Lokales

Nur noch ein Wahrzeichen

Jetzt ist es passiert: Die Linde am Wellinger Kirchle gibt es nicht mehr. Gestern Morgen wurde das Naturdenkmal stückweise abgesägt. Ein Pilzbefall hat diese radikale Maßnahme nötig gemacht, denn der Baum war nicht mehr standfest.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN Ziemlich verloren steht das Wellinger Kirchle in der Ortsmitte. Gemeinsam mit der großen Linde war es das Wahrzeichen des Dorfes bis gestern Vormittag. Jetzt steht der Turm mit angebautem Backhaus geradezu nackt zwischen den Häusern. Nur noch ein paar vergessene Ästchen im Strauchwerk erinnern an den altehrwürdigen Baum. "D' Uhr sieht mr jetzt besser", meint Albert Schanbacher mit Galgenhumor. Seit Kindertagen hatte der 79-Jährige die Linde tagtäglich vor Augen, wohnt er doch direkt gegenüber und zieht jeden Tag die Uhr am Kirchle auf. "I han g'hofft, mi hält se voll aus", meint er wehmütig.

Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Dafür hat das Museum im Kirchle nun neue Exponate: Zwei Baumscheiben hat Wolfgang Säufferer aus Albershausen abgesägt und somit den Tod des Baumes für die Nachwelt dokumentiert. Bei einer ersten Zählung kam Albert Schanbacher auf 150 Jahresringe. Dies deckt sich mit einer Untersuchung des Sachverständigenbüros Katzmaier und Müller aus Welzheim. Die Ingenieure schätzten das Alter der Winterlinde auf 150 bis 170 Jahre.

Bei seiner Untersuchung konnte Forstingenieur Martin Müller den todbringenden Schädling analysieren. Dabei handelt es sich um den Brandkrustenpilz, der das Holz stark zersetzt. Pures Sägemehl kam deshalb bei der stückweisen Fällung zum Vorschein. Dies zeigt allen Beteiligten, dass das Entfernen der Linde die richtige Entscheidung war so schwer dies Bürgermeister und Gemeinderat auch gefallen war. Die Linde wurde nur noch über die Wurzeln in südlicher Richtung gehalten, da das Holz der gegenüberliegenden Wurzeln fast vollständig abgebaut war. Martin Müller empfahl wegen der mangelnden Stand- und Bruchsicherheit die Linde schnellstens zu fällen, insbesondere im Blick auf die örtliche Situation.

"Lass an no a bissle veschpra", ruft Albert Schanbacher Wolfgang Säufferer zu, als dieser mit dem Hubkran zum letzten und höchsten Ast nach oben schwebt. Gemeint ist ein Buntspecht, der unbeeindruckt auf der Suche nach Insekten in dem verbliebenen Wipfel herumhüpft. Diese Nahrungsquelle ist nun endgültig versiegt. Auch wenn nach Abschluss der Arbeiten eine neue Linde gepflanzt wird, werden noch zahlreiche Sommer ins Land gehen, bis ein Specht auf Larvenjagd gehen kann.