Lokales

Novembergedanken

"Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor . . . Der Sturm ritt johlend durch das Land der Farben. Die Wälder weinten. Und die Farben starben. Nun sind die Tage grau wie nie zuvor. Und der November trägt den Trauerflor." Diese düsteren Verse Erich Kästners spiegeln etwas von der Stimmung wider, die viele Menschen befällt, wenn sich die Natur für den Winterschlaf rüstet. Nebelschwaden, kahle Bäume, lange Abende fordern dazu auf, über das eigene Woher und Wohin nachzudenken.

Hilfreich bei diesem Unterfangen der Selbstbesinnung und der Selbstprüfung ist mir das Wort aus Psalm 19, 13 der Monatsspruch des eben zu Ende gegangenen Oktobers: "Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist!" Vertraute Erfahrungen sprechen aus der ersten Satzhälfte. Wie leicht übersieht man die eigenen Tippfehler; es fehlt einem der Abstand. Die Fehler der anderen dagegen springen einem sofort ins Auge.

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Um dem eigenen "blinden Fleck" auf die Spur zu kommen, muss ich mir die Hilfe meiner Mitmenschen gefallen lassen. Das kann erheblich am schönen Schein, am mühsam aufgebauten Selbstbewusstsein kratzen. "Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist", bittet der oder die Betende. Darin kommt eine Bereitschaft zum Ausdruck, mich in der eigenen Unzulänglichkeit einem Gott anzuvertrauen, der sogar um das weiß, was mir verborgen ist. Denn "vergebene Schuld macht reiner als bewahrte Unschuld", so Jörg Zink. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass der Mensch bewahrte Unschuld wohl nur mit einem hohen Maß an Verdrängung erkaufen kann.

Am Reformationsfest feiern wir die Gnade, die uns freispricht. Sie besteht nicht in einem Blanko-Scheck für alle möglichen Verfehlungen. Wenn wir Gott gegenüber unsere Schuld eingestehen, kann er sie uns vergeben. Wir bekommen die Zusage, dass das Gewesene uns nicht mehr beschweren soll. Vergebung ist immer konkret, nie pauschal. Dadurch wird möglich, dass mein kleinliches "Ach wie gut, dass niemand weiß. . . " zu einem "Ach, wie gut, dass einer weiß" werden kann.Margret OberlePfarrerin in der evangelischenKirchengemeinde in Brucken