Lokales

Nürtinger Heilwasser wurde auch in den USA vertrieben

Mit großem Bedauern hat Dr. Alfred Schöll die Schließung der Nürtinger Heinrichsquelle durch die Stadtwerke zur Kenntnis genommen. Der heute 88-Jährige hat als jüngster Sohn von Heinrich Robert Schöll in den dreißiger Jahren die Erbohrung der Quelle und später den Vertrieb des Heilwassers miterlebt.

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NÜRTINGEN Dass die Heinrichsquelle nicht mehr sprudeln soll, schmerzt auch die "Freunde der Heinrichsquelle". Der Vereinsvorsitzende Dr. Rudolf Kohler und die Vorstandsmitglieder sehen allerdings keine Möglichkeit, die Quelle in privater Regie weiterzuführen.

Das Landesamt für Geologie in Freiburg hat bei einer landesweiten Reihenuntersuchung auch an der Nürtinger Heinrichsquelle eine Probe gezogen und dabei eine außergewöhnlich hohe Uranbelastung mit 474 Mikrogramm pro Liter festgestellt. Bei einer zweiten Messung wurde der Wert bestätigt. Nach Rücksprache mit dem Regierungspräsidium Stuttgart hat das Gesundheitsamt des Landkreises Esslingen den Stadtwerken dringend davon abgeraten, das Wasser der Heinrichsquelle weiterhin auszuschenken.

In einem Brief an Dr. Alfred Schöll hat Stadtwerke-Chef Klaußer die Besitzer der Quelle wissen lassen (die Erbengemeinschaft Schöll wollte die Quelle an die Stadtwerke verkaufen), dass die Stadtwerke ein privates Engagement zum Betrieb der Quelle außerhalb der Verantwortung des Versorgungsunternehmens unterstützen würden.

Weder Dr. Alfred Schöll noch der Verein "Freunde der Heinrichsquelle" sehen allerdings eine Möglichkeit, den Ausschank auf privater Ebene wirtschaftlich zu betreiben. Es gebe zwar heute Uran-Filter, so Dr. Kohler, doch die Kosten stünden im keinem Verhältnis zur Wirtschaftlichkeit. Nachdem das Regierungspräsidium den Stadtwerken geraten habe, die Abfüllung einzustellen, müssten auch die Freunde der Heinrichsquelle diese Entscheidung akzeptieren, so der Vorsitzende. Der Verein "Freunde der Heinrichsquelle" wurde vor neun Jahren gegründet. Nach der Brunnensanierung durch die Stadtwerke war es oberstes Vereinsziel, den Absatz des Wassers, von dessen heilender Wirkung nicht nur Nürtinger Bürger überzeugt sind, zu fördern. Ob der Verein weiter bestehen bleibt oder aufgelöst werde, so Dr. Kohler, müsse die Mitgliederversammlung entscheiden, die für Herbst anberaumt werde.

Dass die Heinrichsquelle jetzt nicht mehr sprudeln soll, ist für Dr. Alfred Schöll eine bittere Entscheidung, hat er doch die Entwicklung von Anfang an miterlebt. Bis 1947 war die Heinrichsquelle ein relativ unbedeutender Brunnen, so der Mediziner, der sich schon als junger Arzt bemühte, das Wasser als Therapeutikum einzusetzen. Mit Hilfe des damaligen Landesgeologen Professor Dr. Manfred Frank brachte er eine wissenschaftliche Untersuchung an fünf großen Kliniken auf den Weg. 1949 erhielt die Quelle die Auszeichnung "Staatlich anerkanntes Heilwasser". Danach, so Alfred Schöll rückblickend, wurde das Heilwasser aus Nürtingen von der Brauerei Schöll bis 1991 nicht nur in Deutschland vertrieben, sondern in kleinen Mengen sogar in die USA exportiert. Zu Zeiten Bürgermeister Pfänders, der auch die Trinkhalle am Galgenberg bauen ließ, gab es sogar Pläne, am Galgenberg ein Kurgebiet einzurichten. "Pfänder hat mich gebeten, mich zum Kur-Arzt ausbilden zu lassen". 1952 eröffnete Dr. Schöll in Nürtingen eine Praxis. Bei bestimmten Krankheitsbildern verordnete er seinen Patienten auch Nürtinger Heilwasser.

Mit der Schließung der Brauerei Schöll drohte auch das Aus für die Heinrichsquelle. Als Retter des Galgenbergwassers vereinbarten Oberbürgermeister Bachofer und Familie Schöll den Fortbestand der Heinrichsquelle vertraglich. Man habe vereinbart, dass die Familie Schöll das Wasser der Heinrichsquelle den Stadtwerken kostenlos überlasse und die Stadtwerke im Gegenzug für alle im Zusammenhang mit dem Betrieb der Quelle anfallenden Kosten aufkomme, so Dr. Alfred Schöll. Eine regelmäßige hygienische und bakteriologische Untersuchung, die im Auftrag der Brauerei von Professor Dr. Witzenhausen in Stuttgart durchgeführt wurde, sei wohl später eingestellt worden. Nach seiner Kenntnis, so der 88-Jährige, hätten die Stadtwerke diese Untersuchung eingestellt und deshalb habe die Heinrichsquelle auch das Prädikat "Staatlich anerkanntes Heilwasser" verloren und habe später nur noch aus als Trinkwasser ausgeschenkt werden dürfen.

Das aktuelle Untersuchungsergebnis durch das Landesamt für Geologie und die hohen Uranwerte haben Dr. Schöll nicht sonderlich überrascht. Denn der Urangehalt sei schon 1975 vom Institut Fresenius festgestellt worden. Deshalb kann sich der Arzt auch nicht vorstellen, dass sich die Heinrichsquelle, in homöopathischen Dosen getrunken, negativ auf die Gesundheit auswirkt. Schließlich, so Dr. Schöll, gebe es dazu bislang keine Untersuchungen über mögliche toxikologische Auswirkungen. "Immerhin habe ich selbst 50 Jahre täglich Heinrichsquelle getrunken, ohne jemals einen Gesundheitsschaden festgestellt zu haben." Und 35 Jahre habe er das Wasser wegen seiner gesundheitsfördernden Wirkung seinen Patienten verordnet. Er, so Dr. Schöll, sei auch im Interesse der vielen Patienten, die durch die Schließung verunsichert worden seien, an einer wissenschaftlichen Untersuchung interessiert.

Noch völlig offen ist, was nach der Schließung der Heinrichsquelle mit der Trinkhalle am Galgenberg passiert. Das kleine Gebäude ist im Besitz der Stadt. Aus Gastronomenkreisen ist zu hören, dass man sich dort am Fuße des Galgenbergs einen schönen Biergarten vorstellen könnte.