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No nex narrets von wegen. In der seit alters ...

No nex narrets von wegen. In der seit alters her ernsthaft-pietistisch geprägten Bodenbachgemeinde geht seit fast einem Jahr regelmäßig der Punk ab. Das "Gesinde Schleichingen" hat Einzug gehalten und bittet seit dem traditionellen Fasnetsauftakt am 6. Januar offiziell zum närrischen Tanz

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IRIS HÄFNER

in Notzingen. "Mir sen Schleichinger", sagt Zunftmeister Volker Bossert mit stolz geschwellter Brust. Hästräger zu sein ist für den überzeugten schwäbisch-allemannischen Fasnetsnarr ein Prädikat. "Wir sind eine Familie und auch wenn man sich ein Jahr nicht gesehen hat bei der Nar

rentaufe oder beim Umzug ist jeder mit jedem per du und es ist, als ob man sich gestern erst gesehen hätte", versucht sich der Notzinger in einer Beschreibung der Faszination Fastnet.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Schabernack mit den Menschen zu treiben hat für ihn durchaus einen nicht zu unterschätzenden Reiz. "Als ich das erste Mal im Häs bei einem Umzug mit dabei war, habe ich mich total beobachtet gefühlt", erinnert sich Volker Bossert. Davon ist er mittlerweile aber weit entfernt. "Unter der Maske habe ich das Gefühl, dass ich machen kann, was ich will, schließlich weiß niemand, wer sich dahinter verbirgt ich kann lächeln oder auch Grimassen ziehen", meint er verschmitzt. Gleichzeitig stellt er aber unmissverständlich klar, dass jeder Spaß auch Grenzen hat: "Ich lege großen Wert darauf, dass es keine Übergriffe gibt." Als eine Art Selbstkontrolle hat daher jeder Schleichinger eine Laufnummer auf seinem Häs aufgenäht. Nichtsdestotrotz muss seiner Ansicht nach jedoch jeder Umzugsbesucher damit rechnen, ohne Schnürsenkel oder Haarband nach Hause zu kommen. "Viele legen es regelrecht drauf an, geärgert zu werden", so die Erfahrung von Volker Bossert.

Dabei mag der Notzinger "Obernarr" Fasching überhaupt nicht und legt deshalb großen Wert darauf, nicht mit dem rheinischen Karneval oder der Mainzer Fassenacht in einen Topf geworfen zu werden. Volker Bossert kann sich nicht vorstellen, im Cowboy- oder Batman-Kostüm die fünfte Jahreszeit zu feiern. Durch Zufall war er im entscheidenden Moment bei Motorradfreunden im Schwarzwald zu Gast gewesen und aus Jux im dortigen traditionellen Häs bei einem Umzug mitgelaufen seitdem ist er von der schwäbisch-allemannischen Fasnet in Bann gezogen.

Für den Notzinger war es nicht einfach, eine Zunft in der Nähe zu finden, die bereit war, Auswärtige aufzunehmen. So fand er seine vorübergehende Heimat auf dem Schurwald als "Schlappohrle" in Aichwald. Bei Umzügen traf er immer mehr Notzinger an und so wurde die Idee geboren, eine eigene Zunft zu gründen. Bevor aber am 6. März 2005 die Gründungsversammlung der Notzinger Narren stattfand, war zunächst einmal eine ernsthafte Recherche in Archiven angesagt. "Hexen und Teufel gibt es in unserer direkten Nachbarschaft zur Genüge", erklärt Volker Bossert und erinnert an die Hochdorfer Dalbahexa, die Kirchheimer Klosterdeifel oder die Wernauer Laichleshexa.

"Wir haben nach alten Legenden gesucht", erzählt der Zunftmeister. Um sämtlichen Narren insbesondere den Wellingern und Notzingern eine neutrale Heimat bieten zu können, nennt sich die junge Zunft "Gesinde Schleichingen" nach einem untergegangenen Ort zwischen Wellingen und Schlierbach, an den nur noch der Flurname erinnert. Dafür gibt es soger einen urkundlichen Beweis. Ein Adliger hat demnach im Jahr 1331 dem Kirchheimer Kloster ein Gut oder Gehöft zu Schleichingen samt dazugehörigem Grund und Boden verkauft.

Auch die Figuren waren schnell gefunden: "Die mutige Franzosenstecherin" und "Das Köhlermännle". Zum Ende des 17. Jahrhunderts waren Franzoseneinfälle an der Tagesordnung. Einer dieser marodierenden Haufen lag bei Weilheim. Um die Versorgung der Truppe zu gewährleisten, wurden Streifkorps zur Plünderung ausgesandt. Eine aus fünf Franzosen bestehende Gruppe kam über Schlierbach in Richtung Wellingen. Zu dieser Zeit war nur noch ein altes Weible im Flecken, da die übrigen Bewohner bereits bei der Arbeit auf dem Feld waren. Mutig ging sie den Franzosen, nur mit einer Mistgabel bewaffnet, entgegen und stellte sich den Plünderern an der Steinkreuzlinde in den Weg, denn sie wusste, der Ort würde in Schutt und Asche gelegt, sollten die Fremden ins Dorf einfallen. Mit dem Mut der Verzweiflung stürzte sich das alte Weible auf einen der Franzosen und erstach ihn mit der Mistgabel. Einige Dorfbewohner waren ob des Lärms zwischenzeitlich herbeigerannt und so mussten die übrigen vier Plünderer den Rückzug antreten.

Die Köhler waren laut Überlieferung furchteinflößende und wilde Gesellen. Das Köhlerdasein sei durch Schlafmangel und dauernde Angstzustände, aber auch durch das Alleinsein, gekennzeichnet gewesen. Noch heute erinnern der Flurname Köhlerwald, aber auch der Köhlerbach an diese alte Zeit. Einer dieser Männer ist noch heute in Notzingen und Wellingen als sagenumwobene Gestalt bekannt. Es wird erzählt, er sei ein mit Brandwunden gezeichneter Hüne gewesen, vor dem man sich zu fürchten hatte. In einer dunklen Nacht könne man noch heute von der Anhöhe am "Himmelreich" den glühenden Meiler im Köhlerwald sehen und dem Fluchen des Mannes lauschen und alteingesessene Notzinger und Wellinger sagen ihren Kindern, wenn sie nicht brav sein wollen, den pädagogisch fragwürdigen Satz: "Heute Nacht wird dich das Köhlermännle holen." Bislang gibt es keine Quotierung, jedes neue Mitglied darf wählen, für welche der Figuren es sich entscheidet. "Die Franzosenstecherin überwiegt", verrät Zunftmeister Bossert die klare Favoritin.

Während das Köhlermännle in einen langen, dunklen Mantel gehüllt ist und derbe Stiefel trägt, hat die Franzosenstecherin ein abgeändertes Mittelaltergewand am Leib. Zahlreiche lange Unterhosen, Röcke, Mieder und Umhang sorgen dafür, dass es auch den "Damen" bei den Umzügen nicht zu kalt wird. Die Haartracht beider Figuren ist etwas Besonderes: Es sind Büffelhaare, die aus den USA importiert werden und tatsächlich von den wildlebenden Tieren stammen. "Büffelhaare sind dem menschlichen Haar sehr ähnlich, vor allem aber sind sie im Gegensatz zu den Pferdeschweifen sehr leicht. Das hat den Vorteil, dass man den Kopf leicht bewegen kann", beschreibt der Narrenboss den Vorteil.

Doch es gibt noch ein drittes Häs: die Einzelfigur eines recht gefährlich dreinblickenden Hundes. "Viele Zünfte haben eine solche Figur, die entweder eine Besonderheit dokumentiert oder eine Einzelheit. Wir haben uns überlegt, was Köhlermännle und Franzosenstecherin verbindet und sind so auf den Hund gekommen", erzählt der Gesindechef. Auf jedem Gehöft gibt es die Vierbeiner und die Köhler wurden einst wegen ihrer tüchtigen Hunde beneidet und gefürchtet.

Nachdem die Figuren gefunden waren, ging es an die Gestaltung des Häs'. Mit Roland Nehm aus Neufra bei Riedlingen hat die Zunft einen Maskenschnitzer gefunden, der den Schleichingern ihr Gesicht gab. Mit dem Ergebnis waren sie hellauf begeistert, so dass sie ihn prompt zu ihrem ersten Ehrenmitglied ernannten. Kleine Unterschiede wie Astlöcher nimmt Roland Nehm in die Maske auf, sodass die Gruppe als solche zu erkennen ist, jedoch jede individuell gestaltet ist.

Die Schleichinger sind kein Einzelfall, ständig sprießen landauf, landab immer mehr Zünfte aus dem Boden. "Das hat für mich etwas mit ein bisschen Besinnung auf Heimat und Tradition zu tun. Die Welt wird immer kleiner und das Brauchtum sorgt für ein Zusammengehörigkeitsgefühl", erklärt Volker Bossert. Er glaubt auch nicht, dass es sich dabei um Eintagsfliegen handelt, die schwäbisch-alemannische Fasnet ist fest verwurzelt. Im Zuge der Reformation gab es in den lutherischen Gebieten keine Fastenzeit mehr und damit sei es für die Menschen uninteressant geworden, davor noch kräftig zu feiern.

Das Gesinde Schleichingen versteht sich als familienorientierte Zunft. Der Verein hat Kindermasken, die der Narrennachwuchs ausleihen kann. "Wir wollen, dass sie dabei sind", sagt Volker Bossert. Auch außerhalb der Fasnetssaison gibt es regelmäßige Zusammenkünfte, Wiesenfeste oder Ausfahrten. Etwa die Hälfte der Mitglieder kommt aus Notzingen, der Rest aus umliegenden Gemeinden. Alle Altersschichten sind vertreten, ebenso sämtliche Berufsgruppen. "So ergeben sich oft Gespräche, die man anderweitig nicht führt", freut sich der Gesindechef.

Über mangelnde Auftritte kann sich die junge Zunft nicht beklagen, sie wurde freundlich von den Nachbarn aufgenommen und von den alten Zünften fühlen sich die Schleichinger akzeptiert. Bei der ersten Narrentaufe in Notzingen waren elf Zünfte zu Gast, beim Narrenloben, der Hallenfasnet, kamen Gäste von der Alb, dem Schwarzwald und dem Unterland.

Natürlich darf bei der jungen Narrenzunft ein Schlachtruf nicht fehlen. Und so erschallt in der Bodenbachgemeinde immer häufiger der Ruf: "Kreuz, Gabel, Holz e'm Schleichinger sei Stolz."