Lokales

"Niemand kommt als Gewalttäter zur Welt"

In drei Jahrzehnten hat sich das Brückenhaus mit den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen weiterentwickelt. Dennoch sind die Mitarbeiter ihren Arbeitsprinzipien treu geblieben. Im Gespräch mit Frank Hoffmann schildern Christoph und Martin Lempp Erfahrungen aus 30 Jahren Jugendsozialarbeit.

Der Amoklauf eines 18-Jährigen an einer Schule in Emsdetten hat die Diskussion um die zunehmende Gewaltbereitschaft Jugendlicher neu entfacht. Ist die Gewalttätigkeit unter Jugendlichen in den vergangenen Jahren tatsächlich gravierend angestiegen?

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Weder damals noch heute kommen Babys als Gewalttäter zur Welt. Gewalt ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der Gewalt ausgeübt wird. Gewalt von und unter Jugendlichen ist also Ausdruck davon, unter welchen Bedingungen Jugendliche aufwachsen. Unserer Beobachtung nach ist die Gewaltbereitschaft eher nicht gestiegen. Aufgrund der gewandelten Bedingungen haben sich aber die Ausdrucksformen von Gewalt verändert, wobei auch die Präsenz des Themas in den Medien eine nicht unerhebliche Rolle bei der Einschätzung durch die Öffentlichkeit spielt.

Bereits bei der Gründung des Vereins Brückenhaus spielte die Gewalt unter den Heranwachsenden eine Rolle. Die Rocker- und Motorradclique "Thunderbirds" war die erste Gruppe, die betreut wurde. Wie sah die Arbeit aus?

Die "Thunderbirds" waren eine Jugendclique, bei der es nicht nur um Gewalt, sondern auch um alle anderen jugendtypischen Fragestellungen ging. Unser Ansatz war, diese in der Öffentlichkeit stigmatisierten Jugendlichen zunächst mal so zu akzeptieren, wie sie sich gebärden und sie als Teil der Gesellschaft ernst zu nehmen. Wir haben einen Raum angeboten und uns als Ansprechpartner zur Verfügung gestellt. Wir haben uns eingelassen auf ihre Vorstellungen. Durch intensive Beziehungsarbeit haben wir versucht, uns den Einzelnen und ihren Problemen zu widmen, um tragfähige Perspektiven zu finden. Mit der Clique haben wir in Situationen, bei denen Gewalt drohte, Möglichkeiten der Deeskalation entwickelt und die Gewalt und ihre negativen Folgen thematisiert. Die Akzeptanz als Person (nicht unbedingt der Handlungsweisen) ist Voraussetzung für gelingende soziale Arbeit. Dieses Prinzip und der gerade geschilderte Ansatz der "Mobilen Jugendarbeit" gilt auch heute noch.

Früher gab es handgreifliche Auseinandersetzungen fast ausschließlich zwischen Jungs. Inzwischen wird immer wieder auch von Mädchen-Gruppen berichtet, bei denen Schlägereien zum Alltag gehören. Beobachten Sie dies auch in Kirchheim?

Obwohl Mädchen in den letzten Jahren hier sicherlich "negativ aufgeholt" haben, ist körperliche Gewalt im Vergleich zu Jungs nicht das Mittel ihrer ersten Wahl bei Auseinandersetzungen. Nach wie vor gibt es eine ganze Reihe mädchenspezifischer Konfliktlösungsstrategien, die nicht unbedingt konstruktiver sind. Gewalt unter Jungs gilt als "normal", während ein Kampf unter Mädchen schnell zum Medienobjekt wird. Bei der Sozialisation auf der Straße haben sich die Erfahrungen von Jungen und Mädchen mehr und mehr angeglichen. Verbale Gewalt oder auch der zunehmende Missbrauch von Drogen sind hier Beispiel.

Lassen sich die Probleme der Jugendlichen von damals und heute vergleichen?

Im Prinzip ja. Es geht für Jugendliche nach wie vor darum, persönliche Anerkennung und einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die größer werdende Unübersichtlichkeit der Gesellschaft lässt eine Integration der jungen Menschen in dieselbe allerdings immer schwieriger werden.

Welche Jugendlichen sind besonders gefährdet?

Vielleicht hilft die folgende Vorstellung weiter. Jeder Mensch, also auch jeder Jugendliche, ist in komplexe, sich verändernde Zusammenhänge verwickelt, die sein momentanes Wohlbefinden beeinflussen. Es geht um Themen wie ethnische Zugehörigkeit, Gesundheit, Erfolg, Schönheit, Sexualität, Beliebtheit, Sprachkenntnisse, Klassenzugehörigkeit und vieles mehr. Jedes Thema ist mit eher negativen oder eher positiven Empfindungen besetzt gehöre ich zu einer dominanten Gruppe oder zu einer Minderheit, fühle ich mich gesund oder behindert. Je mehr sich die Waage in Richtung des negativen Selbstbildes neigt, desto gefährdeter ist ein Jugendlicher.

Viele plädieren für ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen. Welche Rolle spielt das Internet?

Computer und Internet spielen sicher eine große Rolle. Jugendliche, und nicht nur diese, leben teilweise in Scheinwelten und leiden unter Realitätsverlust. Allen Herstellern von gewaltverherrlichenden Spielen mögen ihre schlechten Fantasien versiegen und ihre goldenen Nasen abhanden kommen. Aber ein Verbot bringt nichts. Solange junge Menschen nicht genug Zuwendung und Zuneigung durch das Elternhaus, in der Schule, den Betrieb, oder in der Freizeit bekommen, so lange suchen sie sich Befriedigung und Trost in Drogen oder eben in diesen medialen Scheinwelten.

Wie kann ein Abdriften der Jugend in Perspektivlosigkeit und Gewalt verhindert werden? Welche Rolle spielt das Elternhaus?

Indem wir Erwachsenen unsere Hausaufgaben machen. Indem wir den jungen Menschen Perspektiven geben und die Möglichkeit, sich ihre Zukunft zu entwickeln, indem wir ihnen gewaltfreie Konfliktlösungen vorleben und aufhören, in Gewinner und Verlierer einzuteilen. Indem wir dabei mitwirken, eine Gesellschaft zu entwickeln, in der Gelassenheit, Ehrlichkeit, Interesse auch an dem "Anderen", Verlässlichkeit, neue und kreative Ideen für das Zusammenleben, eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung, Bildung, materielle Gerechtigkeit und Förderung der Persönlichkeit, aber auch das Er- und Mittragen von Schwächen und Schwächeren, die Bereitschaft zur Solidarität im Vordergrund steht. Dies haben wir Erwachsene bitter notwendig und wir tun damit auch den Jugendlichen etwas Gutes.