Lokales

Nur das eine Leben

KIRCHHEIM Die Schwierigkeiten der Historiker, dem einzelnen Leben gerecht zu werden, bildete das hintergründige Thema eines Vortrages der Osteuropa-Expertin Dr. Anne Hartmann von der Ruhruniversität Bochum. Beispielhaft ging es um das Schicksal deutscher Schriftsteller im sowjetischen Exil. Zum fünfjährigen Bestehen des Instituts Koiné (Hermes und Hermine) an der FBS hielt Anne Hartmann den Festvortrag.

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Hartmann, die fließend Russisch spricht, forscht und unterrichtet am Lotman-Institut für russische und sowjetische Kultur. Sie gehörte zu den ersten, die seit 1989 den mühseligen Versuch unternahmen, Einblick in osteuropäische Archive zu erhalten. Gute Nerven, Geduld, List und eine große Portion Glück braucht sie dazu bis heute.

Über das Exil deutscher Autoren wie Bertolt Brecht oder Thomas Mann in Amerika ist viel geschrieben worden. Dass nach Hitlers Machtergreifung neben zahlreichen Arbeitern auch eine Reihe von Schriftstellern nach Moskau ging, war zwar bekannt, wie sie und ihre Familien den stalinistischen Terror und den Krieg mit Deutschland im Einzelnen erlebten, jedoch nicht. Ihre Geschichte ist die Geschichte eines großen, interkulturellen Missverständnisses. Viele waren bereits in den zwanziger Jahren Gast der Sowjetunion gewesen und begeistert dorthin zurückgekehrt. Innerhalb kurzer Zeit wurde ihr Glaube an das Land der Zukunft vom Apparat regelrecht vernichtet. Ihr Leben verkam zum Fall für den sowjetischen Geheimdienst NKWD.

Unbekannteren unter ihnen, wie etwa dem Stuttgarter Schriftsteller Gregor Gog, konnte es passieren, dass sie auf einer armseligen Kolchose, weitab von Moskau, ihr Leben aushauchten. Die, die alles überlebten, gingen fast ausnahmslos in die DDR und wurden angesehene Funktionäre des DDR-Kulturbetriebs. So der Münchener Lyriker Johannes R. Becher oder der Stuttgarter Arzt und Dramatiker Friedrich Wolf, Vater des DDR-Geheimdienstchefs Mischa Wolf.

Dass der "heldenhafte Kampf" gegen Hitler im Exil sie psychisch deformiert und gebrochen hatte, wurde unter den Tisch gekehrt. Besonders die Belastungen für die Frauen, die die Familien zusammenzuhalten versuchten, blieben unbeachtet. An diesem Punkt zeigte sich, wie kenntnisreich, intim, anrührend und zugleich souverän die Referentin sich "ihren" Schriftstellern annäherte. Warum haben später nicht einmal die Kinder über das verpfuschte Leben ihrer Väter gesprochen? Warum hat man sich so täuschen lassen? Warum funktioniert die Aufarbeitung der Vergangenheit an diesem Punkt bis heute nicht? Anne Hartmann hat einen der Söhne gefragt, warum sein Vater sein Leben nie der Kritik unterzogen habe? "Wieso", habe dieser geantwortet, "er hatte doch nur dies eine".

fbs