Lokales

Nur Kahn war bekannt

Was wäre, wenn Topmanager einen Teil ihres Weihnachtsgeldes an die Gemeinschaft abführten? Wäre das wirklich unzumutbar? Fragen wie diese müssen gestellt werden. Denn während ständig eine allgemeine "Geldverknappung" suggeriert wird, gibt es genug Geld nur nicht dort, wo es gebraucht wird.

KREIS ESSLINGEN Das Katholische Bildungswerk lud zu einem "literarisch-politischen Einwurf" mit den "Briefen an den Reichtum", herausgegeben vom kürzlich verstorbenen Carl Amery, in die Galerie im Heppächer ein. Das sollte nicht nur ein Beitrag zur vorgezogenen Bundestagswahl sein, sagte Bildungswerk-Leiter Adalbert Kuhn, sondern auch eine Anregung zum Stellungnehmen und politischen Handeln.

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Schauspieler Rudolf Schulz, der frühere vhs-Leiter Bernhard Tewes und Maria Schneider-Vega vom Sozialdienst katholischer Frauen lasen mit Intensität fünf Auszüge aus Amerys Buch. Der älteste Text stammte aus dem Jahr 370: Damals fragte Basilius der Große, Erzbischof von Caesarea, einen Reichen, woher er den Anspruch auf seine Güter ableite: "Den Hungernden gehört das Brot, das du für dich behältst . . ."

Ganz ähnlich klingt es auch, wenn Rupert von Neudeck an Torwart Oliver Kahn schreibt den einzigen "berühmten Deutschen", den die Bewohner eines afghanischen Dorfes kannten: Mit einem Federstrich könnte der millionenschwere Fußballer dort die Infrastruktur für eine kleine Stadt aufbauen. Und Oskar Negt schlägt dem bisherigen Vorstands- und jetzt Aufsichtratsvorsitzenden von Siemens, Heinrich von Pierer vor, sich zu verpflichten, "dass Sie ins Gemeinwesen gleich welcher Art jeweils die Hälfte ihres Reichtums oder Ihrer Gehälter einzahlen . . .".

Die "Briefe an den Reichtum" richten sich also durchaus an jeden einzelnen Reichen jenen, der in Christian Morgensterns Gedicht "Die Probe" draußen vor der Himmelstür bleibt, während sich das Kamel durchs Nadelöhr quetscht. Die Briefe suchen aber auch nach dem Systemfehler und "Therapien". So analysiert Margrit Kennedy das Prinzip von Zins und Zinseszins, von dem eine kleine besitzende Minderheit profitiert, während der Staat unweigerlich in die Schuldenfalle rutscht. Und sie beschreibt die schwedische JAK-Bank, die auf dem Solidaritätsprinzip aufbaut, zinsfreie Kredite gibt und trotzdem funktioniert.

ak