Lokales

Nur noch 15 000 "Saxones" leben auf dem "Königsboden"

Der lange, harte Winter hat die Not der Menschen in Siebenbürgen/Rumänien noch vergrößert. Jetzt stellt Franz Roth, 69, aus Ötlingen wieder einen Hilfstransport auf die Beine, um Lebensmittel und medizinische Hilfsgeräte in den evangelischen Kirchenbezirk Mediasch zu bringen.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM "Es war ein harter Winter und viele Menschen mussten frieren, weil die Heizkosten für die alten Leute, aber nicht nur sie, viel zu teuer sind", berichtet Reinhart Guib, der Bezirksdechant von Mediasch, in einem Telefongespräch mit unserer Zeitung. Nach dem Massenauszug aus Siebenbürgen zu Beginn der Neunzigerjahre blieben viele alte und hilfsbedürftige Menschen zurück. "Sie haben kein Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen und wer krank ist, kann sich nicht selbst versorgen. Die Medikamente sind sehr teuer", sagt Dechant Guib. "Da ist jede Hilfe willkommen." Die evangelische Kirche hilft, wo sie kann, es gibt ein Altenheim in Hetzeldorf, eine Küche, die täglich rund 100 Portionen "Essen auf Räder" ausfährt, die Sozialstation "Samaritana", einen Medikamentendienst und eine Jugendwerkstatt. Dennoch sind die Siebenbürger Sachsen auf Hilfe von außen angewiesen.

"Alte Menschen und junge Familien sind besonders betroffen. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch." Das weiß auch Franz Roth, der mit seiner Frau bis 1973 selbst in Mediasch lebte. Der gebürtige Siebenbürger Sachse, der mit seiner Familie im Schwabenland eine neue Heimat fand, will die Not der Menschen in Mediasch und Umgebung durch Hilfstransporte lindern. Deshalb bittet er Firmen und Privatleute um Geld- und Sachspenden, wobei ihn die Evangelische Kirchengemeinde Ötlingen sowie die Diakoniestationen Kirchheim und Nürtingen in seinem Anliegen unterstützen.

Inzwischen stapeln sich in Franz Roths Garage und in seinem Hobbyraum im Keller wieder die Kartons, warten Kinderfahrräder, Gehhilfen und Rollstühle auf den Abtransport. Der Lions-Club stiftete großzügig Sachspenden, der Rotary-Club 1 000 Euro und die Firma Bike-Art reparierte kostenlos Fahrräder und Rollstühle. Franz Roth wird in Siebenbürgen unter anderem auch zwei Altenheime ansteuern. Von seiner letzten Fahrt im November weiß er, dass dort vor allem Pampers-Windeln gefragt sind. "Benötigt werden aber auch medizinische Hilfsmittel wie Hörgeräte, Lebensmittel und Geldspenden." Monetäre Hilfe kann an die Kirchenpflege Kirchhem/Teck, KSK Esslingen, BLZ 611 500 20, Konto-Nummer 48 30 06 45, mit dem Vermerk "Frühjahrshilfe" überwiesen werden. Sachspenden können nicht nur bei Franz Roth in Ötlingen, Ob den Bachäckern 3, Telefon 0 70 21/4 13 59, abgegeben werden, sondern auch bei Pfarrer Keller in Ötlingen.

Am 27. April will sich Franz Roth mit dem von Daimler gestellten Kleintransporter auf den 1 400 Kilometer langen Weg machen quer durch Deutschland, Österreich und Ungarn nach Rumänien. Es ist fast die gleiche Route, die im 12. Jahrhundert die Kolonisten, hauptsächlich aus dem Rhein-Mosel-Gebiet, nahmen und damit dem Aufruf des ungarischen Königs Geisa II. nach Siebenbürgen folgten. Der "Königsboden" bildete im Rahmen des ungarischen Reiches eine von der Adelsherrschaft und Leibeigenschaft freie, nur dem König unterstellte Enklave. Durch die Anpassung an die Verhältnisse vor Ort und im stetigen Austausch mit dem Herkunftsraum konnten die "Saxones" ihre kulturellen Werte bewahren und weiterentwickeln. Als staatstragende Nation bestimmten sie die Geschicke Siebenbürgens mit und leisteten ihren Beitrag zur Entwicklung Ungarns und des Habsburgerreiches. Die Kriege und Wirren des 20. Jahrhunderts dezimierten die Siebenbürger Sachsen und rissen sie auseinander. Heute leben rund 200 000 Siebenbürger in Deutschland, 25 000 in Österreich, 38 000 in den USA und in Kanada und nur noch 15 000 im Gebiet des ehemaligen "Königsbodens", der nach dem Ersten Weltkrieg an Rumänien fiel.

Franz Roth kennt die wechselseitige und leidvolle Geschichte der Siebenbürger Sachsen, teilweise aus eigener Erfahrung, und er weiß: Die Not der in Rumänien lebenden "Saxones" ist noch nicht vorüber. Dank vielerlei Hilfe keimt Hoffnung.