Lokales

„Nur wenn ich langsam erfrier . . .“

Behutsame Annäherung an das Schicksal einer Kindsmörderin mit Janne Wagler in der Bastion

Kirchheim. „Es war ein Mädchen“ lautet der Titel des unter die Haut gehenden Stücks, mit dem die Tübinger Schauspielerin Janne Wagler in der Bastion für rund 80 eindring-

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liche, stille und vor allem schmerzhafte Minuten die Fröhlichkeit des Alltags vergessen ließ und trotz der lauen Sommertemperaturen frösteln machte.

„Die Geschichte einer Kindsmörderin“ wird in der Regie von Julian Knab aber nicht zum eindimensionalen vorverurteilenden Tribunal, sondern zum eindringlichen Kammerspiel, das in stiller Betroffenheit überzeugend um Verständnis wirbt für eine so liebenswerte wie tragische Person, die ihr Liebstes tötet, aber alles andere als ein herzloses Monster ist, sondern eine gequälte Kreatur, die mehr in die Rolle des verzweifelten getriebenen Opfers passt als in die einer ruchlos agierenden Täterin.

In der Regie von Julian Knab brillierte die in Chemnitz geborene Vollblut-Schauspielerin und Regisseurin Janne Wagler, die nach dem Abitur ihre Theaterlaufbahn an der Landesbühne Sachsen und am Eduard von Winterstein Theater Annaberg begann und in Tübingen Ostslawische Philologie und Indologie studierte. In einem erneut furiosen Solo wurde sie dem enormen Erwartungsdruck gerecht, den sie selbst im April 2008 bei einem Auftritt in der Bastion mit ihrer Studie „Camille Claudel. Bildhauerin“ geweckt hatte.

Bei aller Kargheit und Zurückhaltung unterstützte das aus einigen wenigen bemalten Klapptafeln und einem multifunktionalen Stapel Schuhkartons bestehende, aber gerade durch diese dienende Hintergrund-Funktion überzeugende Bühnenbild gelungen die Wirkung des leisen, aber umso eindringlicheren Spiels. Maßgeblich unterstützt wurde es zudem durch einige wenige musikalische Versatzsstücke und wirkungsvolle Geräusche einer souverän eingesetzten Bühnentechnik.

Wenn das immer wieder akustisch eingeblendete Blitzlichtgewitter für die an den Pranger der hungrigen Pressefotografenhorde gestellten Kindsmörderin und die Sprache verstummten, setzte die eingespielte kongeniale musikalische Begleitung des Wolfsburger Trios „Oomph“ mit Auszügen aus der CD „Monster“ stimmige Akzente. Die gekonnt eingesetzte Musik konnte die mit Disco-Rock perfekt in Töne umgesetzte Flucht aus der Einsamkeit des Alltags genauso treffend erweitern, wie die passend ausgewählten Liedertexte die Verzweiflung und tiefe Trauer des Stücks ideal ergänzen und doch wieder in passende und nachdenklich machende Worte fassen: „Nur wenn ich langsam erfrier, find ich zu dir . . .“

Für regelmäßige Gänsehaut sorgte aber die ungemeine Nähe und enorme Bühnenpräsenz der auf der Klaviatur ihrer variationsreichen Darstellungskunst spielende, immer wieder kleinste Impulse versendende und ungemein wandelbare Janne Wagler. Eine Sonnenbrille und eine ins Gesicht gezogene Kappe genügten ihr vollkommen, um sich in Sekunden von der naiven, angepassten Schuhverkäuferin Tanja in den berechnend baggernden Brutalo Jan und genauso schnell wieder zurück zu verwandeln.

Mit unglaublicher Leichtigkeit und enormer Präsenz verwickelte die wandlungsfähige und ausdrucksstarke Darstellerin das Publikum in einen stummen mitfühlenden Dialog mit einer von verwirrenden Emotionen getriebenen Kreatur, die ihre naiv verblendete, frische Verliebtheit genauso überzeugend lebte, wie die zynische Brutalität eines Partners, der sich schnell vom romantisch verklärten Helden zum Dämon wandelt. Er nutzt sie schamlos aus, erniedrigt, terrorisiert und traumatisiert sie und nimmt ihr zuletzt ohne jedes Mitgefühl alles, was die beiden völlig unterschiedlichen Menschen bislang leidlich verband: ihr Geld, ihre Unschuld und das von ihr trotz allem verzweifelt herbeigesehnte Kind einer Liebe, die nie eine Chance hatte und auf Gewalt und Unterordnung basierte, statt auf Gefühlen und der von Tina verzweifelt gesuchten Wärme und Geborgenheit.

In einer einfachen Welt zwischen Arbeit, Zweizimmerwohnung und Disco lebend, verliebte sich die unschuldig-naive Schuhverkäuferin in den gefühlskalten Jan, der sie von Anfang an nur ausnutzt und sich biertrinkend und vor dem Fernseher hockend sein Nest baut. Anfangs gibt er ihr allein durch seine noch nicht mit Ängsten eng verknüpfte körperliche Präsenz und durch das bei ihrer Rückkehr von der Arbeit durch den Vorhang schimmernde Licht ein Gefühl der Geborgenheit, der Wärme und des von ihr gesuchten Glücks. Lange wehrt sie sich daher auch dagegen, sich einzugestehen, dass sie auf einen menschenverachtenden Kerl hereingefallen ist und es lange nicht schafft, sich von dem Angst einflößenden Macho zu trennen.

Um ihre Schwangerschaft vor ihm und anderen verbergen zu können, wird sie zur Erpresserin und wächst ausgerechnet durch die Freundschaft und Hilfe ihres väterlichen Erpressungsopfers über ihre eigene Schwäche hinaus, als sie sich klar für ihr Kind entscheidet und die Schlösser zu ihrer Wohnung austauscht. Wenige Monate später muss sie sich dann vor dem Untersuchungsrichter fragen, was aus ihr geworden ist – und wie es so weit kommen konnte.

Tanjas tragische Geschichte ist nicht zuletzt angesichts der diskutierten Abschaffung der Babyklappen und zunehmender Gewaltbereitschaft und Brutalität gegenüber Kleinkindern und Säuglingen von erschreckender Aktualität. Janne Wagler schafft den schweren Spagat, das Entsetzen vor der schrecklichen Tat in ein mitfühlendes, verzeihendes Verständnis zu überführen, das vor allem auch das unschuldige Opfer mit einbezieht. In einem packenden und nuancenreich präsentierten Spiel werden die Zuschauer mit unausgesprochenen Fragen und Empfindungen konfrontieren, ohne dazu auch gleich die passenden Antworten zu bekommen. Stattdessen werden sie zur Musik von „Nur wenn ich langsam erfrier, find ich zu dir . . .“ zum Nachdenken über das tragische Schicksal eines von Liebe und Verzweiflung geradezu zerrissenen „Monsters“ angeregt.