Lokales

Obst in flüssiger Form Apfelsaft, Most und Obstler

BEUREN "Macht hier euren eigenen Apfelsaft!" forderte ein Hinweisschild beim Mostfest im Freilichtmuseum Beuren die jüngsten Besucher auf. Bereitwillig säuberten die kleinen Helfer die Äpfel, zerkleinerten sie in der Obstmühle, pressten in der

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UTE FREIER

Presse den letzten Tropfen heraus, genauso wie die erwachsenen Festbesucher beim "Mosten" nebenan.

Das Endprodukt, naturtrüber Apfelsaft, konnte ebenso wie federweißer Most, "Streuobstler" oder Obstbrand auf dem Museumsgelände verkostet werden. Dazu gab es vielfältige Informationen zur Herstellung dieser Streuobstprodukte, deren Vermarktung zum Erhalt von Streuobstwiesen beitragen soll.

Knorrige Hochstammbäume mit ausladenden Kronen, locker über eine grüne Wiese "verstreut" seit Jahrhunderten prägen diese Streuobstwiesen das Landschaftsbild im Albvorland. Doch der Fortbestand dieser das Auge erfreuenden Wiesen ist gefährdet. "Streuobstwiesen brauchen viel Pflege", erklärte Rolf Wohlfahrt, der, zusammen mit Hildegard Drexler, durch die Streuobstwiesen im Beurener Museumsdorf führte. "Werden sie nicht regelmäßig gemäht, verbuschen sie in drei bis vier Jahren."

Dass allein schon das richtige Mähen mit der Sense und das Dengeln, das heißt Schärfen der Sense, viel Übung erfordert, zeigten zwei Mitglieder des 1. Sensenmähvereins Baden-Württemberg. Rund 30 Minuten dauert das Vorbereiten einer Sense, erst dann kann das Gras geschnitten werden. Außerdem müssen die Bäume regelmäßig geschnitten werden. Dennoch bleibt der jährliche Ertrag der Streuobstwiesen abhängig vom Wetter. "In einem Jahr gibt es viel Obst, im anderen ganz wenig oder mittelmäßig viel. Das alterniert in einem Rhythmus von drei bis vier Jahren", erklärten die Experten vom Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine Nürtingen, Heinz Hekeler, Adolf Kern und Karl Vollmer.

Ein Grund, weshalb in den 50er-Jahren, als die Nachfrage nach Obst anstieg, der Obstanbau durch einen Generalplan neu geordnet wurde. Streuobstwiesen sollten durch Obstplantagen ersetzt werden. "Diese wuchsschwachen Bäumchen werden Spindel genannt", erklärten die Experten vom Kreisobstbauverband, "sie tragen bereits nach zwei Jahren 20 Kilogramm Obst und werden alle 10 bis 15 Jahre ausgetauscht. "Dieser erwerbsmäßige Obstanbau sichert einen gleich bleibenden Ertrag und produziert Tafelobst, das den im Jahr 1971 von der EG festgelegten Normgrößen entspricht. Streuobstwiesen wurden dadurch wirtschaftlich völlig unrentabel. Erst in den 80er-Jahren erkannte man deren ökologischen Wert und versuchte, die noch vorhandenen Wiesen zu erhalten.

"Streuobstwiesen bieten Kleintieren und Vögeln Lebensraum, schützen den Boden vor Erosion, wirken als Windschutz und erzeugen ein besonderes Kleinklima", klärte Hildegard Drexler auf. Gegenüber Obstplantagen zeichnen sie sich durch die Vielfalt der Obstsorten aus. "Auf den rund 600 Obstbäumen im Museum wachsen etwa 40 verschiedene Obstsorten", berichtete Albrecht Schützinger, Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landratsamt Esslingen. Wie viele verschiedene Kernobstsorten es allein im Altkreis Nürtingen gibt, zeigte die Ausstellung "Kernige Vielfalt" vom Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine Nürtingen im Schafstall des Museums.

Aufgereiht auf langen Tischen lagen rote, gelbe und grüne Äpfel nebeneinander, darunter wohlbekannte Tafeläpfel wie Boskop und Cox Orange, aber auch Streuobst mit Namen, die kaum einer kennt, wie Petermännle, Reuderner Sämling oder Neckarhäuser Sircher. "Wir haben hier 120 Kernobstsorten. Viele davon sind ganz alte Sorten wie der Reuderner Sämling, der 1870 aus Frankreich mitgebracht wurde. Er lieferte wagenweise Mostobst, ist geschmacklich aber fad", erklärte einer der Mitglieder des Kreisobstbauverbands.

Früher hatte jeder schwäbische Obstbauer im Keller sein Mostfass, aus dem der vergorene Apfelsaft "krüglesweise" hochgeholt wurde. Wie man sich das vorzustellen hat und was dabei passieren konnte, demonstrierte Rudi Hohler in Nachthemd und Zipfelmütze beim Vortrag des schwäbischen Gedichts "Dr' Gottlieb" im Mostkeller des Museums. "I han mein Most immer no em Holzfass", bekannte Doris Bosch von der Mosterei und Brennerei Bosch in Unterlenningen, "doch wir füllen Most auch in Flaschen ab." Das Streuobst von den eigenen Wiesen wird in der Kleinbrennerei Bosch außer zu Apfelsaft und Most auch zu hochprozentigen Bränden und Likören verarbeitet.

Worauf beim Kauf von Fruchtsaftgetränken zu achten ist, machten die beiden Fachfrauen für Kinderernährung, Gabriele Hagmeyer und Beate Schuhmacher, deutlich. Sie ließen Besucher verschiedene Apfelgetränke testen. "Da ist Wasser mit drin", so das Urteil einer "Testerin". Die Fachfrauen gaben ihr Recht und klärten auf: "Apfelsaft besteht zu 100 Prozent aus dem Saft frischer Früchte, Fruchtnektar hat nur noch einen Anteil von 50 Prozent Saft, ein Fruchtsaftgetränk nur noch 6 bis 30 Prozent. Bei Fruchtnektar und Fruchtsaftgetränk werden Aromen, Wasser und Zucker zugesetzt." Sicher sein, dass man Saft aus frischen und regionalen Äpfeln bekommt, kann man sich beim Kauf des "Beurener Apfelsafts". "Mehr als 160 Erzeuger liefern ihr Obst bei mir in der Sammelstelle ab", informierte Wilfried Keller vom Verein "Beurener Streuobstwiesen".