zu meiden. Die Ernährung sollte auf Mittelmeerküche umgestellt und das Gewicht sollte normalisiert werden. Smetak empfahl außerdem regelmäßige körperliche Bewegung: fünf Mal pro Woche mindestens dreißig Minuten. Ratsam sei es beispielsweise, jeden Tag rund drei Kilometer spazieren zu gehen. Aber auch bestimmte Sportarten halte er für ein Leben nach dem Herzinfarkt geeignet. Bevor Untrainierte mit Sport anfangen, sollten sie allerdings einen Arzt zu Rate ziehen und am Anfang nicht übertreiben.

Weitere Informationen zum Thema Herzinfarkt und dem Leben danach bekommen Interessierte bei Dieter Wagner. Er ist Leiter der Kirchheimer Selbsthilfegruppe Herzkranker Menschen (SOHM), Telefon 0 71 57/6 45 05. Wertvolle Hinweise gibt es außerdem in dem Buch "Von Herzinfarkt bis Schlaganfall" der Stiftung Warentest sowie im Internet unter www.sohmev.de oder www.herzstiftung.de.