Lokales

Nürtingen ist um eine Gourmet-Adresse ärmer

Am zweiten Weihnachtsfeiertag ist die Tür nach dem letzten Gast endgültig ins Schloss gefallen: Die "Ulrichshöhe" in Hardt hat den Betrieb eingestellt. In das ehemalige Feinschmeckerrestaurant zieht das Dentallabor Fehmer ein.

ANNELIESE LIEB

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NÜRTINGEN "Der Entschluss ist mir nicht leicht gefallen", sagt die Inhaberin Annegret Bub-Fehmer, die das Restaurant 1976 übernommen und zu einer weithin bekannten und beliebten Feinschmecker-Adresse gemacht hat.

"Sehr verehrte, liebe Gäste, Ihre Ulrichshöhe bleibt wegen Umbauarbeiten und Geschäftsumwandlung geschlossen. Am 1. April 2005 eröffnet hier das Dentallabor H. J. Fehmer" steht im Aushangkasten, wo bis vor wenigen Wochen den Gästen mit einem Auszug aus der Speisekarte noch Appetit auf köstliche Kreationen von Küchenchef Bernd Pils gemacht wurde. Sinkende Umsätze in den zurückliegenden drei bis vier Jahren und die Entscheidung von Pils, sich selbstständig zu machen, haben bei Annegret Bub-Fehmer den Entschluss reifen lassen, die "Ulrichshöhe" zu schließen. "Den Zeitpunkt hat Herr Pils bestimmt."

"Seit 1998 stand Pils, der in zahlreichen renommierten Häusern Europas Erfahrung gesammelt hat, in der "Ulrichshöhe" am Herd. Der Küchenchef, dessen Kochkünste im vergangenen Jahr mit einem Guide-Michelin-Stern dekoriert wurden, ist ins Hohenlohische gezogen und hat in Bretzfeld-Brettach das Landhaus Rössle eröffnet.

Wieder einen neuen, jungen Koch aufbauen, der das Guide-Michelin-Niveau hätte fortführen können, das wollte Annegret Bub-Fehmer nicht mehr. "In guten Zeiten, wenn die Umsätze stimmen, ist das einfacher." Doch wie bei vielen anderen Gourmet-Restaurants im Land hat man auch in der "Ulrichshöhe" die wirtschaftliche Rezession zu spüren bekommen.

Noble Geschäftsessen in der Mittagspause wurden bei vielen Firmen auf ein Minimum reduziert oder ganz gestrichen. Zu den Stammgästen zählte zwar nach wie vor die gehobene Klientel, doch das A-la-carte-Geschäft sei weniger geworden, sagt Annegret Bub-Fehmer. "Die Erträge wurden geringer und die hohen Personalkosten sind geblieben." In ihrer Entscheidung bestärkt hat sie auch die Tatsache, dass die beiden Söhne ihre berufliche Zukunft nicht in der Gastronomie gesehen haben.

"Die schmerzlichste Sache war der Schritt, das Haus endgültig zu schließen", sagt Annegret Bub-Fehmer. Sich aus der Gastronomie, in der sie aufgewachsen ist, ganz zu verabschieden, das fiel ihr wahrlich nicht leicht. 1961 hatte ihre Mutter, Anneliese Schilling, das Gasthaus in Hardt übernommen. "Damals hieß es noch ,Ulrichshöhle'." Eine der ersten Taten der neuen Inhaberin bestand darin, aus der "Höhle" eine "Höhe" zu machen.

1976 hat Annegret Bub-Fehmer den Betrieb zuerst pachtweise übernommen, 1980 dann gekauft und ein Jahr später umgebaut. Die Fachfrau hat die "Ulrichshöhe" in all den Jahren mit viel Herzblut geführt, das komplette Interieur des Hauses trug ihre Handschrift. Die Chefin selbst ist einmal in der Woche frühmorgens auf den Großmarkt gefahren und hat frische Blumen fürs Restaurant gekauft. Ihren Sinn für gehobene Tischkultur und feinste Speisen haben die Gäste geschätzt. Annegret Bub-Fehmers persönlicher Ehrgeiz: "Ich wollte immer an der Spitze sein."

Die Überlegung, diesen Anspruch nach dem Weggang von Bernd Pils runterzuschrauben, hat sie schnell wieder verworfen. Zusammen mit ihrem Ehemann, der in Stuttgart ein Dentallabor betreibt, hat sie schließlich entschieden, die "Ulrichshöhe" umzubauen und das zahntechnische Labor in Hardt anzusiedeln. Ab April dürfen nun die Zahntechniker die herrliche Aussicht auf den Albrand genießen.