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Nur Ines schrieb klassische Bewerbungen

Talk-Show mit ehemaligen Schülern soll Lenninger Siebtklässlern die Berufswahl erleichtern

Bei einer Talkshow mit ehemaligen Schülern konnten Siebtklässler der Hauptschule Lenningen gestern erfahren, wie es nach der Schule beruflich weitergehen kann. Eine technische Zeichnerin, eine Floristin, ein Bäckergeselle, ein Landschaftsgärtner und ein Metallbauer standen Rede und Antwort.

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Antje Dörr

Lenningen. Während Gymnasiasten in der siebten Klasse noch eine mehrjährige Schonfrist vor sich haben, wird es für ihre Hauptschulkollegen ernst: Sie müssen sich Gedanken machen, in welchem Bereich sie einmal arbeiten wollen. Der Berufswahlunterricht, der bereits in Klasse 5 beginnt, soll ihnen eine Orientierung bieten. Verschiedene Module wie Betriebsbesichtigungen und Praktika sieht der Lehrplan vor, „aber in Klasse 7 lief früher nichts“, erzählt Andrea Geltz, Konrektorin der Grund- und Hauptschule Lenningen. Dabei sei es auch schon in Klasse 7 wichtig, „langsam in Richtung Berufswahl zu denken.“ Um die Siebtklässler zu sensibilisieren, hatte die Schule einige ihrer Absolventen zu einer Talkshow geladen.

Zu dröhnender Musik liefen sie dann ein, ganz wie in echten Talkshows. Nur dass die Moderatoren nicht Oliver oder Britt hießen, sondern Waltraut Moll und Joachim­ ­Maier. Und dass es nur Antworten auf Fragen gab, die die Siebtklässler interessierten. Wann denn ein Bäcker aus den Federn muss, wollten sie von Felix Rommel wissen, und staunten nicht schlecht, als sie erfuhren, dass er noch früher raus muss als sie und deshalb froh war, wenn er in die Berufschule durfte: „Da musste ich erst um fünf aufstehen.“ Auch vor den Feiertagen sei der Beruf oft anstrengen, erzählt der 17-Jährige, der bei Scholderbeck gelernt hat und dort arbeitet. Aber wenn die Kunden dann zufrieden seien, entschädige ihn das. Außerdem habe er schon immer gerne gebacken - mit zwölf hat er sein erstes Praktikum gemacht. Das Fach Hauswirtschaft/Textiles Werken (HTW) hatte er als einziger Junge in seiner Stufe belegt.

Anders war es bei Ines Riewe: Die 20-Jährige, die heute für die Firma Heller arbeitet, hatte HTW zugunsten des Fachs Technisches Zeichnen abgewählt. Im ersten Lehrjahr stand sie noch am Zeichenbrett, inzwischen läuft alles am PC. Der Siebtklässler Lukas war von ihrem Können schwer beeindruckt, als er einige ihrer Zeichnungen betrachtete: „Das ist ja toll, was die kann!“ Auch Sven Arpino kam gut an. Der 18-jährige Landschaftsgärtner, der für die Firma Baum- und Gartenbau Bühler Mauern baut, Gärten anlegt und Obstbäume schneidet, hatte seine Kletterausrüstung dabei, mit der er sich bei der luftigen Arbeit absichert. Nach der Talkshow hatte er alle Hände voll zu tun, die Schüler in die Gurte einzuspannen. Sven Arpino mag seinen Beruf, weil er den ganzen Tag draußen sein darf: „Ich sehe wie die Sonne aufgeht und wie sie wieder untergeht.“ Stefan Rau hingegen mag Fabrikhallen, besonders, da er selbst mithilft, sie zu bauen. Der 18-Jährige arbeitet in der elterlichen Bauschlosserei mit.

Die 17-jährige Christina Schott ist noch in der Ausbildung. Beim Gewächshausflorist Kaess in Albershausen lernt sie Floristin. Sie mag den Beruf, weil er so abwechslungsreich ist: „Wir machen ja nicht nur Sträuße!“ Bei ihrem Ausbilder hatte sie die Bewerbung einst persönlich vorbeigebracht und sich dabei gleich mit dem Chef unterhalten. Der bot ihr ein Praktikum an, bei dem er sehen wollte, ob Christina „mit Farben umgehen kann.“ Am letzten Praktikumstag unterschrieb sie den Ausbildungsvertrag. Auch Sven musste seine berufliche Eignung zuerst bei einem Praktikum unter Beweis stellen. Stefans Vorstellungsgespräch ging nach eigenen Angaben 15 Jahre lang – sein Vater stellte ihn als Azubi ein. Felix hatte schon zwei Praktika hinter sich und musste sich nicht einmal mehr bewerben. Nur Ines schrieb klassische Bewerbungen. Es sei für die Schüler interessant zu sehen, welche Bedeutung frühzeitige Kontakte hätten, sagte Joachim Maier, der an der Schule den Fächerverbund „Wirtschaft, Arbeit, Gesundheit“ (WAG) unterrichtet.

Waltraut Moll, eine weitere WAG-Lehrerin, findet es wichtig, dass die Schüler erfahren, dass „gestandene Leute aus der Hauptschule kommen.“ Man müsse ihnen für ihre Berufswahl Selbstbewusstsein vermitteln. Das findet auch Gabriel Braun vom Kreisjugendring, der mit den Schülern eine freiwillige Kompetenzwerkstatt durchführt. Er will ihnen helfen, he­rauszufinden, wo ihre Stärken und Schwächen liegen, was ihnen wirklich Spaß macht. Man könne damit gar nicht früh genug anfangen. Denn viele haben noch keine Ahnung, was sie später einmal werden wollen. Lisa S., 13 Jahre alt, hat eines aus der Veranstaltung mitgenommen: Als Bäckerin will sie nicht arbeiten, „weil man da so früh aufstehen muss.“ Da will sie schon lieber Schäferin werden. Der 13-jährige Philipp überlegt, ob er statt Zimmermann nicht doch lieber technischer Zeichner werden soll. Lukas’ Traumberuf war nicht dabei, er möchte entweder Schlosser oder Kfz-Mechatroniker werden. Gefallen hat ihm die Talkshow trotzdem: „Es war cool, dass die extra für uns gekommen sind.“