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Nur mit Skihelm auf die Piste

Unfall von Michael Schumacher bringt Hobbyskifahrer zum Nachdenken

Seit dem Unfall von Michael Schumacher gilt das Skifahren bei vielen als gefährlich. Doch ist dies tatsächlich so? Zwei Wintersportexperten aus der Region sind bei diesem Thema unterschiedlicher Meinung.

Seit dem Skiunfall von Michael Schumacher verzeichnen Thomas Krimmer, stellvertretender Filialleiter von Intersport Räpple in Ki
Seit dem Skiunfall von Michael Schumacher verzeichnen Thomas Krimmer, stellvertretender Filialleiter von Intersport Räpple in Kirchheim, und seine Kollegen eine steigende Nachfrage nach Skihelmen.Foto: Jean-Luc Jacques

Kreis Esslingen. Der schwere Skiunfall von Michael Schumacher, der nach mehr als zwei Wochen noch immer im künstlichen Koma liegt, ist ein großer Schock für seine Familie, Freunde und viele Fans weltweit. Der Unfall des Formel-1-Stars hat auch zahlreiche Hobbyskifahrer zum Nachdenken gebracht. Ist das Skifahren gefährlicher geworden?

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Ja, sagt Bruno Panni, stell­vertretender Vorsitzender des Schneelaufvereins Lenninger Tal und dort für den Winter- und Breitensport zuständig. Dies habe mehrere Gründe. Zum einen tue man sich mit den Carving- und Rocker-Skiern beim Fahren leichter; dies würde dazu verleiten, schneller und unkontrollierter zu fahren. Zum anderen seien die Pisten viel voller als früher. Hinzu komme, dass Helme und Rückenprotektoren das Skifahren zwar sicherer machen – aber so mancher Skifahrer halte sich dadurch für unverletzbar und fahre deshalb unter Umständen extremer. Außerdem liege es im Trend, außerhalb der präparierten Pisten den Hang hinabzusausen. Auch Skifahrer, die in diesem Bereich über wenig Erfahrung verfügen und das Gelände nicht kennen, würden sich dieser Gefahr aussetzen.

Der Kirchheimer selbst fährt nicht außerhalb der präparierten Pisten. Er empfiehlt auch allen anderen Skifahrern, die nicht freigegebenen Pisten zu meiden. Schließlich sei es verboten, sich dort zu bewegen, gibt Panni zu bedenken. Anders sei es bei ausgewiesenen, ungewalzten Pisten, die man auf eigene Gefahr nutzen darf. Auf diesen solle man jedoch nur seinem Hobby frönen, wenn man über das entsprechende Können verfügt.

Aber auch technische Ausrüstungsmöglichkeiten könnten unkontrolliertes Skifahren begünstigen, zum Beispiel Helmkameras und in Skihelmen integrierte Kopfhörer. Vor allem von Letzterem hält Panni gar nichts. Es sei fatal, beim Skifahren Musik zu hören und dadurch nicht mitzubekommen, was um einen herum geschieht. Aber auch die Helmkamera berge Gefahren: Um tolle Aufnahmen zu produzieren, sei der eine oder andere Skifahrer möglicherweise schneller unterwegs als sonst. Zwar bestehe die Möglichkeit, anhand der Aufnahmen einen Skiunfall rekonstruieren zu können, wie es bei Michael Schumacher der Fall war. „Aber eine Helmkamera macht das Skifahren garantiert nicht sicherer“, sagt Panni. „Eine gute Skiausbildung ist viel mehr wert.“

Der stellvertretende Vorsitzende schätzt, dass mittlerweile 95 Prozent aller Skifahrer mit Helm unterwegs sind. Bei den Veranstaltungen des Schneelaufvereins Lenninger Tal fahre keiner oben ohne. Wichtig sei darüber hinaus, dass die Skibindungen richtig eingestellt sind. „Es müssen nicht immer die neuesten Skier sein, aber die Bindung muss passen“, betont Panni.

Auch Rolf Schildhabl, Vorsitzender des Skiclubs Lenninger Alb, hat beobachtet, dass die meisten Skifahrer mittlerweile einen Helm tragen. Der Unfall des ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus vor fünf Jahren habe viel dazu beigetragen. „Dadurch haben zahlreiche Skifahrer dazugelernt.“ Dass die Sportart gefährlicher geworden ist, kann Schildhabl allerdings nicht bestätigen – im Gegenteil: Durch bessere Ausrüstung wie Helme und Protektoren sei das Skifahren sogar sicherer, ist er überzeugt. Außerdem könnten viele Menschen sehr gut Ski fahren. Hinzu komme, dass die Pisten heutzutage relativ gut von den Mitarbeitern der Liftgesellschaften überwacht würden. „Sie sind in gewissem Sinn verkehrssicherungspflichtig“, sagt der Jurist. Dennoch: „Eine absolute Sicherheit hat man nie. Ein Restrisiko bleibt.“

Kameras und Kopfhörer im Helm bezeichnet Schildhabl als Modeerscheinungen. Kopfhörer begrüßt auch er nicht: „Man sollte beim Skifahren auf Geräusche achten können“, zum Beispiel darauf, ob sich von hinten andere Skifahrer nähern. Eine Kamera könne bei einer Unfallrekonstruktion behilflich sein, sagt auch Schildhabl. Dennoch handle es sich dabei eher um eine „Spielerei“. „Dass man dadurch verleitet wird, schneller zu fahren, kann ich mir nicht vorstellen“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Zum Unfall von Michael Schumacher meint Schildhabl, dass dieser jedem hätte passieren können. Der Formel-1-Pilot habe einfach Pech gehabt. Nach dem, was man bisher wisse, könne man Schumacher nicht viel vorwerfen. „Er ist wohl mit geringer Geschwindigkeit gefahren.“

Generell warnt aber auch Schildhabl davor, die präparierten Pisten zu verlassen. „Man kann nur an jeden Skifahrer appellieren, auf den ausgewiesenen Pisten zu bleiben.“

Auch Rückenprotektoren sorgen für mehr Sicherheit beim Skifahren

Seit dem Skiunfall von Michael Schumacher verzeichnen die Mitarbeiter von Intersport Räpple in Kirchheim eine steigende Nachfrage nach Skihelmen. Vor allem kurz nach dem Unfall „haben wir Skihelme verkauft wie schon lange nicht mehr“, sagt der stellvertretende Filialleiter Thomas Krimmer. Bei den Menschen sei das Thema Sicherheit beim Skifahren seit dem Unfall wieder besonders präsent. Einen regelrechten Boom habe es vor fünf Jahren nach dem Skiunfall des ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus gegeben. Damit sei die jetzige Nachfrage nicht zu vergleichen, informiert Krimmer weiter. Das hänge wohl auch mit dem bislang milden Winter zusammen. „Würde auf der Alb Schnee liegen, wäre die Nachfrage sicherlich größer.“ Elke Holl-Gfrörer, Geschäftsführerin von Sport Holl in Weilheim, kann nicht bestätigen, dass sich der Unfall von Schumacher auf den Verkauf von Skihelmen auswirkt. Das führt sie zum einen darauf zurück, dass „wir sehr viele sportliche Kunden haben“, die schon einen Helm ihr Eigen nennen. Zum anderen spiele auch der milde Winter eine Rolle. Dieser verleite nicht gerade dazu, Wintersportartikel zu kaufen. Selbst im Allgäu seien die Bedingungen nicht ideal, gibt die Geschäftsführerin zu bedenken. Thomas Krimmer und Elke Holl-Gfrörer betonen unisono, dass beim Kauf eines Skihelms vor allem auf die richtige Passform zu achten ist. „Er sollte nirgends drücken“, sagt Elke Holl-Gfrörer. Während die Männer auf Belüftungsmöglichkeiten setzen, sei vielen Frauen eine Fliesfütterung wichtig, die schön warm gebe, hat Krimmer beobachtet. Zwischen 90 und 200 Euro koste ein guter, nicht reduzierter Helm für Erwachsene, ergänzt er. Nach einem Aufprall solle man auf jeden Fall einen neuen Helm kaufen, betont Elke Holl-Gfrörer. Ansonsten solle er nach fünf Jahren gewechselt werden. Im Kommen seien darüber hi­naus Rückenprotektoren für Skifahrer, sagt Krimmer. Immer mehr Menschen würden sich danach erkundigen. Dabei handelt es sich um eine Art „Schildkrötenpanzer“, den man als Weste unter der Skijacke trägt. Die Protektoren, die überwiegend die Wirbelsäule und den Steiß schützen sollen, können aus elastischem Schaum oder auch festen Rippen bestehen.„Protektoren machen durchaus Sinn, denn die Pisten sind durch den Kunstschnee sehr hart“, sagt Elke Holl-Gfrörer. „Außerdem sind sie um einiges bequemer geworden.“alm