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Nötig wäre mehr Zeit zum Üben

Am G 8 scheiden sich nach wie vor die Geister – Morgen Demo in Stuttgart

Im Zusammenhang mit dem achtjährigen Gymnasium ist in der öffentlichen Diskussion von „gestohlener Kindheit“ die Rede, die Schüler klagen über eine 45- bis 50-Stunden-Woche und viele Eltern sind genervt, weil sich im Familienleben alles nur noch um die Schule dreht. Anlass auch für Eltern und Lehrer der Kirchheimer Gymnasien, sich an der morgen in Stuttgart stattfindenden, landesweiten Demonstration zu beteiligen.

ANKE KIRSAMMER

Kirchheim. Um 13 Uhr beginnt der Sternmarsch von drei Stuttgarter Schulen aus. Ziel ist der Schlossplatz, wo um 14 Uhr eine Kundgebung stattfindet. Organisator der Aktion ist die Freiburger Initiative „Schule mit Zukunft“. Die Veranstaltung möchte unter anderem auf die Situation an den Schulen mit zu großen Klassen und hohem Unterrichtsausfall aufmerksam machen. Gefordert werden eine bessere finanzielle und zugleich personelle Grundversorgung. Reformen wie das G 8 steuern den Initiatoren zufolge in die falsche Richtung. Hauptleidtragende seien die Schüler.

„Viele Eltern monieren, dass ihre Kinder enorm belastet sind“, so fasst Hans Dörr, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Stimmung in der Elternschaft zusammen. Werde der Unmut aber lediglich an Eltern­abenden oder im privaten Umfeld geäußert, bleibe er ohne Wirkung. Die GEW ruft deshalb dazu auf, sich an der Demo in Stuttgart zu beteiligen. Der Gewerkschafter hat eine „gewisse Entpolitisierung der Eltern in der Region“ ausgemacht. „Vor der Einführung des achtjährigen Gymnasiums gab es eine relativ starke Protestbewegung“, erinnert sich Dörr. Den verstärkten Bau von Mensen auch an Gymnasien wertet er als Beweis dafür, dass eine Verdichtung des Unterrichts stattgefunden hat und die traditionelle Halbtagsschule mehr und mehr in Frage gestellt ist. Nach wie vor leuchtet dem Schulleiter der Plochinger Burgschule nicht ein, warum Gymnasiasten ihre Schulzeit ein Jahr schneller hinter sich bringen sollen als früher. Dörr vermutet besonders ökonomische Gründe und lässt das oft angeführte Argument der Konkurrenzfähigkeit mit dem Ausland nicht gelten. „Lernen ist doch mehr als kognitives Lernen. Dafür braucht es Zeit und auch Umwege müssen möglich sein.“

Der kommissarische Schulleiter des Kirchheimer Schlossgymnasiums, Siegfried Hepe, sieht das G 8 zwar durchaus als machbar an, formuliert aber dennoch eine ganze Reihe von Forderungen. Für ihn ist deshalb eine Teilnahme an der Demo am morgigen Samstag beschlossene Sache. „Wir bräuchten für die Ganztagsbetreuung ausreichend Räume und mehr Lehrerstunden.“ Das „A und O“ sind für Hepe im Übrigen kleine Klassen. Das Streichen von Stoff und Unterrichtsstunden, wie vielfach gefordert, hält der kommissarische Schulleiter nicht für des Rätsels Lösung. Zum einen sieht er die Notwendigkeit, die Qualität des Abiturs zu erhalten, zum anderen hält er ausreichend Zeit zum Üben und Vertiefen in der Schule für wichtig. Die höheren Anforderungen scheinen gemäß einer bis zum Jahr 2006 reichenden Statistik im Schlossgymnasium aber nicht zu mehr Wiederholern und Schulabgängern zu führen. Die Erklärung liefert Hepe gleich mit: „Ein Lehrer hat ja keinen festen Maßstab, sondern passt sich seinen Schülern an“. Allerdings hätten beide Kirchheimer Gymnasien dieses Jahr 30 Anmeldungen weniger gehabt als sonst. Für völlig ungelöst hält Hepe die Frage der mittleren Reife bei G 8-Schülern. Nach der neunten Klasse hätten sie den Abschluss noch nicht, könnten aber bereits auf berufliche Gymnasien wechseln. Erst nach einem bestandenen Jahr etwa auf dem WG oder TG hätten sie die mittlere Reife in der Tasche. Weitere Probleme seien die zwei Abiturjahrgänge, die 2012 auf den Arbeitsmarkt und in die Unis drängten, außerdem müssten die Schulen zuvor in der Oberstufe G 8- und G 9-Schüler gemeinsam unterrichten. „Statt vier Parallelkursen haben wir dann 13.“

Die Partnerschaft mit den Eltern streicht der Schulleiter des Ludwig-Uhland-Gymnasiums, Dr. Andreas Jetter, heraus: „Wir pflegen eine Rückmeldekultur, um zu sehen, was leistbar ist. Es läuft viel besser als manche denken.“ Dazu gehöre beispielsweise, die Menge der Hausaufgaben etwas zurückzuschrauben, wenn dies von

Das G 8 geht einher mit einer Entwicklung hin zur Ganztagsschule

Elternseite gefordert werde. Den Freiraum der Schule bei der Verteilung der Stunden habe das LUG genutzt, um die Fünft- und Sechstklässler möglichst „schonend zu behandeln“, so Jetter. Er sieht allerdings die Pflicht, die Balance zu halten zwischen einem hochwertigen Abitur einerseits und einer bewältigbaren Stofffülle andererseits. Dazu sei es durchaus nötig, die Lerninhalte noch etwas mehr zu „konzentrieren“ als bisher bereits geschehen. Wolle man ein Jahr einsparen, funktioniere das aber natürlich nur mit einer erhöhten Stundenzahl. Das G 8 gehe einher mit einer latenten Entwicklung zur Ganztagsschule hin, in der unter anderem auch Lehrer der Musikschule Unterricht anbieten. Erstrebenswert sei dabei ein rhythmisierter, organisch gestalteter Stundenplan, in dem Sport, Entspannung und Fächer aus dem Kreativen sich beispielsweise mit Mathematik, Physik oder Sprachen abwechseln. „Toll wäre auch, für die Betreuung besser ausgestattet zu sein.“

Wenig Grund zur Aufregung sieht der Kirchheimer Gesamtelternbeiratsvorsitzende Thomas Auerbach. „Es kann nicht die Rede davon sein, dass der seitherige Stoff auf acht Jahre komprimiert wurde“. Mit dem achtjährigen Gymnasium seien ja auch neue Bildungspläne eingeführt worden. Die Schulen hätten unter anderem mehr Freiräume bekommen, was ihnen das Setzen eigener Schwerpunkte ermögliche. „Es gibt Schulen, die das sehr erfolgreich tun“, so Auerbach. Speziell in Kirchheim hat er unter der Elternschaft keinen großen Unmut ausgemacht. Er selbst kann auch keine Überforderung der Kinder erkennen, sondern vermutet eher, dass Eltern ihre Kinder mitunter überbehüten. Um mehr Zeit zum Üben und Wiederholen des Stoffes zu haben, würde es Auerbach allerdings begrüßen, wenn die Lehrer verpflichtend auch nachmittags in der Schule wären, um den Schülern als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Der Elternbeiratsvorsitzende würde sich außerdem wünschen, dass beim Thema achtjähriges Gymnasium alle an einem Strang ziehen und es „nicht als Schlachtfeld politischer Profilierungen nutzen“.

Die Elternbeiratsvorsitzende am Kirchheimer Schlossgymnasium, Dr. Gerburg Schwenk, bemängelt, dassdie Klassen mit zum Teil 32 oder 33 Schülern zu groß sind und die Infrastruktur an der Schule nicht mit der Entwicklung in Richtung Ganztagsschule Schritt gehalten habe. „Was fehlt, sind entsprechende Aufenthaltsräume.“ Eine gewisse Entlastung in den Stundenplänen habe immerhin der Ausbau des Kraftraums gebracht. Allerdings hätten Sechstklässler bereits zweimal Nachmittagsunterricht. Anschließend müssten noch Hausaufgaben erledigt und für Arbeiten gelernt werden. „Das fällt auch guten Schülern schwer.“ Vieles verlagere sich dadurch automatisch ins Wochenende. Freizeitaktivitäten kämen zu kurz, und, so hat die mehrfache Mutter ausgemacht, die durch ihre Kinder sowohl das neunjährige als auch das achtjährige Gymnasium kennt: „Beim G 8 sind Eltern viel mehr gefordert, Hilfestellung zu geben.“ Eine „Entrümpelung“ der Lehrpläne hielte sie deshalb für dringend geboten.

Die Auswirkungen des Turbo-Gymnasiums bekommen unter anderem die Realschulen durch einen enormen Zuwachs an Schülern zu spüren. „Bei uns haben inzwischen 40 Prozent der Schüler eine Gymnasialempfehlung. So viele waren es sonst nie“, sagt der Rektor der Realschule Weilheim, Winfried Rindle, beispielsweise. „Wir sind inzwischen im Grunde das G 9“, meint Rindle. Denn nach der Realschule sei es problemlos möglich, über eines der berufsbildenden Gymnasien die allgemeine Hochschulreife zu erlangen. Im vergangenen Jahr seien 51 Prozent der Absolventen der Weilheimer Realschule auf das Wirtschaftsgymnasium, das Technische Gymnasium oder eines der anderen berufsbildenden Gymnasien gewechselt. „Die schlaueren Eltern schicken ihre Kinder nach der vierten Klasse deshalb gleich auf die Realschule“, sagt Rindle – „insbesondere, wenn der Notenschnitt bei 2,3 bis 2,5 liegt.“ Sie könnten sich dort viel kindgerechter entwickeln.

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