Lokales

Nicht zum Zusammenbruch freigegeben

Der Zahn der Zeit nagt unaufhaltsam und beständig an der Ende des 18. Jahrhunderts gebauten Notzinger Zehntscheuer. Der Gemeinderat beschloss nun, 140 000 Euro in das Gebäude zu investieren, damit wenigstens der Ist-Zustand erhalten bleibt.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN Schon von außen ist der schlechte Zustand des historischen Gebäudes auch von Laien zu erkennen: Verwitterte Tore, deren Eisenbänder schon mehrfach versetzt werden mussten, weil der sie haltende Sandstein geborsten ist, morsche Balken, an denen sich bis ins Innere des Gebäudes Efeu rankt sowie zerbrökelte Sandsteine, deren kleinere Lücken mit alten Dachplatten und große Flächen mit gemauerten Betonsteinen aufgefüllt sind ganz zu schweigen vom undichten Dach sowie von den Dachplatten, die bei kräftigen Stürmen regelmäßig in Nachbars Garten landen.

Eine Reise in die Vergangenheit verspricht das Gebäude Wellinger Straße 28 in Notzingen allemal: Fachleute gehen davon aus, dass die Zehntscheuer um 1760 erbaut wurde. Laut Gutachten haben fast alle Balken einen stattlichen Querschnitt, weisen Floßlöcher auf und stammen vermutlich aus der Zeit um den Dreißigjährigen Krieg. Einzelne Bauteile wie beispielsweise die schießschartenähnlichen Fensteröffnungen und die mächtigen Sandsteinblöcke an den Toröffnungen können auch aus wesentlich älteren Gebäuden wie dem früheren Schloss in Notzingen stammen sozusagen die historische Art des Recycling.

Ursprünglich gab es in der Zehntscheuer 28 Teile, die sich 17 Eigentümer teilten und die auch vererbt wurden. Größere Bauern hatten zwei bis drei Teile oder ein Stockwerkseigentum, "Goisabaura" reichte ein Anteil zur Lagerung von Heu und Stroh. Auch Geräte waren dort untergebracht. Das heutige Pendant dazu jedoch in größerem Maßstab sind Gemeinschaftsschuppen. Der Name rührt vom "Zehnten". Ein Zehntel des Bodenertrags, Viehs und Handelgewinns musste an Adel und Kirche abgegeben werden. Die Naturalien wie Getreide, Heu, Wein, Erbsen, Linsen, Obst, Flachs, Hanf und Holz wurden in der Zehntscheuer aufbewahrt.

Die Aufteilung der einzelnen Teile lassen sich im Innern des Gebäudes noch gut erkennen. Während hinter dem linken Tor der pure Erdboden ist, sind es im rechten, "vornehmeren" Teil der Scheuer große Steinplatten verlegt. Von unten führt senkrecht bis unter den First eine recht abenteuerlich wirkende Holzleiter. Nach und nach hat die Gemeinde Notzingen in den vergangenen Jahren alle Anteile der Zehntscheuer gekauft. Heute nutzen einige Vereine hauptsächlich den unteren Teil des Gebäudes. Nicht fehlen dürfen da beispielsweise die "Krähle" des Musikvereins, unentbehrliche Energiequelle für die original Backhausdätscher, die es beim gleichnamigen Fest als Notzinger Spezialität gibt.

An der Nutzung soll sich mittelfristig nichts ändern. Allein um die Substanz des altehrwürdigen Gemäuers zu sichern, muss die Bodenbachgemeinde tief in die Tasche greifen: Die Sicherung des Gebäudes wird laut des Gutachtens der Firma Bausan, die sich auf die Sanierung historischer Gebäude spezialisiert hat, rund 140 000 Euro kosten. "Das ist zwar ein stolzer Preis, aber es muss uns aber auch klar sein: Entweder wollen wir etwas für das denkmalgeschützte Gebäude in den nächsten sechs bis acht Jahren tun oder wir geben es frei zum Zusammenbruch", erklärte Jochen Flogaus während der Gemeinderatssitzung und erinnerte auch an die Verkehrssicherung. Die Zehntscheuer liegt im Sanierungsgebiet Ortsmitte, weshalb mit einem Zuschuss von immerhin rund 34 000 Euro zu rechnen ist.

"Uns sollte die Zehntscheuer das Geld wert sein. Wenn wir jedes Jahr immer nur ein bisschen rumflicken, kommt uns die Sache teurer als eine Rundumsanierung es ist also gut angelegtes Geld", sprach sich Erhard Reichle eindeutig für den Erhalt aus. Herbert Hiller argumentierte: "Mit dem Kauf aller Parzellen haben wir A gesagt, jetzt müssen wir auch B sagen." Er erinnerte auch daran, dass es den Zuschuss nur noch kurz gibt. Probleme, so viel Geld für ein altes Gebäude bei der derzeitigen Finanzlage der Bodenbachgemeinde auszugeben, hat dagegen Emiliana Montero-Rodriguez.

Auch wenn Eduard Bosch gerne ein paar löchrige Straßen ausgebessert haben möchte, so räumt er der Zehntscheuer doch einen größeren Stellenwert ein, um dem desolaten Zustand des alten Gebäudes ein Ende zu bereiten. Ähnlicher Ansicht ist auch Rudolf Kiltz. "Bei so viel zusätzlichen Investitionen in diesem Jahr tut mir der Betrag schon weh. Wir müssen aber in den sauren Apfel beißen", steht für ihn ebenfalls außer Frage. Prioritäten setzen will auch Hans-Joachim Heberling. "Es ist eine klare Sache, dass wir die Scheune erhalten", ließ er keinen Zweifel an seinem Standpunkt aufkommen. Bei einer Gegenstimme sprach sich eine klare Mehrheit für die Sanierung aus.